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Bolivien kehrt zurück zum Sozialismus: Der neue Präsident gilt als Marionette von Evo Morales

Boliviens neuer Präsident Luis Arce sagt, er werde das Land sozialistisch regieren – aber ganz anders, als sein Vorgänger Evo Morales.

Boliviens neuer Präsident Luis Arce sagt, er werde das Land sozialistisch regieren – aber ganz anders, als sein Vorgänger Evo Morales.

Luis Arce will als bolivianischer Präsident versuchen, das Land mit alten Methoden voranzubringen. Gut möglich, dass ihm das nicht gelingen wird.

«Jallalla!», ruft Luis Arce in die Menge, «es lebe hoch» in der indigenen Sprache Quechua. «Jallalla!» schallt es dem 57-jährigen Sozialisten an diesem Abend kurz vor seinem Wahlsieg entgegen. Um seinen Hals baumeln Girlanden aus Plastikblumen und Kochbananen. Das alles wirkt ein wenig aufgesetzt an dem hellhäutigen, hemdsärmeligen Bürokraten aus La Paz.

Ein Jahr nach dem turbulenten Rücktritt des indigenen Präsidenten Evo Morales kehrt Bolivien mit der Wahl von Arce zum Sozialismus zurück. Hochrechnungen zufolge kam der Kandidat der Bewegung zum Sozialismus (MAS) bei der Wahl am Sonntag auf 52 Prozent der Stimmen und siegt damit klar in der ersten Runde. Morales sprach gestern aus dem argentinischen Exil zu den Bolivianern und sprach von einem «historischen Tag», an dem das Volk Putschisten, Ineffizienz und Korruption besiegt habe. Arces Sieg ist ein herber Rückschlag für die rechte Interimsregierung unter Jeanine Añez, die vor einem Jahr mit der Bibel in den Präsidentenpalast eingezogen war, um den kommunistischen Teufel auszutreiben.

Evo Morales, Boliviens Ex-Präsident, sprach von einem «historischen Tag».

Evo Morales, Boliviens Ex-Präsident, sprach von einem «historischen Tag».

Ganz so glücklich aber sind die Sozialisten mit dem wenig charismatischen Zahlenmenschen Arce nicht. Die Bewegung zum Sozialismus hätte lieber den ehemaligen Aussenminister David Choquehuanca gehabt, ein Indigener wie Morales, gestählt in den sozialen Bewegungen. Arce hingegen fiel nie mit eigenen politischen Ideen auf. Nun treten die beiden im Duo an - Arce als Präsident, Choquehuanca als sein Vize. «Sie sind die ideale Kombination aus Wissenschaft und traditioneller Weisheit, aus Stadt und Land», sagte Morales über das Duo.

«Wir werden anders regieren als Evo Morales»

Gegen den Vorwurf, nichts als eine blasse Marionette von Morales zu sein, verteidigte sich Luis Arce im Interview mit unserer Redaktion. Kurz vor seiner Wahl am Sonntag betonte er:

Morales, der seit seinem überstürzten Abgang vor einem Jahr im Exil lebt, könnte unter der neuen Regierung aber durchaus ein Comeback feiern. Gefragt, ob er Morales aus dem Exil zurück nach Bolivien holen werde, sagte Arce: «Das ist eine Entscheidung des Kameraden Evo, es ist sein Leben. Aber ich habe stets die Auffassung vertreten, dass jeder Bolivianer das Recht zur Rückkehr hat.»

Basketball, Nierenkrebs und Bankenlehre

Als Arbeitstier, diszipliniert und streng bezeichnen ihn seine Mitarbeiter. Gleichzeitig sei er zu allen gleichermassen freundlich und zuvorkommend, vom Pförtner bis zum Staatssekretär. Sein Privatleben hält er unter Verschluss. Bekannt ist nur, dass er Volksmusik liebt und Basketball spielt und zum zweiten Mal verheiratet ist mit einer Ökonomin. Seine drei Kinder stammen noch aus erster Ehe. 2017 liess er sich wegen Nierenkrebs beurlauben, kehrte aber nach einigen Monaten Behandlung in Brasilien wieder in alter Form zurück.

Wenig charismatisch, dafür bislang wirtschaftlich erfolgreich: Boliviens neuer Präsident Luis Arce.

Wenig charismatisch, dafür bislang wirtschaftlich erfolgreich: Boliviens neuer Präsident Luis Arce.

Der 1963 in La Paz geborene Lehrersohn arbeitete sich mit Fleiss und einem Talent für Zahlen nach oben. Nach dem Schulabschluss machte er eine Banklehre, 1984 schloss er als Buchhalter ab und setzte ein Studium in Wirtschaftswissenschaften und einen Master in Grossbritannien drauf. Er publizierte in linken Zeitschriften, gehörte jedoch nicht zum marxistischen Kern der bolivianischen Intellektuellen. Von 1987 bis 2006 arbeitete er in der Zentralbank und als Universitätsprofessor, bis er von Morales erst zum Finanzminister und dann 2009 zum Wirtschaftsminister berufen wurde. Er gilt als Vater eines heterodoxen Staatskapitalismus, dessen Grundzüge er in einem Buch festgehalten hat.

Arces Modell beruht auf Teilverstaatlichungen der Bodenschätze und der sozialen Umverteilung dieser Einnahmen, gepaart mit staatlichen Investitionen in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur. Weil die Verstaatlichung zusammenfiel mit einem internationalen Rohstoffboom, sprudelten die Einnahmen, und das Modell funktionierte: In 13 Jahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt von neun auf 40 Milliarden US-Dollar, das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte sich, die Währung war stabil, und die extreme Armut sank von 38 auf 16 Prozent. Doch die angestrebte Diversifizierung der Wirtschaft blieb aus. Ob Arce auch in einer weltweiten Rezession an seine Erfolge anknüpfen kann, ist offen.

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