Ausgerechnet Böbikon. Damit hatte nicht einmal Adrian Thoma ernsthaft gerechnet. Dass er persönlich zu den Gewinnern der Durchsetzungsinitiative zählen würde, durfte er noch erwarten. Der Gemeindeammann von Böbikon warf an der Urne ein überzeugtes Nein ein. Dass die Stimmbürger des kleines Orts die SVP-Initiative hingegen ablehnen würden, kam selbst für den parteilosen Ammann Thoma einer kleinen Sensation gleich. Böbikon stimmte tatsächlich urban. «Das ist mehr als erstaunlich», sagt Thoma. In gesellschaftlichen und aussenpolitischen Fragen liegen zwischen dem ländlichen Ort und den Städten normalerweise Welten. Thomas Verwunderung ist daher verständlich: Böbikon verwarf die letzten Ausländerabstimmungen wuchtig. Die Ausschaffungs- bzw. Masseneinwanderungsinitiative erhielten jeweils eine Zustimmung von beinahe 80 Prozent. Damit gehörte Böbikon zu den schärfsten Befürwortern einer restriktiven Ausländerpolitik – schweizweit.

Am Sonntag nun der grosse Sinneswandel. Bei einer Stimmbeteiligung von über 71 Prozent schickten die Böbiker die Initiative mit einem Nein-Anteil von gut 51 Prozent bachab. Adrian Thoma ist über das Ergebnis erstaunt und erfreut zugleich. «Den Leuten ist vermutlich klar geworden, dass mit einem Ja kein Problem gelöst worden wäre, ohne andere zu schaffen.»

Leuggerns logisches Ja

Ganz anders präsentiert sich die Stimmungslage in Leuggern. Die Menschen beurteilten die emotionale Vorlage aus einer anderen Optik. Von den 1447 Stimmberechtigten schenkten 594 Personen der Vorlage ihr Vertrauen, was einem Anteil von 59,76 Prozent entspricht. Dem höchsten im Bezirk. Gemeindeammann Stefan Widmer überrascht das Ergebnis nicht. «Das Ergebnis entspricht den letzten SVP-geprägten Abstimmungen.»

Initiativen der wählerstärksten Partei haben nicht nur in Leuggern, sondern im gesamten Bezirk Zurzach traditionell gute Aussichten auf Erfolg. Sowohl die Ausschaffungsinitiative (2010, 63,3 Prozent) sowie die Masseneinwanderungsinitiative (2014, 60,7) fanden im Zurzibiet jeweils eine breite Unterstützung. Auch die Minarettinitiative wurde 2009 deutlich angenommen (67,3 Prozent). In Leuggern lag der Zuspruch markant über dem nationalen- , dem kantonalen Mittel sowie dem Schnitt im Bezirk.

Dass man in der Gemeinde im unteren Aaretal mit der Durchsetzungsinitiative kein Pardon kannte, dafür dürften allerdings noch andere Gründe mitgespielt haben. In Leuggern werden in den kommenden Wochen 50 Asylsuchende im ehemaligen Hotel-Restaurant Bahnhof im Ortsteil Felsenau einziehen. Zudem ist ein Baugesuch des Kantons hängig, das Platz für weitere 100 Personen auf dem gleichen Areal schaffen soll.

12 von 23 Gemeinden sagten Ja

Ammann Widmer will sich nicht an Spekulationen beteiligen. Er räumt jedoch ein, dass das Asyl-Thema in der Gemeinde Leuggern Auswirkungen auf die Abstimmung vom Sonntag gehabt haben könnte. «Wir haben bei uns ja kein Problem mit kriminellen Ausländern.» Leuggern liegt gemäss einer Statistik des Bundes im vorderen Drittel betreffend Sicherheit. Stefan Widmer schliesst daher nicht aus, dass das Ja der Leuggemer ein möglicher Ausdruck der aktuellen Asylpraxis sei. In Leuggern fühlt sich Bevölkerung deswegen als Verlierer. Die Verhältnismässigkeit sei längst nicht mehr gegeben, so Widmer.

Apropos Verlierer: Obwohl 12 der 23 Gemeinden im Zurzibiet die Durchsetzungsinitiative annahmen, resultierte am Ende mit 50,45 Prozent ein hauchdünnes, ungewohntes Nein.