Coronakrise

Das Ende des Sonderwegs? Schweden denkt über einen Tabubruch nach

Noch sind Cafés überall in Schweden geöffnet. Ob das so bleibt, ist nicht mehr gesichert. Zumindest lokal könnte es zu Lockdowns kommen.

Noch sind Cafés überall in Schweden geöffnet. Ob das so bleibt, ist nicht mehr gesichert. Zumindest lokal könnte es zu Lockdowns kommen.

Das skandinavische Land zieht erstmals härtere, lokale Restriktionen in Betracht. Chefepidemiologe Tegnell warnt vor steigenden Zahlen.

Die zweite Welle ist bisher nur zaghaft über Schweden geschwappt – doch im Moment sieht es so aus, als könnte sie auch im 10-Millionen-Land mit der lockeren Coronastrategie wieder anschwellen. Erstmals kommen deshalb bisherige Tabus wie punktuelle Lockdowns mit Schulschliessungen aufs Tapet, wenn auch nur lokal.

Im internationalen Vergleich hat Schweden über den Sommer tiefe Fallzahlen verzeichnet, während in den meisten anderen Ländern die Kurven wieder nach oben zeigten. Die enorm hohen schwedischen Todeszahlen vom Frühjahr haben sich auf ein bis zwei pro Tag reduziert, während die Fallzahlen in den letzten 14 Tagen mit 43 pro 100000 Einwohner klar unter jenen der Schweiz (61) lagen.

Gründe dafür dürften laut der schwedischen Gesundheitsbehörde eine hohe Immunität in der Bevölkerung sein, vor allem aber eine konstant gleichbleibende Strategie, ohne Lockdown und Wiederöffnung.

Chefepidemiologe Tegnell hebt mahnend den Finger

Die weltweit beachtete Strategie mit nur ganz wenigen Restriktionen und lediglich Empfehlungen wie Händewaschen, Distanzhalten und Home Office soll denn auch weiterhin das Mass der Dinge bleiben. Eine Strategie, die von der Bevölkerung akzeptiert werde und die sich über lange Zeit durchhalten lasse, wie Chefepidemiologe Anders Tegnell immer wieder sagte. Allerdings sah sich Tegnell in den letzten Tagen gezwungen, den Zeigefinger zu heben.

Schwedens "Mister Corona" warnt vor steigenden Zahlen.

Schwedens "Mister Corona" warnt vor steigenden Zahlen.

Auf tiefem Niveau stiegen nämlich auch in Schweden die Fallzahlen in lokalen Hotspots wieder an. Zunächst waren es vor allem junge Menschen, es gab Ausbrüche in mehreren Sportvereinen und an Hochschulen, vereinzelt aber auch wieder Fälle in Altersheimen; die Zahl der Coronapatienten auf der Intensivstation ist mit 21 jedoch tief. Im aktuellen 7-Tage-Durchschnitt liegt Schweden nun etwa auf dem Niveau der Schweiz, die zuletzt einen Rückgang der Neuansteckungen verzeichnete.

Massnahmen nur «extrem lokal» einsetzen

Doch Tegnell scheint sein Land schon einmal auf eine Verschlimmerung der Situation im Spätherbst und Winter vorbereiten zu wollen. Für den Fall, dass die Ansteckungen weiter zunehmen, so der Chefepidemiologe, würden Restriktionen geplant, die klar weiter gehen als man es bisher in Schweden kannte: Maskenobligatorium, Schulschliessungen, Quarantäne für Familien, vielleicht Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Allerdings sollen solche Massnahmen nur kurzzeitig und «enorm lokal» eingesetzt werden, für einzelne Arbeitsplätze oder Quartiere.

Konkret werden die Massnahmen bereits mit den Behörden in Stockholm diskutiert, wo sich die Ansteckungen zuletzt stark ausbreiteten. Dort will Tegnell auch ein besonderes Augenmerk auf die sozial belasteten Vororte legen, wo der Wohnraum enger ist und viele Personen einfache Jobs haben, bei denen kein Home Office möglich ist. Dass die Menschen die Einschränkungen allerdings akzeptierten, sei es wichtig, dass sie nur für kurze Zeit gälten. Für zwei oder drei Wochen, so Tegnell. Schädliche Auswirkungen müssten zudem gut abgefedert werden.

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