Seon

Mammut-Chef Rolf Schmid tritt ab: «Früher war es abenteuerlicher»

Unter Rolf Schmid eroberte die Seoner Marke «Mammut» die Welt. Nun tritt er nach 20 Jahren an der Spitze ab. Ein Nachfolger ist noch nicht bestimmt. Im Interview spricht Schmid über die Herausforderungen im Outdoor-Geschäft und die neue Unternehmensstrategie, die jetzt ohne ihn umgesetzt wird.

Mammut-Chef Rolf Schmid gibt seine Interviews bevorzugt auf Berggipfeln. Das Sitzungszimmer im Seoner Hauptsitz, in dem dieses Gespräch stattfindet, schmückt aber immerhin eine spektakuläre Gipfel-Aufnahme. Und der nächste Trip ist bereits geplant: In diesem Sommer bereist Schmid mit dem Extrembergsteiger und Markenbotschafter Stephan Siegrist den Kaschmir. Es wird eine seiner letzten berufsbedingten Bergtouren. Denn bald übergibt der 57-Jährige die Leitung der Outdoor-Firma, die aus einer 1862 in Dintikon bei Lenzburg gegründeten Seilerei hervorging, an einen noch nicht bestimmten Nachfolger.

Nach 20 Jahren an der Mammut-Spitze heisst es Abschied nehmen. Hat man als permanent unter Erfolgsdruck stehender Firmenchef zwangsläufig ein Ablaufdatum?

Die meisten CEOs gehen nach vier bis sieben Jahren. Ich habe das Dreifache geschafft, was also eigentlich eine atypisch lange Zeit ist.

Der Entscheid, der laut Mammut-Eigentümer Conzzeta einvernehmlich gefällt wurde, kam für sie also nicht überraschend?

Vor zwei Jahren hätte ich gesagt, dass ich hier in Pension gehen werde. Vor einem Jahr war ich schon skeptischer, weil es starke Veränderungen gab, zum Beispiel im Verwaltungsrat der Conzzeta-Gruppe. Jetzt kam die Trennung für mich nicht mehr überraschend.

Conzzeta teilte unter anderem mit, es sei Zeit für «neue Ideen». Sind ihnen diese ausgegangen?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir haben eben eine neue Strategie mit vielen Ideen entwickelt, die vom Verwaltungsrat für gut befunden wurde und jetzt umgesetzt wird.

Wie sieht diese Strategie aus?

Wir suchen unter anderem eine viel stärkere Partnerschaft mit den Fachhändlern. Das heisst, wir wollen neu im Verkaufsprozess bis zuletzt involviert sein und die Verkaufsfläche selber gestalten, damit die Marke sichtbarer wird. Zudem richten wir uns noch stärker international aus und wollen nach dem schwierigen Jahr 2015 insgesamt wieder rascher wachsen.

Schmerzt es, diese Strategie nun nicht mehr umsetzen zu können?

Natürlich wäre es schön zu sehen, was dabei herauskommt. Andererseits dauert das mehrere Jahre, und das ist mir zu lang. Ich bin 57 Jahre alt und kann jetzt nochmals etwas Neues anfangen.

Mammut verkauft mit den Produkten ja auch den Traum der absoluten Freiheit in der Natur. Überkam sie da nicht schon früher manchmal der Wunsch, auszubrechen?

So radikal nicht. Ich habe mal ein dreimonatiges Sabbatical gemacht. Jetzt freue ich mich extrem darauf, meine Zeit wieder stärker selber gestalten zu können. Denn das schwierigste in meinem Job war die Fremdbestimmung: Keiner kann so wenig über die eigene Agenda entscheiden wie der Chef.

Auch harte Entscheide zu fällen gehörte zum Jobprofil, kürzlich etwa jenen über den Verkauf der Seilproduktion von Seon nach Österreich.

Natürlich hätten wir die Produktion gerne gehalten. Während meiner Zeit musste die komplette Produktion aus Kostengründen ausgelagert oder verkauft werden. Gleichzeitig haben wir aber viel Geld in den Aufbau der Marke und in die Forschung und Entwicklung gesteckt. Da, wo die Maschinen standen, arbeiten heute viel mehr Leute als noch vor 20 Jahren.

Der Outdoor-Markt ist heute umkämpfter denn je. Und 2015 musste Mammut erstmals seit ihrem Antritt einen Umsatzrückgang hinnehmen. Hat diese Tatsache den Rücktrittsentscheid beeinflusst?

Ja, das hat den Entscheid vereinfacht.

Anders gefragt: War früher alles besser?

Es war sicher familiärer und irgendwie auch abenteuerlicher. In den USA etwa, wo wir heute einen riesigen Messestand haben, war ich anfangs ganz alleine. Und wenn ich auf die Toilette musste, stellte ich ein Schildchen mit der Aufschrift «Bin gleich zurück» auf den Tisch. Gleichzeitig kannte man sich an den Messen, die meisten Chefs waren noch die Firmengründer. In den letzten Jahren haben vielerorts Private-Equity-Firmen und mit ihnen der Typ «Manager» die Kontrolle übernommen.

War das Wachstum zwangsläufig, oder hätte Mammut auch ein kleines, familiäres Unternehmen bleiben können?

Wachstum ist definitiv ein Muss. Wenn die anderen grösser werden, können wir nicht stehen bleiben. Und Grösse hat auch ihre Vorteile, man kann etwas bewirken in der Branche. So waren wir die ersten, die der «Fair Wear»-Stiftung beitraten. Heute ist das der Standard.

In der Branche läuft ein Konsolidierungsprozess, es bilden sich Konglomerate. Kann und will Mammut diesem Trend widerstehen?

Mit dem Ja zur Strategie 2020 hat sich Conzzeta auch zur Eigenständigkeit bekannt. Und dank der Gruppe haben wir genug finanzielle Mittel im Rücken, um investieren zu können.

Unter anderem ins Marketing. Ist das Outdoor-Geschäft auch in dieser Hinsicht herausfordernder und komplizierter geworden?

Ja, mit einem guten Produkt hat man heute - anders als früher - noch keinen Krieg gewonnen. Aber ich empfinde das nicht als Druck, das Marketing hat mir immer Spass gemacht. Eben haben wir eine Everest-Besteigung mit einer 360-Grad-Kamera à la Google-Street-View gefilmt. Und vor zehn Jahren haben wir mit «Mary Woodbridge» eine der ersten viralen Kampagnen lanciert. Über 200 Zeitungen hielten die von uns geschaffene fiktive 85-jährige Engländerin für real und berichteten über ihre Pläne, mit ihrem Dackel den Everest zu besteigen. Tierschützer protestierten dagegen in Internetforen, bis wir die Geschichte dann auflösten.

Nicht ganz so leicht lösen lässt sich der Streit mit Greenpeace. Kürzlich biwakierten Aktivisten der Umweltschutzorganisation hier an der Fassade, um gegen die Verwendung giftiger Chemikalien in der Kleiderproduktion zu protestieren.

Die ganze Textilbranche kann sich diesbezüglich verbessern, aber das geht nicht von heute auf morgen, weil es für gewisse Substanzen noch keinen Ersatz gibt. Mit Greenpeace sind wir im konstanten Dialog, und die Aktivisten müssen auch kein Biwak mehr mitbringen, wir holen sie sogar am Bahnhof ab oder gehen bei ihnen zu einem Besuch vorbei.

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