USA

Daten zu Polizeigewalt sind «beschissen»

San Francisco, Ende Oktober: Amerikanische Polizisten gehen selten mit Samthandschuhen vor.Noah Berger/AP/KEY

San Francisco, Ende Oktober: Amerikanische Polizisten gehen selten mit Samthandschuhen vor.Noah Berger/AP/KEY

Seit der Erschiessung von Michael Brown wird das Thema Polizeigewalt heiss diskutiert. Laut Bürgerrechtlern wird in den USA beinahe täglich ein Schwarzer von der Polizei getötet. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht.

Vor einigen Wochen ist der ehemalige Polizeikommandant Jon Burge (66) aus dem Gefängnis entlassen worden. Der Name des tief gefallenen Ordnungshüters ist in den USA weitgehend in Vergessenheit geraten. In Chicago aber, seinem ehemaligen Wirkungsort, weckt Burge noch immer Erinnerungen an eine düstere Zeit in den 1970er- und 1980er-Jahren, in der die Stadtpolizei mit aller Brutalität gegen angebliche Kriminelle vorging.

Burge stand an der Spitze einer informellen Gruppe von weissen Polizisten, die mehr als 120 Männer und Frauen, allesamt Schwarze, brutal folterte, um ihnen Geständnisse abzupressen. Anthony Holmes, verhaftet im Jahr 1973, wurden in einer Polizeistation im Süden Chicagos Elektroschocks verabreicht, bis er einen Mord gestand, den er nicht begangen hatte. Er verbrachte 30 Jahre im Gefängnis und sagt heute: «Ich brauche Hilfe.»

Wegen Meineids verurteilt

Andere Opfer wurden ausgepeitscht, zusammengeschlagen oder verbal schwer misshandelt. Fast 100 Millionen Dollar kostete es die Stadt Chicago, sämtliche Verästelungen dieser traurigen Geschichte auszuleuchten und alle namentlich bekannten Opfer zu entschädigen. Die Aufarbeitung der Affäre dauerte Jahre.

Burge, der bereits 1993 gefeuert worden war, aber noch heute eine staatliche Pension bezieht, landete erst 2010 hinter Gittern. Und zwar nicht wegen der Misshandlung von verhafteten oder festgenommenen Menschen; diese Taten waren verjährt. Vielmehr wurde Burge wegen Meineids verurteilt.

Selbst in Genf wurde registriert, dass Chicago es nicht eilig hatte, ein düsteres Kapitel der Stadtgeschichte aufzuarbeiten. 2006 äusserte sich der UNO-Ausschuss gegen Folter sehr besorgt über die Verzögerungen. Nachzulesen ist diese Kritik im letzten amerikanischen Länderexamen, dem sich alle 156 Unterzeichnerstaaten der UNO-Antifolterkonvention unterziehen müssen.

Alle 28 Stunden eine Person getötet

Derzeit arbeitet der UNO-Ausschuss gegen Folter an einem neuen Länderexamen, das in zwei Wochen publiziert wird. Vergangene Woche führte das Expertengremium in Genf Anhörungen durch, in denen die Rede auch auf Polizeigewalt in Amerika kam.

Mit einer emotionalen Stellungnahme meldeten sich die Eltern des im August in Ferguson (Missouri) getöteten Michael Brown zu Wort. Sie bezeichneten die Erschiessung ihres 18-jährigen Sohnes durch den weissen Polizisten Darren Wilson als Verstoss gegen die Antifolterkonvention, die auch «grausame und unmenschliche Behandlung» durch staatliche Autoritäten verbietet.

In der schriftlichen Stellungnahme bezeichnen die Eltern von Brown dessen Ermordung sinngemäss als die Spitze des Eisbergs. So habe eine Bürgerrechtsgruppierung herausgefunden, dass allein im Jahr 2012 313 schwarze Amerikanerinnen und Amerikaner durch Polizisten getötet worden seien – «oder eine Person alle 28 Stunden. Nahezu alle diese Individuen waren unbewaffnet.»

Allein: Stimmt diese Behauptung? Ist Polizeibrutalität in Amerika tatsächlich derart weit verbreitet, dass (fast) jeden Tag ein Mensch zu Unrecht getötet wird? Eine einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Denn laut David Klinger gibt es in den USA «keine Statistik, die ernst genommen werden kann» über das Ausmass von Verfehlungen von Polizisten. Klinger ist Kriminologe an der University of Missouri in St. Louis und als ehemaliger Polizist mit seinem Forschungsgegenstand wohlvertraut.

«Die vorhandenen Daten sind beschissen», sagt er. Diese pointierte Kritik bezieht sich vor allem auf die Statistik der Bundespolizei FBI, die jedes Jahr Auskunft über «vertretbare Morde» gibt: Diese Zusammenstellung umfasst die Tötung von Kriminellen, vorgenommen von Ordnungshütern mit einer Waffe. 2013 gab es landesweit 461 solcher Morde, 2012 waren es 426. Zum Vergleich: 2013 wurden in den USA 14 196 Morde registriert, 2012 waren es 14 856.)

Was ist ein «vertretbarer Mord»?

Selbst Statistiker im Dienste der Bundesregierung bezweifeln aber, dass die FBI-Zahlen erschöpfend Auskunft geben. Aus dem Justizministerium heisst es, dass die Bundespolizei nicht immer auf die volle Kooperation regionaler oder lokaler Polizeibehörden zählen könne. Auch werden nicht alle Tötungsdelikte gleich klassifiziert: Was in New York City als «vertretbarer Mord» gilt, mag in der Provinz des Südens anders eingestuft werden.

Den Test aufs Exempel machte 2011 der ehemalige FBI-Agent Jim Fisher, der lange Jahre an einer kleinen Universität im Bundesstaat Pennsylvania Kriminologie unterrichtet hatte. Fisher durchkämmte ein ganzes Jahr lang, quasi im Stundentakt, das Internet auf Nachrichten über Schiessereien, an denen US-Polizisten beteiligt waren. Am Schluss umfasste seine Liste 1146 Vorfälle, bei denen 607 Menschen starben. Das FBI geht in seiner Statistik von bloss 404 «vertretbaren Morden» aus.

Auch der UNO-Ausschuss gegen Folter ist in diesem Fall keine Hilfe. Obwohl das Genfer Gremium doch dem Normalbürger als Anlaufstelle dienen sollte, wenn die Bürgerrechte massiv verletzt werden. So erhielt der Ausschuss bis Mitte August 2014 mehr als 150 Beschwerden aus der Schweiz über staatliche Willkür und Misshandlung.

Amerikanern steht dieser Weg aber nicht offen, da die USA die Arbeit des UNO-Gremiums als neutrale Ermittlungsstelle nicht anerkennen. Deshalb lässt sich das Ausmass der Polizeigewalt in Amerika nur mittels anekdotischen Erzählungen, wissenschaftlicher Arbeiten, die sich auf einzelne Regionen beschränken, und gerichtsnotorischer Vorfälle ermessen.

Zusammengenommen deuten diese Daten aber auf ein Problem hin, mit dem gerade Polizeikorps in grösseren Städten, in denen sich das Zusammenleben von schwarzen und weissen, von armen und reichen Amerikanern traditionell schwieriger gestaltet, kämpfen. Die Erschiessung von Michael Brown stellt wohl tatsächlich bloss die Spitze des Eisbergs dar.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1