USA

23 Jahre sass er unschuldig für einen Vierfachmord im Gefängnis: Jetzt kommt Curtis Flowers frei – vorerst

Curtis Flowers musste damit rechnen, dass er für einen Vierfachmord die Todesstrafe erhält, den er wohl nie begangen hatte. Jetzt ist er frei.

Curtis Flowers musste damit rechnen, dass er für einen Vierfachmord die Todesstrafe erhält, den er wohl nie begangen hatte. Jetzt ist er frei.

Dem Afroamerikaner wurde sechsmal der Prozess gemacht für einen Vierfachmord, den er wohl nicht begangen hat. Wieso der Staatsanwalt unermüdlich gegen ihn vorgeht, bleibt ein Rätsel.

Als Curtis Flowers Anfang vergangener Woche nach 23 Jahren das Gefängnis in Louisville (Mississippi) verlassen durfte, sagte der mutmassliche Vierfachmörder: «Ich bin glücklich.» Er freue sich darauf, Weihnachten erstmals seit den Neunzigerjahren mit seiner Familie zuhause im Provinzstädtchen Winona zu verbringen.

Flowers war auf Befehl eines Richters freigelassen worden, der scharfe Kritik am zuständigen Staatsanwalt geübt hatte. Er habe «berechtigte Zweifel» an der Theorie, wonach der heute 49-Jährige Afroamerikaner das ihm vorgeworfene Verbrechen begangen habe, sagte der Richter Joey Loper.

In der Tat: Der Fall von Curtis Flowers gibt seit Jahrzehnten zu diskutieren. Nur schon das Vorgehen von Staatsanwalt Doug Evans weckt Zweifel. In nicht weniger als sechs Prozessen ist es dem Staatsanwalt nicht gelungen, ein rechtmässiges Urteil gegen Flowers zu erwirken. Zwei Prozesse platzten, weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten. Vier weitere Verfahren endeten vor einer Berufungsinstanz, das die jeweiligen Geschworenenentscheidungen ausser Kraft setzte. Zuletzt hielt das höchste Gericht der USA, der Supreme Court in Washington, im Juni 2019 fest, dass der weisse Staatsanwalt die Grundrechte des dunkelhäutigen Angeklagten verletzt habe, indem er systematisch die Berufung afroamerikanischer Geschworener verhinderte.

Historiker tun sich schwer damit, in der amerikanischen Geschichte ein anderes Verfahren zu finden, in dem ein Angeschuldigter wegen ein und demselben Verbrechen sechsmal vor Gericht stand. Beispiellos ist auch, dass Flowers ohne rechtskräftiges Urteil während mehr als zwei Jahrzehnten nie gegen die Bezahlung einer Kaution freigelassen wurde. Staatsanwalt Evans begründet diese Härte mit der Brutalität der Straftat, für die er Flowers zur Verantwortung ziehen will.

Vier Menschen im Möbelladen hingerichtet

Und die Tat ist tatsächlich schrecklich: Vier Menschen wurden am 19. Juli 1996 im Möbelgeschäft Tardy Furniture in Winona mit einer Schusswaffe regelrecht hingerichtet. Wieso der Staatsanwalt ausgerechnet den unbescholtenen Flowers für die Tat verantwortlich macht, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Beweise dafür gibt es keine. Sein einziges Argument: Curtis Flowers habe Rache an der Besitzerin des Möbelgeschäftes nehmen wollen, nachdem er kurz vor der Tat von seinem Handlangerjob entlassen worden war. Flowers dementiert dies: Er sei nicht gefeuert worden, sondern habe sich dazu entschieden, nicht mehr zur Arbeit zu gehen. Er hat seine Unschuld stets beteuert.

Und dennoch würde Flowers wohl immer noch hinter Gitter schmoren, wenn sich nicht die Journalistin Madeleine Baran dem Verfahren angenommen hätte. Die preisgekrönte Radiojournalistin hat den Fall von Curtis Flowers im Podcast «In the Dark» aufgearbeitet und damit viel Aufmerksamkeit generiert. Radiojournalistin Baran war es, die darauf aufmerksam machte, dass der Staatsanwalt schon lange diskriminierend gegen potenzielle afroamerikanische Geschworene vorgegangen sei. Auch gelang es ihr, Kronzeugen im Verfahren gegen Flowers dazu zu bewegen, ihre Vorwürfe zu widerrufen.

Für Flowers allerdings ist der Leidensweg noch nicht zu Ende. Er kam am Montag bloss auf Kaution frei. Staatsanwalt Evans könnte ihm zum siebten Mal den Prozess machen. Der wahrscheinliche Richter in einem solchen Verfahren: Joey Loper.

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