Leibstadt

«Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand?» Aargauer Züchter kassiert Busse für Rettungsaktion am Grenzübergang

Mit dem Velo nahm Toni von Arb das verletzte Tier in Empfang – das Symbolbild wurde mehrere Wochen zuvor aufgenommen.

Mit dem Velo nahm Toni von Arb das verletzte Tier in Empfang – das Symbolbild wurde mehrere Wochen zuvor aufgenommen.

Der Leibstadter Züchter Toni von Arb will eine verletzte Brieftaube retten, die in Deutschland nicht behandelt werden darf. Doch für die gute Tat wird er bestraft. Und sie geht auch sonst nicht gut aus.

«Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand?» Das schreibt der Brieftaubenzüchter Toni von Arb aus Leibstadt in einem Leserbrief in der Lokalzeitung «Die Botschaft» nach einem speziellen Erlebnis am Grenzübergang. Doch von Anfang an: Vergangene Woche fand eine junge Frau in Deutschland eine flugunfähige Brieftaube mit Schweizer Ring. In ihrer Verzweiflung schrieb sie von Arb an, denn eine deutsche Tierärztin sagte der Frau, sie dürfe das Tier nicht behandeln, nur einschläfern.  

Das wollte die deutsche Finderin nicht. Da von Arb selbst unweit der Grenze wohnt, erklärte er sich bereit, das hilfsbedürftige Tier in Empfang zu nehmen. «Ich muss das Tier ja holen, rein vom Tierschutz her», sagt von Arb auf Nachfrage der AZ, der auch Brieftauben hat. «Es könnte ja auch meine sein.»

Also machte er sich mit dem Velo auf den Weg zum gesperrten Grenzübergang Leibstadt-Dogern. Am dortigen Stauwehr nahm er durch die Absperrung das geschwächte Tier in einer Schachtel in Empfang. Bereits wenige Meter nach der Übergabe sei er jedoch von Männern aus einem schwarzen Zivilfahrzeug angehalten worden. Zwei Beamte des Grenzwacht kontrollierten ihn und befragten ihn zum Sachverhalt.

100 Franken Ordnungsbusse

Die Beamten wirkten laut von Arb unschlüssig und hätten mehrfach mit Vorgesetzten telefoniert, ehe sie ihm eine Busse über 100 Franken auferlegten. Weil er ohne Ausweis und Portemonnaie unterwegs war, begleiteten sie von Arb 200 Meter bis nach Hause. Dort stellten sie seine Personalien fest und stellten ihm eine Rechnung aus. «Auf einem Quittungsblock der Kantonspolizei», so von Arb. 

Wofür er diese Busse erhalten hat, war für von Arb nicht ganz nachvollziehbar. Er selbst habe die Grenze zu keinem Zeitpunkt übertreten. Die Frau sei ihm von deutscher Seite aus sogar entgegengekommen. Nach Aussagen der Grenzschutzbeamten habe er jedoch Waren übernommen. «Bislang war der Austausch von Brieftauben noch nie ein Problem», sagte von Arb. «Bis zu einer gewissen Anzahl Tiere war das auch immer erlaubt.»

Keine Corona-Massnahme

In den vergangenen Wochen wurden im Rahmen der Corona-Massnahmen mehrfach Einkaufstouristen mit Wohnsitz in der Schweiz oder Väter, die jenseits der Grenze ihre Kinder besuchten, bei der Rückkehr vom Schweizer Zoll mit 100 Franken gebüsst. Auch im aktuellen Fall läge die Zuständigkeit bei der Eidgenössischen Zollverwaltung, wie das Grenzwachtkorps mitteilt.

Hier scheinen die Corona-Massnahmen jedoch nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Der Grenzübergang sei zwar wegen des Coronavirus geschlossen, sagt Matthias Simmen, Mediensprecher der Eidgenössischen Zollverwaltung. «Eine Warenübergabe an geschlossenen Grenzübergängen ist aber zu keinem Zeitpunkt gestattet.» Dass die Busse auf einem Quittungsblock der Kantonspolizei ausgestellt wurde, sei zudem nicht aussergewöhnlich. Die Zollverwaltung und die Kantonspolizei arbeiten im Kanton Aargau häufig eng zusammen, so Simmen.

Ob Toni vor Arb die Busse nun bezahlen wird oder nicht, weiss er selbst noch nicht. Schliesslich habe er ja noch Bedenkfrist. Für das entkräftete Tier hat sich die Rückholaktion in die Heimat indes nicht gelohnt. Von Arb: «Die Taube ist mittlerweile tot.»

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