Wahlen Frankreich

Der Front National ist im Elsass die klare Nummer Eins

Das Gerberviertel Petite France in Strassburg – dem Front National gelingt der Durchbruch in der Europastadt nicht. Er bleibt bei rund zwölf Prozent.

Das Gerberviertel Petite France in Strassburg – dem Front National gelingt der Durchbruch in der Europastadt nicht. Er bleibt bei rund zwölf Prozent.

Beim zweiten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen am 7. Mai dürfte die Rechtsaussen Marine Le Pen im Elsass noch einmal deutlich zulegen. Ihr Stimmen-Reservoir ist gross, aber in Strassburg kann sie sich weiter nicht durchsetzen.

Das Elsass unterscheidet sich wieder einmal vom übrigen Frankreich. Mit 25,7 Prozent der Stimmen liegt die Rechtsextremistin Marine Le Pen deutlich vor dem bürgerlichen Kandidaten François Fillon, der 22,1 Prozent erhielt. Während der parteilose, liberale, Mitte-links-Politiker Emmanuel Macron beim ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen am Sonntag in ganz Frankreich auf dem ersten Platz kam, musste er sich im Elsass mit 21,3 Prozent und Rang drei begnügen.

Anders sah dies in den drei grossen Städten Mulhouse, Colmar und Strassburg aus, wo Macron überall als Sieger aus den Wahlen hervorging. Am knappsten war das Resultat in der ehemaligen Arbeiterstadt Mulhouse, die seit Jahrzehnten regelmässig mit ungewöhnlichen Wahlergebnissen überrascht. Macron lag hier gerade mal 17 Stimmen vor dem Linksaussen-Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, der 22,7 Prozent der Stimmen erhielt.

Der betont populistische Wahlkampf Mélenchons verfing in der südelsässischen Stadt so gut, dass er Marine Le Pen, die 19,7 Prozent erhielt, deutlich auf den dritten Platz verwies – und das in einer eigentlichen Hochburg des Front National (FN). Fillon blieb in der bürgerlich regierten Stadt mit 18,9 Prozent knapp unter dem nationalen Schnitt.

Elsässer verzeihen Fillon nicht

Im ganzen Elsass hat der bürgerliche Kandidat zwar etwas besser als im übrigen Frankreich abgeschnitten, blieb aber in einer Region, die traditionell bürgerlich oder zentristisch regiert wird, weit hinter seinen ursprünglichen Möglichkeiten. Bei den Regionalwahlen 2015 war der bürgerliche Präsident der ehemaligen Region Elsass im ersten Wahlgang auf 33 Prozent gekommen. Den Skandal um die illegale Beschäftigung seiner Ehefrau aber haben Fillon auch viele elsässische Wähler nicht verziehen.

Manche dürften auf Nicolas Dupont-Aignan ausgewichen sein, der mit seiner gaullistisch-nationalistischen Partei Debout la France am rechten bürgerlichen Rand auf Stimmenfang ging. Er schnitt im Elsass mit 6,8 Prozent der Stimmen rund zwei Prozent besser ab als im gesamten Frankreich.

Es ist gut möglich, dass die meisten seiner 67'000 Stimmen im Elsass im zweiten Wahlgang am 7. Mai bei Le Pen landen werden. Dann stehen sich Macron und Le Pen gegenüber. Die Rechtsextremistin lag zwar am Sonntag um drei Prozentpunkte niedriger als der FN bei den Regionalwahlen 2015, dürfte aber insbesondere im Elsass ein erheblich grösseres Stimmenreservoir für den zweiten Wahlgang haben als bisher bei anderen Wahlgängen.
Neben den erwähnten Wählern von Debout la France darf Le Pen auch darauf hoffen, dass sich ein Teil der Fillon-Wähler ihr anschliesst. Es ist keineswegs gesagt, dass alle bürgerlichen Elsässer dem Aufruf Fillons folgen werden, für Macron zu stimmen.

Grosse Unbekannte Mélenchon-Wähler

Die ganz grosse Unbekannte im zweiten Wahlgang dürfte das Verhalten der Mélenchon-Wähler sein. Mit knapp 145'000 Stimmen oder 14,6 Prozent hat Mélenchon den Wähleranteil der äussersten Linken im Elsass gegenüber den letzten Präsidentschaftswahlen verdoppelt. Viele von ihnen dürften aber Proteststimmen sein, die sich von seinen europafeindlichen, linksnationalistischen Thesen angesprochen fühlten und ursprünglich keine linken Wähler sind. Werden sie sich der Stimme enthalten oder den Sprung zur anderen Protestkandidatin Le Pen wagen? Dabei wird Stimmenenthaltung eher dem FN nützen.

Mühe hat der FN weiterhin in der Europastadt Strassburg, die seit vielen Jahren links, Mitte-links oder zentristisch wählt. Hier kam Le Pen am Sonntag auf 12,2 Prozent. Ähnlich sieht das Wählerverhalten mit einer Ausnahme im Grossraum Strassburg aus. Da die Stadt 270 000 und der Grossraum fast dreimal so viele Einwohner hat, bleiben die Wahlerfolge des FN im ganzen Elsass im Rahmen. Der Grossraum Strassburg wird substanziell dazu beitragen zu verhindern, dass Marine Le Pen bei der Stichwahl im Elsass auf Rang eins landet.

Anders dürfte der Sundgau stimmen. Hier kam Le Pen im Wahlkreis Altkirch auf 28,4 Prozent, dicht gefolgt von Fillon mit 27,5 Prozent – Macron kam abgeschlagen auf Rang drei mit 16,4 Prozent. Bei den direkten elsässischen Nachbarn Basels, dem Wahlkreis Saint-Louis, zu dem 21 südelsässische Gemeinden gehören, blieben die Wähler Fillon treu. Er kam mit 30,2 Prozent klar auf den ersten Platz, gefolgt von Le Pen mit 22,9 Prozent und Macron mit 20,8 Prozent.

Autor

Peter Schenk

Peter Schenk

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