Konflikt

Äthiopien versinkt im Chaos: Bewaffnete Banden, 90 Ethnien und obendrein der Nil-Konflikt

Der Staudamm ist Hoffnungsprojekt und Zankapfel.

Der Staudamm ist Hoffnungsprojekt und Zankapfel.

Heute endet die Verhandlungsfrist mit den Nachbarländern über die Stauung des Blauen Nils. Der ist zum Streitobjekt geworden.

«Warte nicht auf die Hilfe von Fremden, einen Traum, der nicht wahr wird. Steh auf, sattle dein Pferd und kämpfe.» Es sind Texte wie dieser, die Hachalu Hundessa in Äthiopien zum Volkshelden machten. Vergangene Woche wurde der Sänger in der Hauptstadt Addis Abeba erschossen. Sein Tod katapultierte die ostafrikanische Nation ins Chaos: Bewaffnete Banden durchstreiften die Hauptstadt, ethnische Spannungen brachen aus, mindestens 239 Menschen starben. Das passte so gar nicht zum Bild der wirtschaftlich erstarkenden Regionalmacht, als die sich das Land gerne präsentiert: ein aufgehender Stern, wie er symbolisch sogar auf Äthiopiens Flagge prangt.

Äthiopiens Wirtschaft wuchs in den vergangenen Jahren fast doppelt so schnell wie die seiner Nachbarländer. Millionen entflohen der Armut. Bereits in fünf Jahren will Äthiopien, das noch vor wenigen Jahren primär für Dürre und Hungersnot bekannt war, ein Land mittleren Einkommens sein. Einen Riesenschritt vorwärts auf dem Entwicklungspfad verspricht sich die Regierung von Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed von einem beispiellosen Prestigeprojekt: Mit einem Fassbecken von 74 Milliarden Kubikmetern Wasser entsteht in Äthiopien derzeit der grösste Damm Afrikas. Seit knapp zehn Jahren wird an der «Grand Ethiopian Renaissance»-Talsperre gebaut. Nun, da die Staumauer fast fertiggestellt ist, soll die Stauung des Nil beginnen.

Ein Land, 90 Ethnien, keine Lösung

Derzeit sind nur 45 Prozent der Äthiopier an das Stromnetz angeschlossen. Das dürfte sich bald ändern. Doch statt für Hoffnung sorgt das Mammutprojekt jetzt für Konflikt.

Äthiopiens Nachbarländer fürchten um ihren Anteil am Nil. Ägypten würde während der siebenjährigen Stauzeit etwa einen Fünftel des Nilwassers einbüssen. Jüngst kursierten Berichte, wonach die Regierung in Kairo den Damm notfalls bombardieren wolle. Die Frist, die sich Äthiopien, Ägypten und das Nachbarland Sudan für Verhandlungen gesetzt haben, endet heute Freitag.

Das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Staatschef und Hoffnungsträger Abiy herumschlagen muss. Während die Nachbarn mit den Säbeln rasseln, droht Äthiopiens Vielvölkernation zu zerreissen. Die 109-Millionen-Nation vereint mehr als 90 verschiedene Ethnien. Semir Yusuf, Politologe am Institut für Sicherheitsstudien (ISS) beobachtet mit Sorge einen wachsenden «ethnischen Nationalismus» in seiner Heimat. So seien einige Äthiopier bereit, die Interessen ihrer Volksgruppe mit Waffen zu verteidigen – gegen andere Ethnien und falls nötig gegen den Staat.

Hinrichtungen statt Hoffnung

Seit langem brodelt es in Oromia, Heimat der Oromo-Ethnie. Sie ist zwar die grösste Ethnie des Landes, seit Jahren klagen Aktivisten aber über ihre Unterdrückung durch die Machthaber in Addis Abeba. Der Sänger Hachalu widmete seine Lieder der Freiheit der Oromo. Seine Ermordung ist Wasser auf die Mühlen der Aktivisten.

Beobachter werfen Premier Abiy vor, zunehmend auf Gewalt zu setzen. Seit 2019 sollen Ordnungskräfte für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sein, darunter «aussergerichtliche Hinrichtungen, willkürliche Festnahmen und Folter», so Amnesty International. Auch in der aufgeheizten Stimmung, die nach der Ermordung von Freiheitssänger Hachalu herrschte, wurden Websites blockiert und Oppositionspolitiker festgenommen.

Äthiopiens Aufbruchstimmung wurde durch die Proteste jäh gedämpft. Und der Staudamm-Konflikt droht zu eskalieren. Noch hat Premier Abiy die Chance, Äthiopier und Nachbarländer für seinen Reformkurs zu gewinnen – und sein Land zu einer stabilen Regionalmacht zu machen. Vorausgesetzt, er stolpert nicht über dieselben Steine wie seine autoritären Vorgänger.

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