Lenzburg
«Tischlein Deck Dich» wird nicht mehr gedeckt

Stürmische Wochen vor dem Ruhestand: Loulou und Max Werder lösen ihre Geschäfte «Tischlein Deck Dich» und Wyler-Werffeli AG in Lenzburg auf.

Hanny Dorer
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Trotz leiser Wehmut freuen sich Loulou und Max Werder auf die ruhigere Zeit.

Trotz leiser Wehmut freuen sich Loulou und Max Werder auf die ruhigere Zeit.

Hanny Dorer

Das «Tischlein Deck Dich» ist ein verführerischer Laden: Auf Tischen und Gestellen locken, liebevoll arrangiert, kostbare Gläser, gediegenes Porzellan, elegante Vasen, ausgefallene Handtaschen und allerhand Zierrat. Nichts lässt darauf schliessen, dass diese Pracht bald zu Ende ist, wäre da nicht am Eingang das Schild «Liquidation Warenlager» und «50 Prozent Rabatt». Nicht einmal den Schaufenstern sieht man an, dass hier Ausverkauf herrscht: Es ist so stilvoll geschmückt wie eh und je. Der Chic und das Flair der gebürtigen Strassburgerin Loulou Werder lassen sich nicht verleugnen. «Wir wollen so aufhören, wie wir gestartet sind», betont sie.

An Kundschaft fehlt es im Moment wahrlich nicht, doch sie mag sich nicht darüber freuen: «Es ist traurig, dass die Leute erst jetzt in unser Geschäft kommen, wo wir es aufgeben.»

Mit 65 ist Schluss

So entstand der Name Wyler-Werffeli

Der Ursprung der heutigen Firma Wyler-Werffeli geht bis ins Jahr 1897 zurück, als die Dintiker Seilerwarenfabrik Oskar Tanner in die Rathausgasse Lenzburg zügelte. Die Tochter des späteren Firmenbesitzers, Gertrud Läuchli, heiratete einen Werffeli, wurde kinderlos Witwe und heiratete in zweiter Ehe Otto Wyler. Daher stammt der Name Wyler-Werffeli. Das Ehepaar führte das Geschäft mit Seilerwaren und Haushaltartikeln für Bauern. Auch diese zweite Ehe blieb kinderlos, wie auch jene von Gertruds Schwester, die schliesslich zwei Waisen als Pflegekinder aufnahm – die Mutter und Tante des heutigen Firmeninhabers Max Werder. Seine Eltern arbeiteten beide in der Firma Wyler-Werffeli. 1957 kaufte Max Werder sen. die Firma. Die Seilerei war inzwischen durch ein Teppichgeschäft ersetzt und später mit Bodenbelägen und Vorhängen ergänzt worden. Parallel dazu wurde die Haushaltabteilung weitergeführt. 1977 entstand im sogenannten Durchbruch der neue Laden «Aux Belles Choses», der von Loulou Werder betreut wurde. 1992 wurde «Aux Belles Choses» ins Haushaltgeschäft in der Rathausgasse integriert. Zwei Jahre später trennte man sich von der Haushaltabteilung und Loulou Werder konzentrierte sich ganz auf ihr Fachgebiet Glas und Porzellan – einfach alles für den gediegenen Tisch. Passend dazu wurde der neue Namen «Tischlein Deck Dich» kreiert, während der Name Wyler-Werffeli AG im Bodenbelags- und Teppichgeschäft erhalten blieb.

Der Abschied von einem Traditionsunternehmen fällt nicht leicht. So mischt sich unter die Vorfreude auf den Ruhestand auch eine leise Wehmut, gepaart allerdings mit Erinnerungen an fröhliche Stunden. Welch ein Vergnügen, als einst richtige Winter sogar den Bau einer Schneehütte in der Rathausgasse erlaubt hatten.

Mehrere Gründe haben zu den rückläufigen Verkaufszahlen im «Tischlein Deck Dich» geführt. So sind etwa die Wunschlisten verschwunden, mit denen sich Heiratswillige Haushaltsgegenstände aussuchen und von den Hochzeitsgästen schenken lassen. «Heute ist jeder Singlehaushalt schon komplett ausgerüstet und es wird einfach alles zusammengelegt.» Es werde weniger Wert auf einen stilvoll gedeckten Tisch gelegt, gemeinsames Essen finde nicht mehr regelmässig statt.

Das Internet ist ein weiterer Grund: «Die Kunden holen die Beratung im Fachgeschäft und bestellen im Internet. Das ist auch in anderen Branchen so», stellt Loulou Werder fest. Dazu kommt, dass die Lieferanten immer mehr Warenpakete statt Einzelartikel liefern. «Will man ein Einzelstück, zahlt man Kleinmengenzuschlag. Und nimmt man das ganze Paket, füllt sich das Lager mit Dingen, die sich nicht verkaufen.»

Wie sieht die Zukunft aus?

Loulou Werder musste in der Vergangenheit so viel zurückstellen, dass sie sich jetzt auf Reisen, Wandern und Bewegung in der Natur freut, eventuell auch einen Sprachaufenthalt ins Auge fasst. «Und vor allem keinen Termindruck mehr haben», fügt sie hinzu. Max Werder hingegen wird weiter tätig sein, «aber in beschränktem Umfang und als Einzelperson im Branchenfachbereich, etwa als Berater». Ausserdem ist er noch Experte im Verband und könnte sich vorstellen, sich als «Rent a Rentner» mit Gartenarbeit zu befassen. Auch er wird einiges nachholen, was er in den 12 Jahren als Lenzburger Stadtrat nicht geniessen konnte.

Vorerst kommen aber noch einige intensive Wochen auf die beiden zu. Bis Ostern läuft der Lagerverkauf des «Tischlein Deck Dich». Nach den Frühlingsferien beginnt der Ausverkauf der Bodenbeläge, Teppiche und Vorhänge. Bis zum Jugendfest sollte alles erledigt sein, auch die laufenden Bauarbeiten. Dann ist der Laden in der Rathausgasse definitiv zu.