Besonders erfolgreich war die am Samstag mit dem Pokalfinale abgelaufene Spielzeit für den erfolgsverwöhnten FC Bayern München nicht. Nicht mal fürs Double hats gereicht. Und beim Champions League-Finale am Samstag sind die Münchner bloss Zuschauer. Die souverän gewonnene Meisterschaft? Wird in München erwartet.

Vermutlich muss sich Bayern Aufsichtsratschef Uli Hoeness nächstens auch noch mit einer Personalie beschäftigen, die für den 66-Jährigen unangenehm ist. Im Aufsichtsrat des Fussballclubs sitzt mit Martin Winterkorn der ehemals angesehene VW-Konzernchef, dessen Nähe bis Herbst 2015 alle aus Politik und Wirtschaft gesucht hatten, die etwas auf sich hielten. Dann kam im Herbst 2015 die VW-Dieselaffäre.

Inzwischen ermitteln Staatsanwälte in Deutschland und in den USA gegen Winterkorn. Die USA haben gar Haftbefehl erlassen. Freilich gilt die Unschuldsvermutung, aber ein Mann, gegen den wegen Betrugs und Marktmanipulation ermittelt wird, als wirtschaftlicher Kontrolleur beim FCB? «Für einen Menschen wie Winterkorn ist die aktuelle Situation der Super-GAU», sagt Wirtschaftsanwalt Markus Wintterle im «Spiegel».

Verschwörung und Betrug

Dass Winterkorn Deutschland nicht mehr verlassen kann, liegt an dem harten Vorgehen der US-Justiz gegen Europas grössten Automobilkonzern. Die amerikanische Justiz will nun auch Winterkorn wegen Betrugs in der Abgasaffäre zur Rechenschaft ziehen, es liegt ein Haftbefehl gegen ihn vor. Die Ankläger werfen ihm ausserdem Verschwörung zum Verstoss gegen Umweltgesetze und zur Täuschung der Behörden vor. Bei einer Verurteilung drohen Winterkorn bis zu 25 Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 275'000 Dollar.

Deutschland wird Winterkorn nicht ausliefern – aber wie andere Staaten vorgehen würden, ist ungewiss. Daher dürfte sich der ehemalige Top-Manager davor hüten, sein Heimatland zu verlassen. Möglicherweise könnte es für Winterkorn, den sie bei VW in einer Mischung aus Ehrfurcht und Vertrautheit «Wiko» genannt hatten, auch in Deutschland bald ungemütlich werden. In Braunschweig ermitteln die Staatsanwälte wegen Marktmanipulation und Betrug. Hintergrund: Winterkorn habe schon viel früher von der Diesel-Affäre Kenntnis gehabt, habe aber nicht reagiert und damit die Anleger nicht rechtzeitig informiert.

Laut Wirtschaftsanwalt Wintterle sei für Winterkorn in Deutschland eine unbedingte Freiheitsstrafe kaum abwendbar. Selbst dann, wenn Winterkorn – wie dieser stets beteuert – von den Manipulationen an den Diesel-Motoren bis zum Auffliegen der Affäre im September 2015 nichts gewusst habe, drohte dem Ex-VW-Boss Ungemach. Winterkorn müsste einräumen, dass er sein Unternehmen fahrlässig strukturiert hatte. «Ein Vorsitzender muss nicht nur beweisen, dass er sich pflichtgemäss verhalten hat, sondern auch, dass er nicht schuldhaft etwas unterlassen hat.»

Zudem untersucht derzeit der Volkswagen-Konzern, ob Winterkorn wegen Fehlverhaltens zu Schadenersatz verklagt werden könnte. Sollte Winterkorn ein Fehlverhalten nachgewiesen werden können, würde auch seine Manager-Haftungsversicherung für die Ansprüche nicht aufkommen, vermuten Experten. «Es ist gut möglich, dass Herr Winterkorn mit einem Grossteil seines Privatvermögens wird haften müssen», sagt Rechtsanwalt Michael Hendricks gegenüber dem «Handelsblatt.»

Winterkorn schweigt derzeit noch zu den Vorwürfen. Das dürfte sich im Sommer ändern, wenn Winterkorns Anwälte Akteneinsicht erhalten haben. Als ob er ein deutliches Signal setzen wolle, verlängerte Winterkorn Anfang dieser Woche seinen Verjährungsverzicht bis Ende Mai 2019. Im Falle von Schadenersatz-Ansprüchen könnte der Ex-Manager also keine Verjährung geltend machen. Bleibt Winterkorn noch sein letzter verbliebener Posten im Aufsichtsrat des FC Bayern München.

Ob er seinen Sitz als Wirtschaftsprüfer bei dem Fussball-Krösus behält, bleibt offen. Bayern-Boss Uli Hoeness hatte sich stets hinter Winterkorn gestellt, zuletzt allerdings äusserte er sich zur Personalie nicht mehr. Hoeness steckt wohl auch in der Zwickmühle. Winterkorn soll, so ist es überliefert, auch dann zu Hoeness gestanden haben, als dieser 2014 wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Jetzt, vier Jahre später, sind die Rollen vertauscht.