Schlossrued
Heruntergekommenes Schloss wartet seit Jahren auf einen Märchenprinzen

Das Schloss der Schlossrueder ist ein erbärmlicher Anblick: überall bröckelts, Fenster und Türen sind zugenagelt. Ein reicher Retter, der das Schloss wieder aus seinem Dörnröschenschlaf weckt, ist da. Bloss trat er bisher kaum in Erscheinung.

Aline Wüst
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Das heruntergekommene Schloss der Schlossrueder
8 Bilder
Die Eingangstüren sind zugenagelt, weil sich immer wieder Unbefugte Zugang zum Schloss verschafften
Die Umgebung von Schloss Rued ist wunderbar ländlich
Der Anblick von Schloss Rued vom Dorf aus gesehen
Grosse Bäume umgeben das Schloss
Schloss Rued ist eingebettet in eine Hügellandschaft
Ein Blick vom Schloss aus Dorf
Der Storchen war ehemals die Zehnten-Schüür des Schloss, heute ist der Storchen ein Restaurant

Das heruntergekommene Schloss der Schlossrueder

Patricia Schoch

Es ist im Jahr 1790, als Carl Friedrich von May das erste Mal auf dem Schlossberg steht. Was der junge Mann mit der etwas zu gross geratenen Nase da sieht, ist erbärmlich: ein abgebranntes Schloss und eine Parkanlage, die sich die Natur längst zurückerobert hat.Schlossrued

Von May ist nicht irgendwer. Er ist der Herr von Rued. Durch Erbschaft in den Besitz des Anwesens gekommen. Er will hier Wohnsitz nehmen, baut das Schloss wieder auf, so wie es heute noch steht. Auf Schloss Rued erlebte er unbeschwerte Stunden. Mit dem Untergang des Berner Adels aber auch stürmische Zeiten.

Politisch ists heute weniger turbulent. Aber das Schloss, das prägt noch immer. Mit der Nachbargemeinde fusionieren möchte man vielleicht auch deshalb nicht unbedingt, weil dann auch die Schmiedrueder ein Schloss hätten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Erowa will das Schloss sanieren

Die Erowa AG ist ein KMU, das in der Präzisionsmechanik und im Werkzeugbau gross geworden ist und zu einer weltweit tätigen Firma wuchs. Die Firma hat Geschäftskontakte und Niederlassungen in der ganzen Welt.


Eine «Niederlassung» der Erowa liegt ganz in der Nähe: 2006 hat die Firma das Schloss Rued in einer Zwangsversteigerung erworben. Ein Schloss im Dornröschenschlaf, kurz vor dem Zerfall. Der vorherige Privatbesitzer hatte die Mittel nicht mehr für eine Renovation.
Heute gehören der Erowa AG nebst dem Schloss auch das Restaurant Storchen und das ehemalige «Tanzhüsli», alles in allem ein historisches Ensemble im Ruedertal. Die Firma hat klare Vorstellungen davon, was im und ums Schloss einst geschehen soll.

Die Erowa möchte das Schloss erhalten und zu einem Kurs- und Begegnungszentrum ausbauen. Es sei ein idealer Ort für Weiterbildungsveranstaltungen für Mitarbeiter der eigenen Firma wie für fremde Firmen und Organisationen. Das Schloss soll künftig auch von der Gemeinde Schlossrued als Kulturzentrum genutzt werden können.
Die Renovationspläne zeigen, in welchen Dimensionen da saniert werden muss und was bereits geplant ist. Ein grosser Seminarraum, kleinere Kursräume, eine Gastroinfrastruktur, ein Ausstellungs- und Vortragsraum im Dachgeschoss zum Beispiel. In den vergangenen sechs Jahren hat die Erowa am Schloss und in dessen naher Umgebung lediglich Massnahmen getroffen, um zu verhindern, dass das teils marode Gebäude weiter zerfällt und die Bausubstanz noch mehr Schaden nimmt.


Neu bauen wäre viel einfacher, das bekamen auch die neuen Besitzer zu spüren. Bei einem historischen Gebäude gebe es für fast alles, jeden Balken, jedes Detail eine Amtsstelle, die zu konsultieren sei, bevor überhaupt gebaut werden dürfe. Denkmalpflege, Bauvorschriften und vieles mehr spielen da hinein. Es brauche einen langen Atem und auch die Unterstützung der Gemeindebehörde, sonst komme man nie ans Ziel.


Die Erowa ist entschlossen, gemeinsam mit einem Architekten und der Denkmalpflege einen gangbaren Weg zu suchen. «Weiterverkaufen ist keine Lösung, obschon Angebote von Russen oder Chinesen vorhanden sind», sagt der Firmenchef.

Jetzt geht die Erowa schrittweise vor. Nach der früheren Renovation des Storchen und dem Umbau des ehemaligen Waschhauses zu einer Mikrobrauerei (Schlossbräu) wird das ehemalige Tanzhüsli renoviert.
Der historische Riegelbau mit einem Gewölbekeller wird zu einer Freizeitwerkstatt für Kultur und Handwerk ausgebaut. Früher war hier die Dorfschenke untergebracht. Die Bauarbeiten haben in diesen Tagen begonnen. Viel Arbeit wartet auf die Planer und die Handwerker, bis die ersten Kurse auf Schloss Rued stattfinden können.

Nach Abschluss der Bauarbeiten beim Tanzhüsli wird die Erowa mit der eigentlichen Renovation des Schlosses beginnen. Vieles ist auch im Innern des Gebäudes in schlechtem Zustand.

Klar ist: Würde von May heute wieder vor dem Schloss stehen, er hätte keine Freude. Denn sein Schloss sieht ähnlich erbärmlich aus wie damals. Fenster und Türen sind zugenagelt. Überall bröckelts. Ein trostloser Anblick.

Einem, dem das Herz schwer wird bei diesem Anblick, ist Friedrich Klaus, der 82-jährige Bauer vom Batthof. Er kann nicht glauben, was mit dem Wahrzeichen von Schlossrued geschieht. «Eine Gaunerei ist das.» Manchmal sagt er auch: «Es ist so schade», und seufzt dabei tief. Es gebe so viele Leute, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Klaus wartet seit Jahren auf den Märchenprinzen, der das Schloss rettet. Er müsste nicht auf dem Pferd angaloppieren. «Er könnte auch zu Fuss kommen. Hauptsache, er kommt», sagt der alte Bauer und lacht.

«Man erfährt so nichts»

Ja früher, da blickten die Schlossrueder sorgenvoll zum Schloss hinauf, weil die Ernte schlecht war und sie den Zehnten kaum entbehren konnten. Heute blicken sie sorgenvoll empor, weil das Schloss vor sich hinmodert und niemand weiss, was aus ihm wird. Dabei hätte schon viel daraus werden sollen: eine Seniorenresidenz, mit Tiergarten und Golfplatz, zum Beispiel. Die Besitzer wechselten in rascher Abfolge. Ihre Untätigkeit hinterliess Spuren am alten Gemäuer. Seit 2006 nun gehört es der Firma Erowa AG, sie hat es für 2,7 Millionen ersteigert. Dass diese Firma der ersehnte Märchenprinz sei, dachten sich damals viele. Euphorisch sei man gewesen, erzählt Trudi Tanner von Dorflädeli. «Endlich geht etwas.» Passiert ist bisher wenig. Und das, obwohl seit Jahren alle Baubewilligungen vorliegen. Geplant ist ein Seminarzentrum. So steht es auch auf der Infotafel, die der Kulturverein vor dem Schloss aufgestellt hat. Daran glauben will im Dorf niemand mehr so richtig. «Man erfährt nichts», sagt Tanner.

Der Dorfmetzger Werner Rufer glaubt den Grund zu kennen, warum nichts passiert: Die Wirtschaftskrise habe der international tätigen Firma zugesetzt. Das Geld für einen Umbau fehle darum. «Ich habe Verständnis dafür, dass die Renovation nicht erste Priorität hat.» Rufer hat sich daran gewöhnt, dass oben beim Schloss nichts geht. Da ist keine Nostalgie.

Andere beflügelt dieser steinerne Zeitzeuge. Ohne Umschweife gesteht ein junger Mann, der erst kürzlich ins Ruedertal zog, er habe auch schon versucht, ins Schloss einzudringen. «Vielleicht ist noch etwas drin, was ich mitnehmen könnte.»

«Wir haben genug Probleme»

Ein Schlossfan ist auch Gemeindeammann Martin Goldenberger, und zwar nicht nur von Amtes wegen. Aber auch er weiss nicht, was mit dem Schloss geht. «Ich hoffe aber schwer, dass die Erowa AG ihre Pläne wirklich umsetzt.» Der Umbau des Tanzhüslis, das auch zum Schloss gehört, deutet der Gemeindeammann als Zeichen in diese Richtung. Er erzählt auch, dass er selber und der Vize-Ammann davon träumen, dass das Schloss saniert ist, bevor sie ihre Amtszeit beenden.

Schön wäre es, da sind sich die Schlossrueder einig, wenn das Schloss der Gemeinde gehören würde. Aber, und da sind sich wieder alle einig: «Wir haben kein Geld». Der Dorfmetzger meint noch: «Wir haben in Schlossrued schon genug Probleme mit der Instandhaltung der Wasserleitungen.» Wenigstens die Geldsorgen könnte der Schlosserbauer der Gemeinde nachempfinden. Unter einer Auflistung von ausserordentlichen Ausgaben notierte er 1820 in seiner Hauschronik: «Wahrlich nur durch den Segen Gottes und gute Ökonomie konnte mein völliger Ruin verhindert werden.» Manche Dinge ändern wohl nie.