Stapferhaus-Ausstellung
«Fake»-Eröffnung: «Ich habe selten so viel gelogen wie in dieser Ausstellung»

Das Amt für die ganze Wahrheit begeistert Besucherinnen und Besucher.

Noemi Lea Landolt
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Eröffnung Stapferhaus FAKE
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Die Besucher verpflichten sich, während ihres Besuchs stets die Wahrheit zu sagen.
Hans Wahr, Chefbeamter im Amt für die ganze Wahrheit.
Wer stellt sich dem Lügendetektor?
Wo vermischen sich Lüge und Wahrheit?
Hier einige Impressionen vom Eröffnungstag:
Hier der Talk zur Eröffnung mit Aline Wanner, Journalistin im Büro-Schweiz der ZEIT und Alain Gloor.

Eröffnung Stapferhaus FAKE

Raphael Hünerfauth

Der Zeigefinger gehört auf den Sensor an der Armlehne. Er misst den Herzschlag. Bum-bumm. Bum-bumm. Immer mehr Menschen scharen sich um den Lügendetektor im Labor für Lügenerkennung. «Hesch scho mol öppis klaut?» Bum-bumm. Bum-bumm. «Ja.» Die rote Lampe an der Wand leuchtet. Lüge! «Aber ich säg d’Wahrheit!»

Wirklich? Was ist die Wahrheit? Wo fängt eine Lüge an? Warum lügen wir überhaupt? Es ist kompliziert mit der Wahrheit. Und die Lüge von heute kann die Wahrheit von morgen sein. Das zumindest gibt Hans Wahr, Chefbeamter des Amts für die ganze Wahrheit, den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung «Fake» vor einer übergrossen Leinwand mit auf den Weg. Dann wird die Leinwand blau. Der Computer ist abgestürzt. Ist das Konzept? Werden wir getäuscht? Ist alles nur Fake? Als kurz darauf Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichtensteiger angerannt kommt, ist klar: Stromausfall. Die kleine Panne ist schnell behoben und noch schneller vergessen. Sie tut der Begeisterung der Besucherinnen und Besucher, die am Sonntag zum ersten Mal nicht nur die neue Ausstellung, sondern auch das neue Stapferhaus vis-à-vis vom Bahnhof Lenzburg entdecken konnten, keinen Abbruch.

Der Wahrheit verpflichtet

Kinder füllen zusammen mit ihren Eltern den Besucherausweis aus. Mit ihrer Unterschrift bestätigen sie, sich während des Besuchs für die ganze Wahrheit verantwortlich zu fühlen. Bereits bei der zentralen Lügenanlaufstelle dürften Mamis und Papis aber das erste Mal mit ihren eigenen kleinen Lügen als Eltern konfrontiert werden. Ein Vater beichtet, wie er als Samichlaus über Jahre immer andere Geschichten erfinden musste, weshalb er ohne Esel aufgetaucht war. Genügte den Kindern am Anfang als Erklärung, dass das Tier mit Fieber im Bett liege, musste er mit der Zeit gebrochene Beine erfinden, den Esel im Schnee stecken bleiben lassen oder sogar ein Tobel runterstürzen und sterben lassen. Sind solche Lügen schlimm? Sind sie verzeihlich? Vielleicht im Nachhinein sogar lustig?

Meret, Jakob und Cymbeline Schwarz, Zürich Wir haben noch nicht viel gesehen. Aber die Ausstellung gefällt uns, weil sie sehr spielerisch aufgebaut ist und man die Dinge anfassen kann. Man wird sich auch bewusst, wie oft man im Alltag lügt – angefangen beim Samichlaus.
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Urs Egloff, Lenzburg Als Lenzburger werde ich nicht das letzte Mal hier sein. Mir hat bereits die Begrüssung durch den Amtsleiter gefallen. Das zieht einen sofort rein. Gut finde ich auch, dass ich Dinge selber machen kann. Ob der Van Gogh echt ist, weiss ich nicht.
Fabio Gsell, Baden Die Ausstellung ist super. Das Thema ist zeitgemäss. Mir ist eingefahren, dass das Thema Lügen in den Medien schon so lange ein Thema ist und nicht erst in letzter Zeit aktuell wurde. «Fake» ist im Vergleich zur Heimat-Ausstellung weniger persönlich.
Pia und Kurt Urech, Lenzburg Das Thema «Fake» ist topaktuell. Es gefällt uns, dass man nicht nur lesen muss. Die Auseinandersetzung mit Lügen ist spannend. Jeder tut es und sieht es gar nicht als Lüge. Wichtig ist, dass eine Lüge niemandem schadet.
Beatrice Jenny, Arlesheim Ich werde die Ausstellung mit meiner Klasse besuchen. Es gefällt mir, dass ich als Besucherin direkt angesprochen werde. Lügen ist immer ein Thema. Und auch, dass die vermeintliche Wahrheit manchmal eine Lüge ist.

Meret, Jakob und Cymbeline Schwarz, Zürich Wir haben noch nicht viel gesehen. Aber die Ausstellung gefällt uns, weil sie sehr spielerisch aufgebaut ist und man die Dinge anfassen kann. Man wird sich auch bewusst, wie oft man im Alltag lügt – angefangen beim Samichlaus.

Raphael Hünerfauth

Wer durch das Amt für Wahrheit geht, wird aufgefordert, mitzumachen und mitzudenken. Ist das, was ich sehe Fake oder Original? Habe ich recht oder wurde ich getäuscht? Man werde auch an Dinge erinnert, die man selber gemacht hat, sagt eine junge Besucherin. «Natürlich nur, wenn man das auch zulässt. Das macht sicher nicht jeder», ist sie überzeugt.

Natürlich nicht. So viel wie wir in unserem Alltag lügen. In einer Studie, welche die Forschungsstelle Sotomo zusammen mit dem Stapferhaus durchgeführt hat, schätzten sich immerhin 43 Prozent der Befragten als geübte Lügnerinnen und Lügner ein, denen man es nicht gleich ansieht, wenn sie nicht die Wahrheit sagen. Im Gästebuch beim Ausgang bedankt sich jemand für die tollen Inputs. «Ich habe selten so viel gelogen wie in dieser Ausstellung.» Ob das die ganze Wahrheit ist?