BER

Am Samstag wird Berlins neuer Flughafen eröffnet – nach einer schier unendlichen Pannenserie

Probelauf mit Schauspielern im Wartraum des BER.

Probelauf mit Schauspielern im Wartraum des BER.

Viel zu spät, viel zu teuer und mit Rolltreppen, die nur nach oben fahren: An diesem Wochenende geht der neue Berliner Grossflughafen ans Netz.

Die Berliner werden sich erst noch an den Zustand ohne die obligaten Flughafen-Witze gewöhnen müssen. Der jüngste und vermutlich Letzte aus dieser Kategorie greift die Coronakrisenthematik auf. «Eilmeldung: Die Baufirma, die das Krankenhaus in Wuhan gebaut hat, hat sich bereiterklärt, den Berliner Flughafen fertigzustellen. Sie haben zwei Termine vorgeschlagen: Dienstagnachmittag oder Mittwochvormittag.»

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup, 63, ehemaliger Stadtplaner, wird über solche Scherze kaum lachen können. Seit dreieinhalb Jahren ist er am Ruder, der vierte Flughafen-Chef innerhalb von wenigen Jahren. Er hat als erster sein Versprechen einhalten können, den «Fluchhafen», wie der BER in Berlin auch genannt wird, zu eröffnen. Easyjet und Lufthansa haben an diesem Samstag das Privileg der ersten Landung auf dem neuen Hauptstadtflughafen, am Sonntag geht der reguläre Betrieb los.

2011 hätte der BER eigentlich eröffnen und die bestehenden Flughäfen Schöneberg und Tegel ersetzen sollen. Flughafenchef Daldrup, selbst Ingenieur, sagt dazu: «Berlin und ganz Deutschland wurden zur Lachnummer, wir deutschen Ingenieure haben uns geschämt.» Die Kostensteigerungen von einst veranschlagten 2,2 Milliarden auf nahezu sieben Milliarden Euro und die Bauverzögerungen seien nicht akzeptabel. «Es gibt also keinen Grund, sich mit dem Projekt zu brüsten, deshalb ist klar: Es gibt keine grosse Party, wir machen einfach auf.»

Warum der Flughafen nicht fertig werden wollte

Einst zählten sie beim Flughafen Tausende Mängel, jetzt soll alles paletti sein. Fast jedenfalls. Wer am BER ankommt und mit der S-Bahn in die Innenstadt reisen will, muss seinen Koffer selbst die Treppe zum Bahnsteig runterwuchten oder auf den Lift warten. Es gibt nur aufwärtsführende Rolltreppen. Wie dem auch sei: 2006 war der Spatenstich für Projekt. Ursprünglich geplante Eröffnung: 31. Oktober 2011. Ein Auszug der grössten Probleme und Kostentreiber:

  • Stromkosten für den leeren den Flughafen: All die Jahre der Nichteröffnung kostete der BER monatlich einen einstelligen Millionenbetrag. Reinigung, Bewachung und Wartung verschlangen viel Geld, die Grossbaustelle musste teuer beleuchtet werden.
  • Probleme mit dem Brandschutz: Die Prüfungsstelle TÜV hat den Brandschutz am BER über Jahre nicht abgenommen. Im Gebäude waren unterschiedliche Löschsysteme verbaut. 2017 mussten zwei Kilometer Wasserleitungen in den Decken und zuvor 29000 Sprinklerköpfe ausgetauscht werden.
  • Bauverzögerung: 2012 waren die Einladungen an die Prominenz aus Wirtschaft und Politik für die Eröffnungsfeier schon verschickt, wenige Tage vor der angekündigten Eröffnung im Juni 2012 wurde der Termin auf unbekannte Zeit verschoben. Grund: Technische Probleme. Im Folgejahr feuerte der Aufsichtsrat den Planungsstab und etliche der beteiligten Planer und Architekten. Diese nahmen wichtige Unterlagen und Planungsdaten mit – das führte zu massiven Bauverzögerungen.
  • Das Jahr 2018: Der BER befand sich nach Ansicht von Experten schon im Sanierungszustand, bevor er überhaupt eröffnet war. Lufthansa-Vorstand Thorsten Dirks schlug vor, den Flughafen komplett abzureissen und von Grund auf neu aufzubauen – das wäre seiner Ansicht nach die günstigere Variante gewesen. Wegen der Bauverzögerung war zu dem Zeitpunkt die Technik im Airport bereits veraltet. 750 Monitore mussten ausgetauscht werden, weil sie schon sechs Jahre an der Stromversorgung hingen und ihre Lebensdauer erreicht hatten.
  • Absurditäten: Den Bau verzögerten auch Peinlichkeiten. Rolltreppen aus dem unterirdischen S-Bahn-Bahnhof hoch auf den Vorplatz des Airports waren zu kurz. Grund für den Lapsus: Der Airport wurde umgeplant, doch die Rolltreppen waren schon bestellt. Zudem waren Hunderte der insgesamt 4000 Räume am BER wegen Umplanungen falsch nummeriert – keine Lappalie, Rettungsdienste brauchen verlässliche Angaben.

Für den ersten vollen Betriebstag rechnet Flughafenchef Lütke Daldrup mit 5000 Fluggästen, nach dem Ende des Westberliner Flughafens Tegel eine Woche später dürften 16000 Passagiere den BER täglich benutzen. Wegen Corona liegt die Auslastung deutlich unter dem üblichen Niveau in dieser Jahreszeit.

Der BER braucht noch auf Jahre hinaus Geld. Die drei Eigentümer Berlin, Brandenburg und der Bund müssen die Flughafengesellschaft in diesem Jahr mit 300 Millionen Euro unterstützen.

Meistgesehen

Artboard 1