Wichtiger Entscheid
Millionen-Einnahmen winken: «Das Kiesabbau-Projekt ist wie ein Lotto-Jackpot für Klingnau»

Am Donnerstag stellt die Gemeindeversammlung von Klingnau die Weichen zum Kiesabbau auf der Hochebene Hard/Härdli. Jedes Jahr könnte durchschnittlich eine halbe Million Franken in die Kasse der Ortsbürger fliessen. Doch was hat diese mit all dem Geld im Sinn?

Philipp Zimmermann
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Das Kies wird bis zirka 2040 auf 19 Hektaren Fläche (rot) abgebaut. Im Richtplan ist die blau umrandete Fläche eingetragen.

Das Kies wird bis zirka 2040 auf 19 Hektaren Fläche (rot) abgebaut. Im Richtplan ist die blau umrandete Fläche eingetragen.

Quelle: Google / Grafik: pat

Vier Jahre ist es nun her, seit die Klingnauer Ortsbürger an einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung Ja sagten zum Kiesabbau in der Hochebene Hard/Härdli. Mit 82 Ja- zu 56 Nein-Stimmen (59 Prozent) stimmten sie für einen Dienstbarkeitsvertrag mit der Birchmeier-Gruppe. Mittlerweile ist das Projekt mit dem Döttinger Bauunternehmen weit gediehen. Nach der Richtplananpassung des Grossen Rates steht nun der zweite grosse Planungsschritte bevor: die Teilrevision der Nutzungsplanung. Die Gemeindeversammlung vom nächsten Donnerstag stimmt darüber ab. Bei einem Ja folgt als dritter und letzter grosser Planungsschritt das Einreichen des Baugesuchs.

Beim Kiesabbau geht es um Millionen. In drei Etappen will die Birchmeier Kies + Beton AG, eine Tochterfirma des Döttinger Bauunternehmens, während rund 70 Jahren insgesamt 6,9 Millionen Kubikmeter Kies abbauen. Pro 100'000 Kubikmeter, die jedes Jahr im Durchschnitt abgebaut werden sollen, erhalten die Ortsbürger 500'000 Franken. In der Abstimmung der Gemeindeversammlung geht es um die erste Abbauetappe von 2,2 Millionen Kubikmeter auf einer Fläche von 19 Hektaren. Das würde also 11 Millionen Franken in die Kasse der Ortsbürger spülen. Im besten Fall könnte der Abbau 2020 starten.

Kiesvorräte wie eine Schatztruhe

Mittlerweile wurde eine Kiesabbau-Kommission der Ortsbürger gebildet. Als deren Sprecher machte sich Guido Vogel an der Infoveranstaltung der Gemeinde vom Donnerstag stark für ein Ja an der Gemeindeversammlung. «Das Kiesabbau-Projekt ist wie ein Lotto-Jackpot für Klingnau, eine einmalige Chance», sagte er. Er verglich die Kiesvorräte mit einer Schatztruhe und dass es Zeit sei, sie zu heben. Damit spielte er auf den sagenhaften Goldfund von 1905 an, bei dem 14 Klingnauer Ortsbürger beim Holzfällen im Wald auf eine Kiste mit 829 Goldmünzen unbekannter Herkunft stiessen.

Doch was würde die Ortsbürgergemeinde mit all dem Geld anstellen? Abklärungen haben ergeben, dass Geldbeträge oder Naturalabgaben per Gesetz nicht an einzelne Ortsbürger ausgeschüttet werden dürfen, so Vogel. Die Ortsbürger können die zusätzlichen Millionen für die Förderung von kulturellen oder sozialen Zwecken ausgeben. Oder der Einwohnergemeinde bei Aufgaben unter die Arme greifen. Vogel nannte das Schloss, bei dem in nicht allzuferner Zeit eine grössere Sanierung ansteht, die einen Millionenbetrag verschlingen wird. Konkrete Gedanken habe sich die Kommission aber noch nicht machen wollen. Zuerst soll das erste Geld in die Kasse fliessen.

In der Geländekammer Hard-Härdli will die Döttinger Baufirma in Zukunft Kies abbauen. Das Land gehört den Klingnauer Ortsbürgern. Heute wird das Land für die Landwirtschaft genutzt. (Bilder von 2017)
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Das Hard/Härdli liegt etwas erhöht: Von hier sieht man auch das AKW Leibstadt.
Auf mehreren Seiten grenzt das Hard/Härdli an ein Waldstück.
Die Klingnauer Ortsbürger werden profitieren vom Kiesabbau: Sie erhalten 5 Franken pro Kubikmeter Kies, der hier abgebaut wird. Dabei eingerechnet ist auch ein Betrag für das Wiederauffüllen.
Über das Gebiet führt eine Hochspannungsleitung, die vom nahen Wasserkraftwerk Klingnau herkommt.
Ein Grenzstein zeigt es an: An die Hard/Härdli-Parzelle grenzt auf einer Seite an die Nachbargemeinde Koblenz.
Blick auf einen der Hochstammbäume. Sie müssen weichen. Neue werden aber nach Auffüllen der Kiesgrube wieder gepflanzt.

In der Geländekammer Hard-Härdli will die Döttinger Baufirma in Zukunft Kies abbauen. Das Land gehört den Klingnauer Ortsbürgern. Heute wird das Land für die Landwirtschaft genutzt. (Bilder von 2017)

Philipp Zimmermann

Kieswerk mit 40 Mitarbeitenden

Für ein Ja machte sich auch Stadtammann Reinhard Scherrer stark. Nebst dem finanziellen Anreiz und der Wertschöpfung in der Region verwies er auf den ökologischen Aspekt. Bei Kies aus der Region für die Region seien kurze Transportwege von Vorteil. Unternehmer Markus Birchmeier, dessen Holding mit zehn Firmen 550 Mitarbeiter beschäftigt, sprach von einer Chance auch für die Gemeinde und das Gewerbe. Die Landwirte, die auf gepachtetes Land verzichten müssen, sollen pachtfreies Ersatzland erhalten oder über einen Fonds für ihre Mindereinnahmen entschädigt werden.

Die Birchmeier Kies + Beton AG wird ihren Sitz von Döttingen nach Klingnau zügeln, was der Gemeinde zusätzliche Steuereinnahmen beschert. Zirka 35 der 40 Mitarbeiter der Birchmeier Kies + Beton AG werden in oder von Klingnau aus tätig sein. Das ursprünglich auch im Hard/Härdli geplante Betonwerk bewilligt der Kanton dagegen nicht. Der Standort bleibt in Döttingen.

Im vorangegangenen Mitwirkungsverfahren gingen zwei Beschwerden ein von einem Landwirt und der Nachbargemeinde Koblenz. Mit ihnen sei weitgehend eine Einigung gefunden worden, sagte Ortsplaner David Frey. Die Hardstrasse, die das Kiesabbaugebiet vom Gewerbegebiet Zelgli her erschliesst, wird auf Kosten des Bauunternehmens ausgebaut. Die Breite steht noch nicht fest. Der Stadtrat will die Sicherheit der Velofahrer gewährleisten. Die Hardstrasse ist auch der Schulweg von Koblenzer Oberstufenschülern. Für Rösseler soll als Ausweichvariante ein fast vergessener Waldweg instand gestellt werden. Ausserdem besteht die Auflage, dass Wanderbiotope 20 Prozent der Abbaufläche ausmachen müssen.

Sachliche Diskussion

Stadtammann Scherrer hatte zu Beginn der Info-Veranstaltung dargelegt, dass die Gemeinde sachlich und transparent informiere. Er bat deshalb um eine sachliche Diskussion, dies wohl auch hinsichtlich der anstehenden Referendumsabstimmung zur Erweiterung der von Birchmeier geführten Deponie Buchselhalde in Tegerfelden. Dort gehen die Wogen hoch. An der Veranstaltung in Klingnau gab es zwar mehrere kritische, aber sachliche Fragen zur Ökologie. Von einem spürbaren Widerstand gegen das Projekt konnte aber nicht die Rede sein.