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Nässe kann Rehkitzen zusetzen: So geht es den Tieren in der Region

Anhaltender Regen kann für die Jungtiere gefährlich sein. Aber auch das sonnige Wetter birgt seine Gefahren. Der Jagdaufseher erzählt, wie es den Tieren in der Region Baldingen-Böbikon-Lengnau geht und was die Jäger zusammen mit den Landwirten zum Schutz der Rehe unternehmen.

Rosmarie Mehlin
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Viel Regen kann gefährlich sein für Rehkitze – aber auch viel Sonne: Dann mähen Bauern ihr Gras.

Viel Regen kann gefährlich sein für Rehkitze – aber auch viel Sonne: Dann mähen Bauern ihr Gras.

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Wer seit Wochen übers Wetter flucht, gehört mitnichten zur Gattung der notorischen Stänkerer: Langanhaltende Nässe und Kälte frustrieren gegenwärtig selbst Frohnaturen. Die Erkenntnis, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung gibt, bietet uns immerhin leicht tröstliche Möglichkeiten. Nicht aber den Rehgeissen, die ihre Kitze üblicherweise im Mai und Juni setzen. Hat das Wetter einschneidende Folgen für die hiesige Rehwildpopulation?

Jagdaufseher Jean-Claude Kuttler gibt für den Raum Lengnau-Baldingen-Böbikon partiell Entwarnung:

«Allzu schlimm sieht es hier nicht aus, da zirka 50 Prozent der Kitze heuer bereits sehr früh gesetzt wurden.»

Dadurch seien die bei der Geburt knapp 1500 Gramm schweren Jungtiere schon etwas gewachsen und somit widerstandsfähiger. Trockene Kälte und Hitze könnten den Kitzen nichts anhaben, so Kuttler weiter. «Wohl aber die Nässe. Das erhöht die Gefahr von Unterkühlung und die Infektanfälligkeit stark.»

Grosse Hasenpopulation tummelt sich in den Wäldern

Seit rund einem Jahr gehen Kuttler und die Jäger in den erwähnten Revieren nachts mit Wärmebildkameras auf die Pirsch nach Wildschweinen. «Das erlaubt uns nicht nur die genaue Beobachtung der Sauen sowie sehr präzise und saubere Schussabgaben, sondern – als hochwillkommener Nebeneffekt – auch den generellen Wildbestand zu kontrollieren», sagt er.

«In Baldingen, Böbikon und Lengnau zum Beispiel lebt seit Jahren eine erfreulich grosse Hasenpopulation. Sie zu beobachten, ist eine wahre Freude.»

In diesen drei Gemeinden leuchtet es zurzeit über grosse Flächen gelb: Der Raps steht in voller Blüte. «In den Rapsfeldern halten sich in diesen Wochen viele Wildschweine sowie Rehe mit Kitzen auf. Die Blüten und Blätter bieten ihnen guten Schutz vor dem Regen, ohne dass die Tiere die Pflanzen zertrampeln.»

Laut den Wetterfröschen stehen nun endlich sonnige und bedeutend wärmere Tage bevor. Darüber freuen sich besonders auch die Landwirte: Das Gras steht hoch, die Wiesen in voller Blüte – es ist höchste Zeit für den Heumad. Der allerdings birgt die enorme Gefahr für Kitze, einer Mähmaschine zum Opfer zu fallen. Jäger und Landwirte arbeiten Hand in Hand, um diese Gefahr möglichst zu bannen.

Wie Bauern und Jäger Rehkitze retten

«Gemeinsam haben wir seit Jahren grossen Erfolg mit dem Verblenden», sagt Jean-Claude Kuttler. «Der Landwirt meldet, wann er welche Wiese mähen wird. Am Abend zuvor stecken wir Jäger oder die Landwirte selbst mehrere Fahnen, also Holzstangen mit im Wind wehenden Tüchern, in die betreffende Wiese.» Diese würden die Rehgeiss verunsichern und alarmieren, die in der Folge nachts ihr Kitz an einen anderen Ort führe.

Eine weitere Methode der Jäger ist es, am Morgen vor dem Mähen die Rehgeiss mit einem sehr hellen Pfeifen aus ihrem Unterstand zu locken. «Der Pfiff imitiert das Rufen eines Kitzes nach seiner Mutter. Die Geiss hält Nachschau, und wir können mit dem Fernglas erkennen, wo in der Wiese ein Kitz liegt. Es gibt spezielle kleine Pfeifen für diesen Lockruf, man kann ihn aber auch mit dem Mund und einem Buchenblatt erzeugen.»

Die Suche nach einem gefährdeten Kitz mittels einer Drohne mit Wärmebildkamera hält Jagdaufseher Kuttler für eine gute Ergänzung. «Vor kurzem lud die Landwirtschaftskommission von Lengnau zwei Mitglieder des Vereins Rehkitzrettung Schweiz ein, die den Lengnauer Landwirten und Jägern den Einsatz einer solchen Drohne demonstrierten.»

Abgesehen von den Kosten von 8000 bis 25'000 für eine sehr gute Drohne könne eine einzelne früh morgens, bevor die Wärme einsetzt, nur auf einigen wenigen Wiesen eingesetzt werden. Meist mähen aber viele Landwirte zur gleichen Zeit. Zudem könne die Kamera ein Kitz, das mit Gras zugedeckt ist, nicht immer erkennen. «Darum ist das Verblenden nach wie vor unerlässlich.»

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