Bad Zurzach
Beliebter Fasnachtsbrauch: Der Ättirüedi bringt die Kinder wieder zum Schreien – und verteilt Süsses

Lautes Kindergeschrei war am Aschermittwoch in den Bad Zurzacher Strassen zu hören. Das hatte mit dem Ättirüedi zu tun, einem traditionellen Fasnachtsbrauch.

Philipp Zimmermann
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Mit erwartungsvollem Blick stehen Morena, 10, und ihre Freundin Alessia, 11, am Nachmittag des Aschermittwoch beim Sternenbrunnen. In wenigen Minuten wird hier der Ättirüedi auftauchen. Eine Gestalt in einem grünen Kleid und mit einem Ofenstecken, die fest zur Zurzacher Fasnacht gehört.

Die beiden Kinder sind hier insofern die Ausnahme, als dass sie nicht in Bad Zurzach leben oder zur Schule gehen. «Wir wohnen in Kloten», erzählt Morenas Vater Angelo Marucci. Er aber ist in Zurzach aufgewachsen und kennt den Brauch aus seinen Kindertagen. «Es ist ein sehr schöner Brauch. Wir sind früher aus den Ferien zurückgekommen, um ihn wieder miterleben zu können», erzählt er.

Die Figur des «Ättirüedi» geht zurück in der Pestzeit des 16. Jahrhunderts. Laut Überlieferung sprach ein Mann in Frauenkleidern bei den reichen Leuten vor, um milde Gaben zu erbetteln, die er an die Armen verteilte.

Der Ättirüedi und die Kinder ziehen durch Bad Zurzach.
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"Jetzt gits Zeltli!" schreit der Ättirüedi – und die Kinder schreien dies noch lauter.
Schreien die Kinder laut genug, greift der Ättirüedi in seinen Gabensack.
Dann wirft er Süssigkeiten, Orangen oder Brötchen in die Luft.
Die Kinder lieben den Brauch.
Kein Wunder: Sie können sich während des traditionellen Fasnachtsbrauch einen Sack voll mit Süssigkeiten stopfen.
Der Brauch des Ättirüedi geht ins 16. Jahrhundert zurück.
Verkörpert wird der Ättirüedi von Stephan Baldinger.

Der Ättirüedi und die Kinder ziehen durch Bad Zurzach.

Philipp Zimmermann

Die beiden Mädchen haben wie viele andere Kinder einen nicht zu kleinen Sack dabei. «Der Ättirüedi ist ein lieber Mann», weiss Morena. Was ihr am besten an ihm gefällt? «Dass er Süssigkeiten bringt», antwortet sie mit einem Lächeln.

Wenig später taucht der Ättirüedi, verkörpert von Stephan Baldinger, auf. Kurz erklärt er den Kindern die wichtigsten Regeln – und dass die Papierli in den Kübel oder in ihren Hosensack gehören. Dann geht’s los. Der Ättirüedi ruft mit kräftiger Stimme:

Wo sind meine lieben Buben und Mädchen?

«Do!», schreien die Kinder zurück. Der Tross, begleitet von erwachsenen Zaungästen, setzt sich in Bewegung. «Jetzt gits Zeltli», ruft der Ättirüedi, die Kinder machen es ihm nach. Er fordert sie immer wieder zu lauterem Schreien auf. «Lauter!», antwortet er, oder: «Ich höre nichts!» Erst wenn er zufrieden ist, greift er in seinen Gabensack, wirft nebst den Zeltli auch Orangen, Brötchen, Schokolade und andere Süssigkeiten in die Luft. Die Kinder stürzen sich auf sie.

Erwachsene folgen dem Tross auf seiner Route durch den Flecken als Beobachter. Mit dabei sind auch Sonja Indermühle und ihr 15-jähriger Sohn Raphael. Der Bezirksschüler ist bereits zu alt, um selbst mitzuschreien. Wieso er trotzdem dabei ist? «Es ist immer lustig», antwortet er. Zudem begleiter er zwei jüngere Cousins. «Natürlich habe ich auch schöne Erinnerungen an früher.»