Klingnau
«Knall hörte man weitherum»: Recycling-Pionier über eigene Erfindungen und den schwärzesten Tag der Firmengeschichte

Vor fast 100 Jahren haben Ernst und Berta Häfeli-Brügger den Grundstein des Klingnauer Unternehmens gelegt. Ihr Enkel und heutiger Patron verrät, weshalb eine Entscheidung in den 70er-Jahren die Entwicklung des Betriebs entscheidend verändert hat.

Stefanie Garcia Lainez
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Walter Häfeli hat das Zepter bei Häfeli-Brügger 2009 übernommen.

Walter Häfeli hat das Zepter bei Häfeli-Brügger 2009 übernommen.

Alex Spichale

Ob Kunststoffsammelsäcke, Glasentsorgung oder alte Pneus als Brennstoff: Die Klingnauer Häfeli-Brügger AG gehört bei verschiedenen Recycling-Innovationen zu den Pionieren in der Schweiz. Vor 60 Jahren wurde das Unternehmen gegründet – im Geburtsjahr des heutigen Patrons Walter Häfeli. Die Anfänge des Unternehmens, das heute mit rund 70 Mitarbeitenden in den Bereichen Transport, Recycling, Verwertung und Entsorgung tätig ist, gehen aber noch weiter zurück.

Im Jahr 1929 gründete Ernst Häfeli-Brügger mit seiner Frau Berta eine Fuhrhalterei und brachte mit Ross und Wagen Kies und Baumaterialien vom Bahnhof Döttingen zu den Baustellen. Damals noch im Alt-St.-Johann, dem ursprünglichen Johanniterhaus der Johanniter-Kommende im Städtli. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte Walter Häfelis Grossvater einen Traktor, was den Transport der Waren erleichterte.

Der 26-jährige Ernst Häfeli-Brügger gründet 1929 eine Fuhrhalterei und beginnt, Kies für den Strassenbau und die Betonproduktion abzubauen.
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Ernst Häfeli 1954 mit Bedford-Lastwagen mit Kipperaufbauten.
1955 wird im Zelgli mit Werkstatt und Garage der Grundstein gelegt für das künftige Unternehmen.
Berta und Ernst Häfeli-Brügger.
Häfeli-Brügger feiert in diesem Jahr das 60-Jahre-Jubiläum.
1956 wird der erste Trax in der Region gekauft.
1962 übernimmt die 2. Generation und die AG wird gegründet.
1971 wird das Kindergartengebäude in Klingnau verschoben,
Am 17. August 2008 bricht ein Feuer aus.
Der Grossbrand zerstörte 6000 Quadratmeter Lagerfläche.
Sechs von acht Hallen, Maschinen und ein Teil des Firmeninventars konnten nicht gerettet werden.
Vier Jahre dauert der Wiederaufbau.
Rundgang auf dem durch den Brand verwüsteten Häfeli-Brügger AG in Klingnau. Am Montag nach dem Brand.
Unterdessen recycelt Häfeli Brügger pro Jahr 9000 Tonnen Plastik, 35000 Tonnen Industrieabfälle und 20000 Tonnen Grüngutabfälle.
Und das auf einer Fläche von 35000 Quadratmetern oder fünf Fussballfeldern.
Mit der Chiresa AG mit Hauptsitz in Turgi kommen weitere 35000 Tonnen Sonderabfälle hinzu.
Die 2013 eröffnete Regionale Sammelstelle.
Zu Ballen gepresster Kunststoffabfall für die Wiederverwertung.
Kühler-Teile liegen in einer Mulde.
Das Blockkraftwerk der Axpo verbrennt aus dem Grüngut hergestelltes Biogas und erzeugt damit Strom für 1000 Haushalte.
Kompost wird nach Grösse sortiert.
Kunststoffabfall aus dem Haushalt im Kunststoffsammelsack für die Wiederverwertung.
Ein Schredder verkleinert Autopneus.
Ölfäasser mit Altöl aus Autogaragen lagern in einer Halle.

Der 26-jährige Ernst Häfeli-Brügger gründet 1929 eine Fuhrhalterei und beginnt, Kies für den Strassenbau und die Betonproduktion abzubauen.

Zvg / Aargauer Zeitung

1955 zügelte er den Betrieb ins Industriegebiet Zelgli an der Grenze zu Koblenz, wo er zuvor eine Garage gekauft hatte. Dass Ernst Häfelis Frau im Betrieb eine grosse Rolle spielte, zeigt sich bis heute: Als 1962 die drei Söhne als zweite Generation übernahmen und die Häfeli-Brügger AG gründeten, bleibt ihr Ledigname Bestandteil des Firmennamens.

Häfeli-Brügger hat als einer der ersten Betriebe Glas recycelt

In den Folgejahren erledigte der Familienbetrieb mit dem ersten Trax in der Region Arbeiten im Tiefbaubereich für grosse Firmen wie die BBC oder Huba Control. Auch fuhren die ersten Lastwagen über die Grenze nach Deutschland und Italien. In den 70er-Jahren trafen Ernst, Rudolf und Kurt Häfeli einen Entscheid, der die künftige Entwicklung des Betriebs massgeblich beeinflussen sollte: Sie wollten Abfall nicht mehr vernichten, sondern wiederverwerten.

So das Glas: «Mein Vater griff diese Idee in Frankreich auf», sagt Walter Häfeli. Zurück in der Schweiz nahm Ernst Häfeli Kontakt mit rund 20 Gemeinden und der Glashütte in Bülach auf und «lancierte so das Glasrecycling in der Schweiz».

Holzrinde als Kompost

Das war aber nicht die einzige Pionierleistung des Klingnauer Unternehmens. Ebenfalls in den 70er-Jahren, während der Blütezeit der Holz- und der Möbelindustrie im Unteren Aaretal, fielen mehrere tausend Tonnen Holzrinde pro Jahr an – und Gebrüder Häfeli starteten die ersten Versuche, diese zu kompostieren.

Mit Erfolg: 1977 wurde die Tochtergesellschaft Bioriko AG in Klingnau gegründet, daraufhin wurden fünf weitere Hallen gebaut. Der hergestellte «Bioriko Rindenkompost» und «Bioriko Rindendekor» verkaufte beispielsweise die Migros sowie namhafte Gartencenter in der Region als Kompost und Bodenbedeckung in Blumenbeeten.

Vergärungsanlage kompostiert Grüngut – und erzeugt Strom

Die Produktion wurde zwar 1998 wegen der ausländischen Konkurrenz eingestellt. Doch es entstand die vollautomatische Hallen-Kompostieranlage mit dem eigens dafür konstruierten Umsetzgerät «Krokodil». Und daraus wiederum 2008 die Vergärungsanlage Kompogas Bioriko AG, eine 50-Prozent-Tochter der Axpo Kompogas AG und der Häfeli-Brügger AG.

In dieser Vergärungsanlage mit Biofilter werden unterdessen Grüngutabfälle aus rund 30 Gemeinden verarbeitet und als Dünger in Form von Kompost und Presswasser durch die Landwirtschaft verwertet. Das bei der Vergärung entstehende Biogas liefert zudem Strom für mehr als 1000 Haushalte.

Im Geburtsjahr von Walter Häfeli gründeten sein Vater und seine beiden Onkel die Häfeli-Brügger AG.

Im Geburtsjahr von Walter Häfeli gründeten sein Vater und seine beiden Onkel die Häfeli-Brügger AG.

Alex Spichale

Zu den Vorreiterinnen zählt die Häfeli-Brügger AG auch bei der Wiederverwertung von alten Reifen. Walter Häfeli sagt:

«In den 90er-Jahren suchten die Zementwerke nach Alternativbrennstoff.»

Mit ihrem Kunststoffgranulat und später mit ganzen oder geschredderten Autoreifen gehört das Klingnauer Unternehmen seit über 25 Jahren zu den Hauptlieferanten von Ersatzbrennstoff in verschiedenen Zementfabriken, wie beispielsweise der Jura-Cement-Fabriken AG in Wildegg. «Damit ersetzen wir eins zu eins Primärbrennstoffe wie Rohöl, Kohle oder Gas. Zudem wird dadurch auch CO2 eingespart.»

Auch im Kunststoffrecycling ein Pionier

Im Jahr 2016 taten sich die Urner Paul Baldini AG und Häfeli-Brügger zusammen und gründeten die Kunststoffsammelsack Schweiz GmbH, um das Kunststoffrecycling in Privathaushalten weiter voranzutreiben. Auch hier gehörten die Unternehmen zu den ersten in der Schweiz. «Angestossen hat das Projekt Geschäftsführer Ivo Baldini schon im Jahr 2011», sagt Walter Häfeli. Mit der Eröffnung der Regionalen Sammelstelle 2013 bot dann auch das Klingnauer Unternehmen den Kunststoffsammelsack an:

Die 2013 eröffnete Regionale Sammelstelle.

Die 2013 eröffnete Regionale Sammelstelle.

zvg

Auch die Würenlinger Rotho AG verarbeitet mehrere tausend Tonnen sogenanntes Kunststoffgranulat zu Haushaltsartikeln. Ein Teil dieses Plastiks wurde zuvor in Säcken der Kunststoffsammelsack Schweiz GmbH gesammelt. «Das Ziel muss sein, wie beim Glas flächendeckend in der Schweiz das gesamte Plastik zu sammeln», so Walter Häfeli.

Feuersbrunst hat sechs von acht Hallen zerstört

Als schwarzer Tag ging der 17. August 2008 in die Firmengeschichte ein: Ein Grossbrand zerstörte 6000 Quadratmeter Lagerfläche:

zvg

Sechs von acht Hallen, Maschinen und ein Teil des Firmeninventars konnten nicht gerettet werden. «Ich erinnere mich noch gut daran», sagt Walter Häfeli. Es war kurz vor 4 Uhr am Sonntagmorgen, als er den Anruf erhielt.

«Ich dachte, meiner Tochter sei etwas zugestossen, weil sie zusammen mit der Tochter der Anruferin unterwegs war.» Als er dann vom Brand erfahren habe, sei er zuerst erleichtert gewesen. «Danach habe ich nur noch funktioniert.» Zusammen mit Mitarbeitern, Feuerwehrleuten und Familienmitgliedern wurden zuerst die zahlreichen Fahrzeuge in Sicherheit gebracht. Vier Stunden waren 180 Feuerwehrleute im Einsatz, um den Brand zu löschen. Dabei explodierten auch Sauerstoffflaschen:

«Den Knall hörte man weitherum.»

Am Montag gingen die Lastwagen bereits wieder auf Tour. «Das funktionierte vor allem auch dank des grossen Einsatzes der Mitarbeiter», sagt Walter Häfeli. Dies während und nach dem Feuer, das für einen Schaden in der Höhe von mehreren Millionen Franken sorgte. Die meisten Kunden hätten am nächsten Tag kaum etwas von der Feuerkatastrophe gespürt. Als Brandursache konnte Monate später eine Selbstentzündung eines Kunststoffpulvers eruiert werden.

Emotionaler Verlust sei gross gewesen

«Vor allem für die Senioren, also meinen Vater und meine beiden Onkel, war es ein grosser emotionaler Verlust. Ihnen ging der Brand sehr nah», sagt Walter Häfeli. Er selbst sah aber auch die Chance, um den Betrieb neu zu organisieren und aufzubauen. Vier Jahre später, pünktlich zum 50-Jahr-Jubiläum, konnte der sieben Millionen Franken teure Wiederaufbau abgeschlossen und mit einem Tag der offenen Türe gefeiert werden.

«Das war mein persönlicher Höhepunkt», ergänzt der Kaufmann und Betriebsökonom, der ein Jahr nach dem Grossbrand das Zepter in dritter Generation offiziell übernahm. In den Betrieb eingestiegen war er bereits in den 80er-Jahren, wie sein Bruder Ruedi Häfeli und Cousin Werner Häfeli, die das Unternehmen wieder verlassen haben.

Unterdessen recycelt Häfeli Brügger pro Jahr 7000 Tonnen Plastik, rund 9000 Tonnen Reifen, etwa 20'000 Tonnen Industrieabfälle und 20'000 Tonnen Grüngutabfälle auf einer Fläche von 35'000 Quadratmetern oder fünf Fussballfeldern. Mit der Chiresa AG mit Hauptsitz in Turgi, an der Häfeli-Brügger beteiligt ist, kommen weitere 35'000 Tonnen Sonderabfälle hinzu.

Patron Walter Häfeli im Gespräch mit Zeitgeschichte Aargau 2020:

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