Fisibach
Sein Dorf wollte den Kanton wechseln: «Mit Zürcher Nummernschildern würde es uns nicht besser gehen»

Es war ein turbulentes Jahr für den abtretenden Gemeindeammann Marcel Baldinger im kantonswechselwilligen Fisibach. Er blickt auf die Zeit nach der denkwürdigen Gmeind zurück – als seine Frau für Regierungsrat Hofmann Rüeblitorte backte.

Andreas Fretz
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Marcel Baldinger tritt nach acht Jahren als Gemeindeammann Fisibachs ab.

Marcel Baldinger tritt nach acht Jahren als Gemeindeammann Fisibachs ab.

Sandra Ardizzone

Als Fisibachs Ammann Marcel Baldinger im Juli seinen Rücktritt ankündigte, klang das ganz ähnlich wie bei Bundesrat Didier Burkhalter. «Eines Morgens war mir plötzlich klar: Das ist der Entscheid, den du nun fällen musst, und es ist gut so.» Es sei «die Summe verschiedener Umstände», die ihn zu diesem Schritt bewogen habe. Die Worte Burkhalters waren Baldinger bekannt, dass er aber einen Monat nach dem FDP-Magistraten fast dieselben wählte, sei keine Absicht gewesen. «Wahrscheinlich hatten sie sich im Unterbewusstsein festgesetzt», sagt Baldinger mit einem halben Jahr Distanz.

Das Echo auf Baldingers Rücktritt per Ende Jahr fiel vergleichsweise bescheiden aus. Dennoch erlebte der 54-jährige Landwirt ein turbulentes 2017. Als bekannt wurde, dass das Örtchen im nordöstlichen Zipfel des Aargaus mit einem Wechsel in den Kanton Zürich liebäugelt, war die mediale Aufmerksamkeit gewaltig. «NZZ» und «Tages-Anzeiger» besuchten den 490-Seelen-Ort. Das Westschweizer und das Tessiner Fernsehen kamen und liessen sich vom Ammann die Lage im kantonswechselwilligen Dorf erklären. Zeitungen im süddeutschen Raum griffen das Thema auf. «Alle haben angeklopft, ich hatte in diesen Tagen über 20 Medienanfragen», sagt Baldinger. Auf einen Schlag war er Gemeindeammann im Voll- statt im Nebenamt, war er die Schlüsselperson in einem hochkomplexen Prozess.

Zu verdanken hatte er dies den Stimmbürgern Fisibachs. Am 6. April stimmten diese gegen die vertiefte Prüfung einer Fusion mit neun weiteren Zurzibieter Gemeinden (Projekt Rheintal+). Votant Felix Vögele stellte an dieser denkwürdigen ausserordentlichen Gmeind einen Überweisungsantrag an den Gemeinderat: Dieser möge einen Wechsel des Dorfes vom Kanton Aargau zum Kanton Zürich prüfen. 52 der 88 Gmeind-Teilnehmer teilten diese Meinung. Sogar drei Gemeinderäte streckten ihre Hand in die Höhe – zwei von ihnen waren aus dem Kanton Zürich zugezogen.

Rüeblitorte für Regierungsrat

Bereits eine Woche später besuchte Regierungsrat Urs Hofmann mit der Bundesverfassung unter dem Arm das abtrünnige Dorf. Drei Stunden nahm er sich Zeit. «Es gab Kaffee und meine Frau backte eine Rüeblitorte», erinnert sich Baldinger mit einem Lachen. Weniger zum Lachen war ihm, als das Ausmass des Prozederes absehbar wurde: Einem Kantonswechsel müssten die betroffene Bevölkerung, die Kantone Aargau und Zürich sowie die Bundesversammlung zustimmen, und es gäbe die Möglichkeit eines fakultativen Referendums in der ganzen Schweiz. Zudem müssten die Regierungen wohl zuerst einen Staatsvertrag ausarbeiten, der von beiden Kantonsparlamenten genehmigt und einer Volksabstimmung unterstellt werden müsste.

«Der ganze Vorgang hätte wohl über zehn Jahre gedauert», sagt Baldinger, der sich stets für die vertiefte Prüfung der Rheintal+-Fusion starkgemacht hatte. Als im Juni der Regierungsrat die Fisibacher Voranfrage auf einen Kantonswechsel abschmetterte, fiel Baldinger ein Stein vom Herzen. Und als wenig später die Gmeind doch noch Ja sagte zur vertieften Prüfung der Fusion, befand sich das Örtchen wieder auf Ammanns-Kurs. «Ich bin froh, dass es so gekommen ist», sagt Baldinger, «ich glaube nicht, dass es uns mit Zürcher Nummernschildern besser gehen würde. Ein Kantonswechsel hätte nicht die Lösung unserer Probleme bedeutet. Wir sind und bleiben eine arme Gemeinde am Rande des Kantons.»

Auf die Gründe seines Rücktritts will er auch heute nicht näher eingehen. «Mir erging es wie Bundesrat Burkhalter», sagt er noch immer. Seit 2004 ist Baldinger im Gemeinderat, seit 2009 als Ammann. «13 Jahre sind genug.» Klar ist aber auch, dass sich das Klima im Gremium verändert hat. «Die Ereignisse des Jahres haben innerhalb des Gemeinderats viel zu reden gegeben», sagt der Ur-Fisibacher. Anfang Jahr übernimmt der bisherige Vize Roger Berglas das Ammann-Amt. «Ich übergebe es mit einem guten Gefühl», sagt Baldinger. Angst, dass er in ein Loch fällt, hat er keine. «Ich werde ein Projekt finden, in das ich meine gewonnene Zeit investieren kann.» Spruchreif sei aber noch nichts. Etwas Wehmut schwingt auch mit. So hätte Baldinger gerne bald den 500. Fisibacher begrüsst. Zu Beginn seiner Amtszeit fiel ihm die Ehre zuteil, die 400. Einwohnerin willkommen zu heissen. «Es wird gebaut im Dorf. Bald haben wir gleich viele Einwohner wie Hektaren», prophezeit er.

Heute Abend sitzt Baldinger im Flieger nach Brasilien. Es geht in die Heimat seiner Frau, nach João Pessoa nördlich der Metropole Recife. Baldinger freut sich auf den Urlaub, das Meer, die Sonne und den Jahreswechsel im Schosse der grossen Verwandtschaft. Es soll etwas ruhiger werden im Leben des 54-jährigen Landwirts.

Die Fisibacher im "Züri"-Test ("Tele M1" vom 10. April):

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