Talk Täglich
«Die letzten 12 Tage waren die vielleicht schwierigsten in meinem Leben»: So erleben eine Ukrainerin und eine Russin im Aargau den Krieg

Sie erzählen von ihren spontanen Hilfsaktionen, ihren stundenlangen Telefonaten in die Heimat und wieso man als Russin nun mit Anfeindungen leben muss. Im «Talk Täglich» schildern die Ukrainerin Anastasiia Grynko und die Russin Lyuba Fehlmann, wie sie den Krieg und seine Auswirkungen bis in den Aargau wahrnehmen.

Hans-Caspar Kellenberger
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Lyuba Fehlmann, Präsidentin des Russisch-Schweizerischen Zentrums Rodnik Menziken (links) und die ukrainische Kommunikationsexpertin Anastasiia Grynko aus Aarau.

Lyuba Fehlmann, Präsidentin des Russisch-Schweizerischen Zentrums Rodnik Menziken (links) und die ukrainische Kommunikationsexpertin Anastasiia Grynko aus Aarau.

Hans-Caspar Kellenberger

«Die letzten zwölf Tage waren die vielleicht schwierigsten in meinem Leben», sagte Anastasiia Grynko. Seit 2016 lebt die ukrainische Kommunikationsforscherin in der Schweiz. Sie kenne den Krieg nicht, genauso wenig wie ihre Kinder. «Wenn wir dann alle die Bilder in den Nachrichten sehen und die Meldungen der Menschen vor Ort hören, dann ist das schwierig zu verdauen. Für uns als Familie ist es untragbar», sagt sie.

Auch der Russin Lyuba Fehlmann, die bereits seit fast 30 Jahren in der Schweiz lebt, geht der Krieg sehr nahe. «Es ist für mich persönlich und auch als Präsidentin des Russisch-Schweizerischen Zentrums schmerzhaft. Tief im Herzen verspüre ich Schmerzen und ich sehe natürlich, wie die Menschen reagieren.» Auch die russischsprachige Gemeinschaft in der Schweiz leide mit, so Fehlmann weiter.

«Die Kinder leiden in der Schule»

Man habe ein solches Ausmass an Brutalität mitten in Europa nicht erwarten können, sagte die Ukrainerin Grynko zu Moderator Adrian Remund. «Wir haben Kontakte in die Ukraine und wir wissen genau, was da passiert, und es ist schrecklich.» Als Lyuba Fehlmann gefragt wird, ob sie denn denke, dass Russland in den Schweizer Medien gerade diffamiert werde, sagt sie, dass sie sich nicht mit solchen Fragen befasse. «Wir sind entsetzt, wegen dem was in der Welt passiert. Als Russin auf Schweizer Boden sage ich aber, dass ich keine Verantwortung für politische Entscheidungen trage.»

Die Zusammenfassung des «Talk Täglich» mit einer Ukrainerin und einer Russin als Gäste.

Tele M1

Die russische Gemeinschaft sei gerade stark belastet. Fehlmann spricht auch von Mobbing. «Die Kinder leiden in der Schule, einfach weil sie russisch sprechen», sagt sie. Auch in Russland gebe es viele Menschen, die gegen den Krieg demonstrieren würden, meint Lyuba Fehlmann. Ihre eigene Familie und insbesondere ihre Mutter, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatte, sei entsetzt über die Ereignisse.

Darauf zeigt die Ukrainerin Grynko in der Sendung mitgebrachte Bilder der Zerstörung in ihrem Heimatland und äussert sich zu Fake News. Das ist ein Thema, zu dem sie auch als Kommunikationswissenschafterin lange geforscht hat. Grynko sagt: «Die Frage ist, wie stark wir hier von einer Demokratie aus dazu beitragen können, das Ganze zu stoppen.» Hier sei auch die russische Gemeinschaft gefordert.

Am Ende eint die beiden Gäste mehr, als das sie trennt. Anastasiia Grynko hat selbst bereits drei Kinder aus dem Kriegsgebiet bei ihrer Familie zu Hause aufgenommen, Lyuba Fehlmann möchte dasselbe tun, wie sie im Talk sagt. Wie man den Kindern, die auch psychische Verletzungen davongetragen haben, helfen könne, fragt Moderator Remund am Ende, worauf Grynko antwortet: «Das Mindeste, was wir für sie machen können, ist ihnen einen Himmel ohne Bomben anzubieten.»