Stephen Hawking ist für immer von uns gegangen. Für immer? Er selber wäre vorsichtig mit einer solchen Formulierung. Denn nach aktuellem Wissensstand der Physik sind Zeitreisen in die Vergangenheit nicht auszuschliessen. Hawking hat dazu sogar ein Experiment gemacht: Für den 28. Juni 2009 lud er zu einem Empfang in die Universität Cambridge. Die Einladungen dazu druckte er allerdings erst im Nachhinein – Zeitreisende könnten die Party schliesslich auch dann noch besuchen, wenn sie erst im Nachhinein davon erfuhren.

Zur Party erschien niemand. Umso grösser das Medienecho, als Hawking sein originelles Experiment bekannt gab. Ziemlich sicher hatte Hawking genau das erwartet: keine Gäste, viel Aufmerksamkeit. Denn er war nicht nur brillanter Physiker, sondern auch geschickt darin, sich selber zu vermarkten. Und sich dabei durchaus bewusst, dass er seine Popularität teilweise auch seiner nicht zu übersehenden Muskelkrankheit zuzuschreiben hatte.

«Ich bin der Archetypus eines behinderten Genies», sagte er einst gegenüber BBC. Als bei ihm im Alter von 21 Jahren die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert wurde, die seine Muskeln schwinden liess, gaben ihm die Ärzte noch zwei Jahre. 76 Jahre alt ist er schliesslich geworden.

Seit den Achtzigern konnte er nur noch mithilfe eines Sprachcomputers reden, den er mit kleinsten Körperbewegungen steuerte. Für die Öffentlichkeit war er damit der lebende Beweis dafür, dass der Geist auch ohne Körper funktionieren kann.

Gott betrachtet er als überflüssig

Die Behinderung und die zahlreichen Medienauftritte zu populären Themen wie Ausserirdischen machten ihn bekannt, lenkten aber zuweilen von den Leistungen in seinem eigentlichen Fachgebiet ab. Bereits als 24-Jähriger wurde der Brite von der Universität Cambridge für einen Essay über die Geometrie der Raum-Zeit ausgezeichnet – also in jenem Spezialgebiet der Physik, das sich auch mit der Möglichkeit von Zeitreisen auseinandersetzt.

Mit einer anderen Berechnung stützte er die Theorie, dass Raum und Zeit ihren Anfang mit dem Urknall genommen hatten. Dabei scheute er sich nicht, auf die philosophischen und gar religiösen Fragen einzugehen, die seine Resultate aufwarfen. Gibt es einen Schöpfer, der das Universum erschuf? «Man kann nicht beweisen, dass Gott nicht existiert» erklärte er in einem Interview. «Aber die Wissenschaft macht Gott überflüssig.»

Cambridge holte ihn auf den prestigeträchtigen Lucasischen Lehrstuhl, den einst Isaac Newton innegehabt hatte. Daneben schrieb Hawking den Bestseller «Eine kurze Geschichte der Zeit» und weitere populärwissenschaftliche Bücher zu Themen wie Urknall, Zeitreisen und Schwarze Löcher.

In Fachkreisen waren es derweil seine Berechnungen zu Schwarzen Löchern, die von sich reden machten. Denn wenn er recht hatte, war die Vorstellung eines Lochs, aus dem nichts entkommt, falsch. Vielmehr postulierte er, dass ein Schwarzes Loch Energie abstrahlt. Diese Strahlung, genannt Hawking-Strahlung, könnte am Teilchenbeschleuniger am Cern in Genf nachgewiesen werden, sagte er einst in einer Vorlesung, und spekulierte selbstironisch: «Ich könnte also doch noch einen Nobelpreis gewinnen.» Nun ist er gestorben, bevor der Nachweis gelang. Den Nobelpreis kann er nicht mehr erhalten, doch immerhin nimmt er 13 Ehrentitel ins Grab.

Revolutionär an der Hawking-Strahlung ist, dass sie quantentheoretische Effekte mit der Relativitätstheorie kombiniert. Die Vereinigung dieser beiden Theorien ist eine der ganz grossen Fragen der Physik. «Theory of Every-thing» oder Weltformel würde das Resultat heissen. Hawking war aber zu weitsichtig, um zu glauben, die Welt lasse sich mit mathematischen Formeln erfassen. Besonders ein Phänomen bereitete ihm Verständnisschwierigkeiten, wie er selber sagte: Frauen.

Fünf Kinder, zwei Scheidungen

Im Jahr 1965 – zwei Jahre nach der Diagnose seiner Krankheit – heiratete er die Sprachstudentin Jane Wilde. Drei Kinder und 26 Jahre später trennten sie sich. Zwischen ihnen sei nicht nur die Krankheit, sondern auch die Physik gestanden, sagte seine Ex-Frau. Am Ende hatte Hawking sie aber für eine andere Frau verlassen, für seine Pflegerin Elaine Mason.

1995 heiratete er zum zweiten Mal und hatte nochmals zwei Kinder. Elf Jahre später kam die Scheidung – und drumherum hässliche Gerüchte: Sie habe ihn misshandelt, hiess es aus seinem Umfeld, von blauen Flecken und Schnittwunden war die Rede. Hawking machte allerdings keine polizeiliche Aussage, die Ermittlungen wurden eingestellt.

Sein Interesse an Frauen hielt an. Schlagzeilen machte sein Besuch in einem Swingerklub. Dass er seinen Blick über sein Fachgebiet hinaus schweifen liess, führte aber auch zu Ergebnissen von grösserer Relevanz für die Menschheit. So warnte er immer wieder vor der Gefahr, dass künstliche Intelligenz die Menschen verdrängen könnte. Seine Lösung: das All besiedeln. In diesem Sinne können auch die Worte in der Videobotschaft verstanden werden, welche die Universität Cambridge gestern veröffentlichte: «Blicken Sie hoch zu den Sternen, nicht hinunter zu Ihren Füssen.»

Auch wissenschaftlich blieb er bis zu seinem Tod aktiv, ohne jedoch die Frage nach Zeitreisen in die Vergangenheit endgültig klären zu können. Somit behält der Satz Gültigkeit, mit dem er einst eine Vorlesung abschloss: «Da wir Zeitreisen noch nicht geknackt haben, ist meine Zeit abgelaufen.»

In diesen Serien war Stephen Hawking Gast: