Von langen Reisen und grossen Bahnhöfen

Katja Schlegel
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Der Schuppen mit Baujahr 1711 steht heute auf dem Ballenberg.

Der Schuppen mit Baujahr 1711 steht heute auf dem Ballenberg.

Bild: AT vom 20.9.1960

Verschachtelt Im Oktober 2000 fragte das Freilichtmuseum Ballenberg, ob die Stadt Aarau bereit sei, den Lagerschuppen aus dem 18. Jahrhundert auf dem alten Werkhofareal zur Verfügung zu stellen. Dem Holzbau, eine einmalige Zimmermannsarbeit aus dem Jahr 1711, sowie einem alten Werkhaus drohte wegen des Aarepark-Neubaus das letzte Stündlein. Diese Anfrage war nur ein Kapitel einer langen Geschichte, die viel Zeitungspapier in Anspruch nahm.

Spätestens seit Lancierung des Projektwettbewerbs zur Wohnüberbauung war klar, dass die Holzbauten verschwinden müssten – zum Leidwesen der kantonalen Denkmalpflege, die sich um die Unterschutzstellung der Bauten bemüht hatte. Der Stadtrat hatte die Bauten zwar als erhaltenswert qualifiziert, nicht aber als schutzwürdig. Der Regierungsrat schliesslich musste ein Machtwort sprechen – und schlug sich auf die Seite der Stadt. Er machte geltend, eine Unterschutzstellung komme nur in Frage, wenn für die Werkbauten sinnvolle neue Nutzungen gefunden werden könnten. Das war damals nicht der Fall.

Es war das liebe Geld beziehungsweise dessen Fehlen, um den 400000 Franken teuren Umzug zu berappen. Es folgte ein Hin und Her, ein ETH-Architekturprofessor kritisierte die Stadt für die «Verscherbelung ihres Familiensilbers», ein Zimmermann wollte rund um den Schopf ein «Schweizer Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege» gründen, und schliesslich signalisierten private Investoren, sich an den Kosten für die Verschiebung zu beteiligen. Dann öffneten der Bund, der Kanton, die Neue Aargauer Bank, die Stadt Aarau und die Ortsbürgergemeinde ihre Kässeli und stemmten die Züglete gemeinsam. Die Baufirma Zschokke schliesslich leistete mir dem Abbruch, dem Nummerieren und dem Transport der Elemente einen weiteren Beitrag.

Im Frühling 2002 schliesslich begannen die Abbauarbeiten und im Juni 2003 reisten 200 Gäste aus Aarau zur Einweihung ins Berner Oberland. Anlässlich dieser Feier erfuhren dann die Aarauer vom Museumskurator Edwin Huwyler, was es mit dem in den beiden Eckständern der Schopffrontseite eingekerbten Trinkkelch auf sich hat: Einen solchen Kelch hätten die Zimmermänner nur hinterlassen, wenn sie mit dem an der Aufrichte ausgeschenkten Firstwein zufrieden waren. Nun sei aber in einem alten Protokoll nachzulesen, dass die Stadt Aarau just am 25. April 1710 keinen Wein mehr im Ratskeller hatte und die Handwerker statt eines Weins einen Batzen aus dem Stadt-Säckel bekamen. Der Kelch deute demnach darauf hin, dass der Batzen ein ganz ordentlicher gewesen sein musste.

Heute ist der Aarauer Schopf nebst dem Wohnhaus aus Villnachern, dem Oberentfelder Bauernhaus, dem Brugger Schweinestall und dem Leutwiler Taglöhnerhaus eines von fünf Aargauer Gebäuden auf dem Ballenberg.

Apropos grosser Bahnhof: Vor zehn Jahren, am 22. und 23. Oktober, wurde der neue Aarauer Bahnhof eingeweiht. «Aarau hat national den modernsten und kantonal den wichtigsten Bahnhof», sagte SBB-CEO Andreas Meyer damals. Bereits im August waren der Bahnhof und mit ihm 21 Geschäfte eröffnet worden. Im Juli hatte der Bahnhof mit der angeblich «grössten Uhr Europas» Schlagzeilen gemacht. Den Titel musste Aarau bald schon zähneknirschend abgeben. Er gehört der Stadt Cergy nahe Paris, deren Bahnhofsuhr zehn Meter Durchmesser misst. Immerhin ist die Aarauer Uhr mit ihren neun Metern die grösste Uhr im Schweizer Bahnhofdesign.

Jeden Monat werfen wir einen Blick in die Chroniken der Aarauer Neujahrsblätter. Wir schauen, was die Stadt vor 20, 50 oder 70 Jahren bewegt hat, und zeigen hübsche Trouvaillen zum Grinsen, Ärgern oder Besserwissen.