Lenzburg
Illegales Leasing: Ein Blinder und ein Hasenfuss vor Gericht

Robin wollte geleaste Fahrzeuge verkaufen, um die Löhne seiner Mitarbeiter zu bezahlen. Er wäre wohl nie aufgeflogen, hätte er sich nicht selbst angezeigt.

Ann-Kathrin Amstutz
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Einen Lastwagen und zwei Anhänger im Wert von 150'000 Franken – alles geleaste Ware – wollte Robin verkaufen, um an Geld für die Lohnzahlungen zu kommen. (Symbolbild)

Einen Lastwagen und zwei Anhänger im Wert von 150'000 Franken – alles geleaste Ware – wollte Robin verkaufen, um an Geld für die Lohnzahlungen zu kommen. (Symbolbild)

KEYSTONE

Die finanziellen Probleme seines kleinen Transportunternehmens stürzten Robin (alle Namen geändert) in Verzweiflung. Seinen Mitarbeitern die Löhne nicht mehr bezahlen zu können, wäre für den 37-Jährigen unerträglich gewesen – so unerträglich, dass Robin bereit war, das Gesetz zu brechen.

Einen Lastwagen und zwei Anhänger im Wert von 150 000 Franken – alles geleaste Ware – wollte Robin verkaufen, um an Geld für die Lohnzahlungen zu kommen. Sein Kunde Fazil, mit dem Robin schon mehrere Geschäfte abgewickelt hatte, bot 65 000 Franken in bar. Die Geldübergabe fand statt, ohne dass Fazil die Fahrzeuge oder zumindest die Ausweise zu sehen bekam – er vertraute Robin, den er seit Jahren kannte.

Eine Woche verstrich, ohne dass Robin die Fahrzeuge lieferte. Da wurde es Fazil zu bunt. Er forderte sein Geld zurück. Robin bekam es mit der Angst zu tun und zahlte die 65 000 zurück. Für Fazil war die Sache damit erledigt. Nicht so für Robin: Aus Angst, der illegale Handel könnte doch noch auffliegen, erstattete er Selbstanzeige.

So kam der Fall vor das Bezirksgericht Lenzburg. Einzelrichter Daniel Aeschbach formulierte es so: «Hätte Robin sich nicht selbst angezeigt, wären wir heute wohl gar nicht hier.» Ausgerechnet Robin war aber tatsächlich nicht dort: Schon zum zweiten Mal blieb er, angeklagt der Veruntreuung, dem Prozess unentschuldigt fern.

«Ich habe nix gesehen, nix!»

Nicht so Fazil, der sich wegen Hehlerei verantworten musste. In gebrochenem, schwer verständlichen Hochdeutsch beantwortete er die richterlichen Fragen. Nein, er habe keine Schulbildung, sagte Fazil. «Für was?»

Bezüglich des Geschäfts mit Robin erklärte Fazil, er habe die Ausweise nie zu sehen bekommen und deshalb nicht gewusst, dass die Fahrzeuge nur geleast waren und deshalb nicht hätten verkauft werden dürfen. «Ich habe nix gesehen, nix, nix!» Der 49-Jährige mit algerischen Wurzeln ist seit 15 Jahren im Nutzfahrzeuggeschäft tätig: Den erstaunlich tiefen Preis von 65 000 habe er als normal angesehen. Er habe keinen Verdacht gehabt, dass da etwas krumm sei. Als der Strafbefehl bei Fazil ins Haus flatterte, verstand er die Welt nicht mehr.

Robins Beweggründe werden wohl nie gänzlich ans Tageslicht kommen – weil er sich aufgrund seiner Absenzen nie vor Gericht äusserte. Dass ihm sein Fernbleiben als Schuldeingeständnis ausgelegt werden kann, braucht Robin nicht zu kümmern – hat sich der gescheiterte Transportunternehmer doch selbst angeklagt und alles gestanden.

Fazil wird freigesprochen

In der Urteilsverkündung wirkte sich die Selbstanklage und denn auch strafmildernd für Robin aus – niemand war zu Schaden gekommen. Zusammen mit der Tatsache, dass sich Robin nicht selbst bereichern, sondern seine Mitarbeiter bezahlen wollte, war das Grund genug für Daniel Aeschbach, die Strafe herabzusetzen. Robin wurde zu einer Busse von 3600 Franken und einer bedingten Geldstrafe von insgesamt 18 000 Franken (Probezeit 3 Jahre) verurteilt. Die Verfahrenskosten sowie zwei Bussen für das zweimalige Fernbleiben kommen hinzu. Und weil Robin vorbestraft ist, muss er zusätzlich zwei bedingte Geldstrafen berappen.

Dann wandte sich Daniel Aeschbach dem zweiten Angeklagten zu. Er sprach den Fazil frei, weil er wohl nicht wusste, dass die Fahrzeuge gar nicht Robin gehörten. Der Richter erklärte: «Die Gepflogenheiten im Fahrzeughandel sind für Aussenstehende speziell – und schwer nachzuvollziehen.» Doch die langjährige Geschäftspraxis spreche für Fazil. Sichtlich erleichtert verliess der 49-Jährige den Gerichtssaal.

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