Kindstod
Wenn Eltern den schlimmsten Verlust überhaupt betrauern: Der Verein «Himmelskind» hilft bald auch in Lenzburg

Ein Sternenkind ist ein Kind, das vor, während oder kurz nach der Geburt verstirbt. Ein Verein, gegründet und geleitet von betroffenen Frauen, bietet Menschen in solchen Situationen Halt. Treffen finden bald auch in Lenzburg statt.

Eva Wanner
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Der Verein Himmelskind ist da und hilft, wenn jemand ein Kind verliert.

Der Verein Himmelskind ist da und hilft, wenn jemand ein Kind verliert.

Symbolbild: Pius Amrein

Wer es erlebt hat, kann es kaum beschreiben, wer es nicht erlebt hat schon gar nicht: Die Gefühle, die in Mutter, in einem Vater, in einer Familie, im Umfeld hochkommen, wenn ein Kind noch im Mutterleib, bei der Geburt oder kurz danach verstirbt. Ein Verlust, der emotional alles einnimmt, aber auch an Praktischem und Entscheidungen vieles mit sich bringt, an das man nicht denken will und gar nicht erst denken kann.

Für beides ist «Himmelskind» da. Gegründet und geführt von Frauen, die selbst solche Schicksalsschläge erlebt und sogenannte «Sternenkinder» in ihrem Leben haben, spannt der Verein ein Netz um Familien, die mit dem Verlust eines Kindes zu kämpfen haben.

«Eine Welt bricht zusammen»

Eine der Frauen hinter «Himmelskind» ist Oksan Nanz. Die Eggenwilerin hat vor vier Jahren ein Kind still geboren. Im vierten Monat waren plötzlich keine Herztöne mehr zu hören. Ein Schock, sie wollte es nicht glauben, liess sich mehrfach von Fachleuten bestätigen, dass es wirklich so ist, und wollte es selbst dann noch nicht wahrhaben. Nanz weiss, wovon sie spricht, wenn sie sagt: «Von heute auf morgen ist alles anders. Eine Welt bricht zusammen.»

Freunde, Bekannte, sogar die engste Familie zieht sich in solchen Situationen oft zurück, «das habe ich selbst auch so erlebt», sagt Nanz. Meist aus Überforderung, eines der vielen Gefühle, mit dem auch die Betroffenen kämpfen. Rein emotional, aber auch, wenn es beispielsweise darum geht, eine Beerdigung zu organisieren. «Es tun sich so viele verschiedene Baustellen auf, man weiss irgendwann nicht mehr, wo man anfangen und was man überhaupt tun soll», sagt Nanz.

Dazu kommt, dass sich natürlich kaum jemand mit einer solchen Situation im Vorfeld auseinandersetzt - und man schlicht nicht weiss, was man darf und was nicht. «Viele Eltern wissen beispielsweise nicht, dass sie ihr Kind, wenn es tot geboren wird, nach Hause nehmen dürfen. Dort können sie in Ruhe und in ihrem gewohnten Umfeld Abschied nehmen.» Dass sie selbst weiss, welche Gefühle, Fragen und Ängste einem in einer solchen Situation überkommen, helfe ihr dabei, andere Betroffene besser zu verstehen.

Sternensofa in Lenzburg

«Himmelskind» ist laut Oksan Nanz genau bei der Bewältigung solcher Gefühle und Situationen eine wichtige Institution. Gemeinsam mit Sarah Lingg, die ebenfalls ihre ganz eigene Sternenkind-Geschichte hat, baut sie deshalb ein Angebot im Aargau auf. Bisher bietet der Verein in Horgen sogenannte Sternensofas an. Treffen, bei denen sich Betroffene austauschen können, in einem geschützten Rahmen und mit Menschen, die in der gleichen oder einer ähnlichen Situation sind. Je nach Bedarf und Gruppenzusammensetzung finden auch spezifische Themenabende statt.

Da Oksan Nanz in Seon arbeitet und fand, im Aargau fehle ein solches Angebot, tat sie sich mit Sarah Lingg zusammen und baut nun in Lenzburg ein Sternensofa auf. Jeden ersten Dienstag im Monat finden Treffen statt, jeweils an der General Herzog-Strasse eins, in der «Akademie für Achtsamkeit». Am 7. Juni zum ersten Mal, alle Daten sind zu finden auf www.himmelskind.ch/jahreskalender.

Leiten werden die Treffen Nanz und Lingg, beide sind bald ausgebildete Trauerbegeleiterinnen. Nanz weiss: Anderen eine Stütze sein geht nur, weil sie, auch mit Hilfe von «Himmelskind», ihren eigenen Verlust verarbeitet habe. Und doch sei das, was passiert sei, immer irgendwie da. «Es ist immer präsent, insbesondere an Geburtstagen.»