Essay

40 Jahre Golfkrieg: Ohrfeigen, Beleidigungen und eine 7000-Dollar-Rechnung von Saddam Hussein

Iraks früherer Machthaber Saddam Hussein posiert mit einem AK-47-Sturmgewehr: Vor 40 Jahren begann der erste Golfkrieg mit dem Iran.

Iraks früherer Machthaber Saddam Hussein posiert mit einem AK-47-Sturmgewehr: Vor 40 Jahren begann der erste Golfkrieg mit dem Iran.

Vor genau 40 Jahren begann der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran. Unser Nahost-Korrespondent wurde damals nach Bagdad eingeladen. Was er dort erlebte – und warum seine Reise alles andere als umsonst war.

Der Vertreter des irakischen Geheimdienstes strahlte über das ganze Gesicht, als er uns im Mansur Melia-Hotel von Bagdad willkommen hiess. Ich war damals einer von Vielen: Auf Staatskosten hatte Saddam Hussein 800 Reporter aus aller Welt eingeladen, um «Augenzeugen der Weltgeschichte» zu werden.

«Schon in wenigen Tagen», versprach Adnan Chairallah, der Verteidigungsminister des Diktators, uns Korrespondenten mit bebender Stimme, «werden Sie das befreite Arabistan besuchen».

Nahost-Korrespondent Michael Wrase (l) mit Journalisten-Kollegen an der iranisch-irakischen Front. Das Bild entstand 1983, drei Jahre nach Kriegsbeginn.

Nahost-Korrespondent Michael Wrase (l) mit Journalisten-Kollegen an der iranisch-irakischen Front. Das Bild entstand 1983, drei Jahre nach Kriegsbeginn.

So nannten die Iraker die von ethnischen Arabern bewohnte iranische Ölprovinz Chusistan, die Saddams Armee in einem Blitzkrieg erobern wollte. Doch es kam anders. Schon nach wenigen Tagen verschlechterte sich die zunächst so euphorische Stimmung im Mansur Melia: Fernsehteams hatten von den Balkons der Luxusherberge die tief über dem Tigris anfliegenden Kampfjets der iranischen Luftwaffe gefilmt.

Dabei wurden sie von Saddams Agenten beobachtet, die daraufhin meine Kollegen verprügelten und ihre Filmkassetten beschlagnahmten.

Es dauerte mehr als eine Woche, bis wir in Bussen von Bagdad in die Hafenstadt Basra gebracht wurden, um von dort aus «die befreite arabische Erde» zu besuchen. 14 Stunden brauchten wir für die 600 Kilometer lange Strecke. Ein Mexikaner, der unterwegs ein brennendes Öllager fotografiert hatte, wurde geohrfeigt und als Spion beschimpft. Einem österreichischen Kollegen wurde die Kamera abgenommen, weil er bei der Stadt Al-Kut die Rauchwolken nach einem iranischen Luftangriff ablichtete.

Für eine Stunde an der Front

Der gross angekündigte Frontbesuch dauerte eine Stunde und beschränkte sich auf Teile des iranischen Hafens Chorramshar. Der liegt am iranisch-irakischen Grenzfluss Schatt al Arab, den wir auf einer wackligen Ponton-Brücke überquerten. Nach unserer Rückkehr nach Basra wurden wir von einem Vertreter des irakischen Informationsministerium aufgefordert, den «grossen Sieg des glorreichen Irak über persische Kakerlaken» zu bestätigen.

So verunglimpfte Saddam Hussein damals seine Feinde im Osten. Als ein Kollege wissen wollte, warum wir nicht 100 Kilometer tief «ins befreite Arabistan» gefahren seien, wie dies am Vortag die irakische Propaganda unter lautem Getöse behauptet hatte, wurde er für «seine dumme Frage» zurechtgewiesen und übel beschimpft.

Iranische Soldaten an der Front: 1983 tobte der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran.

Iranische Soldaten an der Front: 1983 tobte der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran.

Der irakischen Armee war es in den ersten Kriegsmonaten zwar gelungen, an mehreren Frontabschnitten bis zu 60 Kilometer tief nach Iran vorzudringen. Die Besetzung der iranischen Ölprovinz Chusistan scheiterte jedoch kläglich.

Der Verlust der strategisch bedeutenden Provinz, so die Hoffnung der irakischen Führung, würde zum Zusammenbruch der noch jungen Islamischen Republik führen, die damals – wie auch heute noch – als eine Bedrohung für die regionale und internationale Stabilität wahrgenommen wurde.

Ein Geschenk des Himmels

Tatsächlich erreichte Saddam Hussein mit seiner Aggression das genaue Gegenteil: Für den iranischen Revolutionsführer Khomeini war der irakische Angriff kein Unglück, sondern, wie er später einmal verriet, «ein Geschenk des Himmels». Schnell hatte der Ayatollah verstanden, dass es sehr viel leichter war, die Menschen gegen «den arabischen Feind» zu einen, als sie unbeschadet durch die Wirren der postrevolutionären Zeit zu führen.

Die Verteidigung des Vaterlandes gegen die Truppen des «gottlosen Saddam Hussein» stabilisierte und stärkte letztendlich die islamische Republik. Zwei Jahre nach Kriegsbeginn drehte Ayatollah Khomeini den Spiess kurzerhand um und lehnte einen Waffenstillstand mit dem Regime in Bagdad ab. Erst nach einem Sturz von Saddam Hussein werde man Frieden mit Irak schliessen, lautete plötzlich die iranische Maximalforderung.

Ausgerechnet die Amerikaner

So kam es dann auch. Dass es ausgerechnet die Amerikaner waren, die Saddam Hussein zur Strecke brachten, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wir Journalisten hatten damals nicht geahnt, dass der iranisch-irakische Krieg noch acht Jahre dauern und wir als Kriegsberichterstatter fortan meist die iranische Armee begleiten sollten.

Als wir von unserem kurzen Frontbesuch wieder im Mansur Melia-Hotel eincheckten, fanden wir auf unseren Zimmern einen Brief mit einer Hotelrechnung über 7000 Dollar. Die Einladung in den Irak, lautete die kurze Erklärung, habe sich auf fünf Tage beschränkt. Die restliche Zeit, mehr als zwei Wochen, müsse leider in Rechnung gestellt werden.

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