Kurdistan

Darum wird ein eigener Staat für die Kurden ein Traum bleiben

Drachen mit dem Portrait des Kurdenführers Abdullah Öcalan. (Archiv)

Drachen mit dem Portrait des Kurdenführers Abdullah Öcalan. (Archiv)

Der Krieg ist zurück: Eine Splittergruppe der kurdischen Arbeiterpartei PKK verübt einen verheerenden Selbstmordanschlag in Ankara, die türkische Luftwaffe bombardiert darauf PKK-Stellungen in Anatolien. Dabei waren noch nie so viele Kurden der Unabhängigkeit so nah wie heute. Dennoch wird es vermutlich keinen gemeinsamen kurdischen Staat geben.

Als Karl May seinen Roman «Durchs wilde Kurdistan» (1881) veröffentlichte, waren die meisten Kurden Untertanen des Sultans – Kurdistan war zum grössten Teil ein östliches Randgebiet des riesigen Osmanischen Reichs. Heute leben die 24 bis 30 Millionen Kurden zur Hauptsache in vier verschiedenen Ländern: in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien. Kleinere Minderheiten gibt es in weiteren Ländern wie Armenien oder Aserbaidschan. Die Kurden sind das grösste Volk im Nahen Osten, das keinen eigenen Staat hat. 

Kurdische Siedlungsgbiete: Neben den Kurden bevölkern zahlreiche andere Ethnien diese Region.

Kurdische Siedlungsgbiete: Neben den Kurden bevölkern zahlreiche andere Ethnien diese Region.

Daran wird sich so bald auch nichts ändern. Wenn die Länder, in denen kurdische Minderheiten leben, sonst auch noch so zerstritten sind – in einem Punkt sind sie sich einig: Ein kurdischer Nationalstaat darf nicht entstehen. Die Kurden selbst sind zudem weit davon entfernt, mit einer Stimme zu sprechen. 

Das Land

Kurdistan ist kein exakt umrissener geografischer Begriff. Das kurdische Siedlungsgebiet, das bis zu 530'000 km2 umfasst, erstreckt sich über das östliche Anatolien – im Südosten der Türkei – und das westliche Zagrosgebirge im Iran und im Nordirak. Neben den Kurden bevölkern aber auch zahlreiche andere Ethnien diese Region, während wiederum viele Kurden ausserhalb des Gebietes leben. 

Raue Landschaft: Berge im irakischen Kurdistan.

Raue Landschaft: Berge im irakischen Kurdistan.

Die Landschaft ist gebirgig – die höchste Erhebung ist der Ararat mit über 5000 Metern über Meer – und eher unwirtlich. Ihre Unzugänglichkeit sorgte dafür, dass der wirtschaftliche und kulturelle Austausch eher zäh verlief. Allerdings gibt es grosse Ölvorkommen, vor allem im Nordirak: Zwei Drittel des irakischen Erdöls sprudeln aus kurdischen Quellen. Dazu kommen bedeutende Wasservorräte – der Euphrat und der Tigris entspringen dort. 

Die Sprache

Kurdisch gehört zum iranischen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie. Es ist aber keine einheitliche Sprache, sondern zerfällt in drei grosse Dialektgruppen, die miteinander verwandt, aber sehr verschieden sind: Kurmandschi (Nord-Kurdisch), Sorani (Zentralkurdisch) und Pehlewani (Südkurdisch). Wer nur einen der Dialekte spricht, versteht die anderen nicht. Mehrere Millionen ethnische Kurden sprechen Zazaki und Gorani, die keine kurdischen Sprache sind, aber ebenfalls zu den nordwestlichen iranischen Sprachen gehören. 

Kurdische Dialekte: Hellrot = Kurmandschi, Rot = Sorani, Dunkelrot = Pehlewani. Grün = gemischte Zonen. Zazaki (Gelb) und Gorani (Orange) sind keine kurdischen Dialekte, sondern andere iranische Sprachen.

Kurdische Dialekte: Hellrot = Kurmandschi, Rot = Sorani, Dunkelrot = Pehlewani. Grün = gemischte Zonen. Zazaki (Gelb) und Gorani (Orange) sind keine kurdischen Dialekte, sondern andere iranische Sprachen.

In der Türkei, wo der offizielle Gebrauch der kurdischen Sprache lange verboten war, verfolgte der Staat eine erbarmungslose Assimilierungspolitik. Sogar die Verwendung von kurdischen Buchstaben, die im Türkischen nicht vorkommen (beispielsweise q, w und x), konnte eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen. Viele Kurden in der Türkei sprechen daher ein schlechtes Kurdisch

Die Menschen

Woher die Kurden kommen, ist nicht im Detail geklärt. Vermutlich sind ihre Vorfahren vor etwa 4000 Jahren im Zuge der indoeuropäischen Wanderung in den westlichen Iran gelangt und haben sich mit der ansässigen Bevölkerung vermischt. Der Begriff «Kurd» umschrieb im Mittelalter Nomadenstämme, die weder arabisch noch türkisch sprachen. Die bis zu 500 verschiedenen kurdischen Stämme – die meisten davon waren Nomaden – hatten untereinander wenig gemein. Dennoch konnte sich im Lauf der Zeit eine eigene kurdische Identität ausbilden, die auf kultureller und ethnischer Zugehörigkeit basierte. Diese Entwicklung wurde durch die jahrhundertelange Fremdherrschaft begünstigt. 

Kurdische Männer in traditioneller Tracht, um 1873.

Unter sich rivalisierten die Stämme jedoch scharf, zum Beispiel um Weiderechte. Bündnisse wurden je nach Interessenlage geschlossen und gekündigt. Nicht zuletzt das Stammeswesen verhinderte die Entstehung eines kurdischen Staates; sogar heute noch sind alte Feindschaften zu spüren. Manche Kurden in der Türkei verachten die irakischen Kurden, die sie als arabisiert betrachten; umgekehrt bezeichnen die Kurden im Irak jene in der Türkei gern als Tirkmandschen – turkisierte Kurmandschen.

Die Religionen

Vor der Islamisierung, die im 7. Jahrhundert begann, dürfte derZoroastrismus die dominierende Religion gewesen sein. Reste davon prägen möglicherweise heute noch die religiösen Vorstellungen vieler Kurden. Zu den heute noch vorhandenen nicht-islamischen Minderheiten gehören – neben wenigen Christen – vor allem dieJesiden, die überwiegend ethnische Kurden sind. Viele Muslime halten die Jesiden für Teufelsanbeter; von der Terrormiliz «Islamischer Saat» werden sie gnadenlos verfolgt

Die grosse Mehrzahl der Kurden sind jedoch Muslime. Rund 80 Prozent von ihnen sind Sunniten. 15 Prozent Aleviten und 5 Prozent Schiiten, die vornehmlich im Südirak leben. In einigen Fällen verstärkt die religiöse Ausrichtung die Diskriminierung der Kurden – besonders im schiitisch dominierten Iran, wo die Kurden überwiegend sunnitisch sind, aber auch bei den alevitischen Kurden in der sunnitischen Türkei. 

Das Trauma von Lausanne

Aufstände gegen die osmanische oder persische Herrschaft gab es bereits im 19. Jahrhundert. Doch erst mit der Niederlage und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieggewannen nationalstaatliche Vorstellungen an Gewicht. Genährt wurden die kurdischen Hoffnungen durch die 14-Punkte-Erklärung des US-Präsidenten Woodrow Wilson, wo es unter Punkt 12 heisst: 

«Den türkischen Teilen des jetzigen Osmanischen Reiches sollte eine unbedingte Selbstständigkeit gewährleistet werden. Den übrigen Nationalitäten dagegen, die zurzeit unter türkischer Herrschaft stehen, sollte eine zuverlässige Sicherheit des Lebens und eine völlig ungestörte Gelegenheit zur selbstständigen Entwicklung gegeben werden.»

Vom Osmanischen Reich wäre nach dem Vertrag von Sèvres nur ein kümmerlicher Rest übrig geblieben.

Vom Osmanischen Reich wäre nach dem Vertrag von Sèvres nur ein kümmerlicher Rest übrig geblieben.

Tatsächlich sollte das Osmanische Reich gemäss demFriedensvertrag von Sèvres 1920 einen Grossteil seiner Gebiete abtreten – und Kurdistan die Autonomie mit der Aussicht auf spätere Unabhängigkeit erhalten. Dabei schlugen die Siegermächte allerdings das erdölreiche Gebiet um Mosul dem britischen Mandat zu. 

Doch aus dem Kurdenstaat wurde nichts: Der neugegründete türkische Staat unter Atatürk machte den Vertrag zur Makulatur. ImVertrag von Lausanne erkannten die Alliierten 1923 die Türkei an und revidierten einen Teil der Gebietsabtrennungen. Von einem kurdischen Staat war nicht mehr die Rede. 

Das Intermezzo von Mahabad

Im Iran, wo es zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere kurdische Aufstände gab, entstand nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig ein kurdischer Staat. Die Volksrepublik Mahabad im äussersten Nordwesten des Landes wurde 1946unter sowjetischer Schirmherrschaft gegründet. Das Gebilde bestand nur ein knappes Jahr: Nachdem die Sowjets ihre Truppen aus dem Nord-Iran abgezogen hatten, eroberte die iranische Armee das Gebiet zurück. 

Flagge der kurzlebigen Republik Mahabad.

Flagge der kurzlebigen Republik Mahabad.

Unruhen im iranischen Teil Kurdistans gab es danach erst wieder nach der islamischen Revolution: 1979 erklärte Ayatollah Chomeini den Kurden den Heiligen Krieg; 2005 erstickte die Armee einen kurdischen Aufstand in der Region, der von Mahabad ausgegangen war. 

Der Aufstand der «Bergtürken»

In der Türkei, wo die grösste kurdische Minderheit lebt, war die Lage der Kurden besonders prekär. Der neue Nationalstaat verfolgte einen aggressiven Nationalismus, der keinen Platz für eine kurdische Identität liess: Sie wurden als «Bergtürken» bezeichnet, die eine «degenerierte persische Sprache» übernommen hätten. Die politische Betätigung blieb ihnen verwehrt, aber auch ihre Kulturwurde unterdrückt – so wurde ihnen verboten, die Sprache zu sprechen oder bestimmte traditionelle Kleidungen zu tragen.

Mehrere kurdische Aufstände in der Türkei wurden blutig niedergeschlagen. Seit 1984, als die 1978 von Abdullah Öcalan gegründete Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) den bewaffneten Kampf aufnahm, ist der Südosten der Türkei nicht mehr zur Ruhe gekommen. Mitte der 90er Jahre kontrollierte die PKK, die in der EUals Terror-Organisation gilt, weite Gebiete in Südost-Anatolien. Nach der Verhaftung von Öcalan 1999 zog sich die PKK auf dessen Aufruf hin aus ihren Stellungen in den Nordirak zurück. In geheimen Verhandlungen erklärte sie sich 2011 zu einem Waffenstillstand bereit; doch seit Mitte 2015 herrscht erneut offener Krieg zwischen dem türkischen Staat und der PKK. Die türkische Regierung bekämpft zudem die seit 2015 im Parlament vertretene pro-kurdische Partei HDP

Kugelhagel: Im Südosten der Türkei tobt ein Krieg zwischen der türkischen Armee und der PKK.

Kugelhagel: Im Südosten der Türkei tobt ein Krieg zwischen der türkischen Armee und der PKK.

Autonomie im Nordirak

Auch im Irak versuchte die kurdische Minderheit einen eigenen Staat zu gründen. 1923 rief Mahmud Barsani ein kurzlebiges kurdisches Königreich im Nordirak aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich die Kurden im Irak einer grösseren Freiheit erfreuen als in der Türkei, doch wenn separatistische Bestrebungen zu stark wurden, schlug die Zentralregierung in Bagdad jeweils hart zu. 

Besonders brutal ging der irakische Diktator Saddam Hussein gegen die Kurden vor. Gegen Ende des Iran-Irak-Kriegs führte die Armee in der «al-Anfal»-Operation eine Strafaktion gegen die kurdische Zivilbevölkerung durch, die sich auf die Seite des Irans gestellt hatte: Bei einem Giftgasangriff auf Halabdscha starben 5000 Menschen. 1991, nach dem Zweiten Golfkrieg, richteten die Alliierten eine Flugverbotszone über dem Nordirak ein, um die Kurden vor Saddams Zorn zu schützen. 

Nach Saddams Sturz im Irakkrieg konnte sich 2003 ein autonomer kurdischer Teilstaat etablieren, dessen Präsident seit 2005 Massud Barsani ist. Diese Autonome Region Kurdistan, die über die weltweit neuntgrössten Erdölvorkommen verfügt, ist derzeit dasjenige politische Gebilde, das einem unabhängigen kurdischen Staat am nächsten kommt. Die Region hat ein eigenes Aussenministerium und verfügt mit den «Peschmerga» über eigene Truppen, die gemeinsam mit der internationalen Koalition im Irak gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat» kämpfen. Die dominierende Partei, Barsanis Demokratische Partei Kurdistans (DPK), unterhält gute Beziehungen zur Türkei. 

Bürgerkrieg in Syrien

In Syrien sind die Kurden die grösste Minderheit; sie leben vornehmlich im Norden und Nordosten. Auch hier wurden sie diskriminiert – so führte die Regierung 1962 eine Volkszählung durch, in deren Gefolge etwa jeder fünfte Kurde seine syrische Staatsbürgerschaft verlor. 

Mitglieder der Kurdenmiliz YPG feiern ihren Sieg über den «Islamischen Staat» in Kobane. Die YPG ist der militärische Arm der PYD.

Mitglieder der Kurdenmiliz YPG feiern ihren Sieg über den «Islamischen Staat» in Kobane. Die YPG ist der militärische Arm der PYD.

Wie im benachbarten Irak eröffnete den Kurden auch in Syrien ein Krieg neue Möglichkeiten: Der 2011 ausgebrochene Bürgerkrieg schwächte das Assad-Regime und nötigte Damaskus zu Zugeständnissen. Die syrische Schwesterpartei der PKK, die 2003 gegründete Partei der Demokratischen Union (PYD), baute Ende 2013 eine Übergangsverwaltung in Nordsyrien auf, da die staatlichen Strukturen dort nahezu vollständig zusammengebrochen waren.

Daraus ging 2014 eine faktisch unabhängige autonome Region hervor. In diesem «Rojava»(kurdisch für «Westen») genannten Gebiet hat die PYD zahlreiche Kontrollpunkte errichtet undkontrolliert weite Landstriche entlang der Grenze zum Irak und zur Türkei. Ihre Truppen führten auch den Kampf um die Stadt Kobane, die vom «IS» angegriffen wurde und monatelang hart umkämpft war. 

Kein gemeinsamer Staat

Obwohl die Kurden derzeit sowohl im Irak wie in Syrien über faktisch unabhängige Gebiete verfügen, wird daraus wohl nicht die Keimzelle eines gemeinsamen Staates entstehen, der die kurdischen Siedlungsgebiete umfassen könnte. Zum einen kann die PKK den Krieg gegen den hochgerüsteten türkischen Staat nicht gewinnen. Zum andern sind die Kurden zu sehr untereinander zerstritten. Grob gesagt gibt es zwei Lager: Auf der einen Seite stehen die PKK und die syrische PYD, die mit dem Assad-Regime und dem mit diesem verbündeten Iran kooperieren. Auf der anderen Seite steht die irakische DKP von Barsani, die gute Beziehungen zur Türkei unterhält und mit der PKK verfeindet ist. 

Möglicherweise entsteht mit dem Zerfall von Syrien und dem Irak – beide Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches – eine neue politische Ordnung im Nahen Osten, in der auch ein oder mehrere unabhängige kurdische Staaten ihren Platz haben. Vermutlich würden diese kurdischen Staaten aber zwangsläufig irredentistische Bestrebungen verfolgen, um die türkischen Kurdengebiete zu befreien. Weitere Konflikte wären damit programmiert.

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