Deutschland

Bundestag debattiert über Bluttests gegen Trisomie 21: «Das Ergebnis könnten Designerbabys sein»

Eine Mehrheit der Abgeordneten sprach sich dafür aus, dass solche mehrere hundert Euro teuren Bluttests in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden.

Einfache Bluttests ermöglichen heute, das Risiko für Trisomie 21 bei Ungeborenen festzustellen. Diese Tests sollen künftig von den Krankenkassen bezahlt werden. Kritiker halten solche Tests für ethisch fragwürdig.

Die Frage ist ethisch derart heikel, dass die Bundestagsabgeordneten bei der zweistündigen Debatte am Donnerstag vom Fraktionszwang befreit waren: Sollen Bluttests zur Feststellung von Trisomie 21 bei Ungeborenen von den Krankenkassen bezahlt werden? Diese seit 2012 existierenden Bluttests gelten für das Ungeborene – im Gegensatz zu invasiven Methoden wie die Untersuchung des Fruchtwassers – als risikofrei.

Die Tests ermöglichen es, die DNA-Spuren des Fötus herauszufiltern und auf Chromosomen-Störungen zu untersuchen. Damit lässt sich ermitteln, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine Trisomie ist.

Eine Mehrheit der Abgeordneten sprach sich dafür aus, dass solche mehrere hundert Euro teuren Bluttests in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden. Viele argumentierten, dass die für das Ungeborene weit gefährlichere Fruchtwasseruntersuchung bereits heute von den Krankenkassen übernommen wird und es daher sinnvoll sei, die für den Fötus weniger gefährlichen Tests ebenfalls von den Kassen bezahlen zu lassen. Es sei nicht rational, sagte etwa die CDU-Abgeordnete Claudia Schmidtke, dass die weit weniger gefährlichen Bluttests nicht im Leistungskatalog der Kassen seien.

Bereits vor der Debatte setzte sich CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn für die Kostenübernahme der Bluttests aus. «Wenn jetzt ein Test kommt, der quasi kein Risiko mehr hat, dann müssen die Kassen das zahlen», sagte Spahn in einem Interview. Ein Fachgremium aus Wissenschaftlern und Medizinern wird bis Sommer entscheiden, ob die Bluttests in die Grundversicherung der Kassen aufgenommen werden.

Kritiker befürchten «Designerbabys»

Kritiker befürchten, durch die Kostenübernahme der Bluttests komme es zu vermehrten Diagnosen von Trisomie 21 und damit zu noch mehr Abtreibungen. Nach einer Studie entscheiden sich bereits heute 90 Prozent aller Schwangeren, die durch Tests von einer Trisomie 21 ihrer Ungeborenen erfahren, für einen Schwangerschaftsabbruch. Trisomie 21 tritt bei ungefähr 24 von 10000 Schwangerschaften auf. Das Risiko für Trisomie steigt mit dem Alter der Schwangeren. Eine 25-Jährige hat ein Risiko von 1:1000, bei einer 40-Jährigen liegt das Risiko bei 1:100.

Die Grünen-Abgeordnete Kirsten Kappert-Gonther warnte vor der flächendeckenden Einführung der Bluttests und verwies in ihrem Votum auf die Situation in Island, wo solche Tests zum Standard gehörten und kaum noch Kinder mit Down-Syndrom geboren würden. «Diesen Normalfall darf es in Deutschland nicht geben», warnte sie. Der CDU-Politiker Rudolf Henke fragte, welche Grundsätze nach Vorliegen der Bluttests gelten, wo die Grenzen liegen würden: «Jeder Mensch hat den ethischen Anspruch, willkommen zu sein.»

Die SPD-Politikerin Dagmar Schmidt, Mutter eines fünfjährigen Sohnes mit Trisomie 21, zeigte sich im Vorfeld der Debatte in einem Interview besorgt, dass solche Bluttests erst der Anfang weiterer Tests von Ungeborenen zur Feststellung jeglicher Art von Krankheiten oder Risiken seien. «Bald werden wir wissen, ob ein Kind eine Neigung zu Adipositas hat, zu Rheuma, zu Krebs, zu allem Möglichen. Da frage ich mich: Wird Eltern bald ein Zettel mit Dutzenden Anomalien vorgelegt, auf dem sie ankreuzen müssen, was getestet werden soll?», fragte sie und fügte hinzu: «Wie will unsere Gesellschaft mit diesen Möglichkeiten umgehen? Was bedeutet es, diese Dinge vor der Geburt zu wissen?»

Der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger warnte davor, künftig standardisiert die Ungeborenen auf Krankheiten und Anomalien zu untersuchen: «Das Ergebnis könnten Designerbabys sein.»

In der Schweiz werden solche Bluttests seit Januar 2017 ebenfalls von den Kassen übernommen – allerdings nur bei Risiko-Schwangerschaften. Eine solche Risikoschwangerschaft liegt unter anderem vor, wenn die Mutter des Kindes 35 Jahre oder älter ist. Die Tests sind erst ab der 12. Schwangerschaftswoche aussagekräftig. In Deutschland dürfte die Regelung in eine ähnliche Richtung gehen.

Die Kassen sollen – so der Grundtenor nach der Bundestagsdebatte – die Bluttests nur bei Risikoschwangerschaften bezahlen. Reihenuntersuchungen von Frauen zur Feststellung von Trisomie 21 soll es dadurch nicht geben.

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