Erinnerungen
Die Spuren von Schauspieler Gnädinger führen nach Lenzburg

Der verstorbene Schauspieler stand 1964 in Lenzburg auf der Bühne. Es war einer seinerersten Auftritte als angehender Theaterprofi. Gnädingers Weggefährte Peter Bertschinger erzählt von damals

Pascal Meier
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Gnädingers Weggefährte: Der gebürtige Lenzburger Peter Bertschinger lebt heute in Beinwil am See.
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Mathias Gnädingers Weggefährte Peter Bertschinger erinnert sich
Inserat aus dem «Lenzburger Bezirksanzeiger» vom 2. April 1964, das die Theaterproduktion «Draussen vor der Tür» mit Mathias Gnädinger ankündigte. Der Eintritt kostete Fr. 1.50.

Gnädingers Weggefährte: Der gebürtige Lenzburger Peter Bertschinger lebt heute in Beinwil am See.

Pascal Meier

Der Saal vom Lenzburger Hotel Krone war brechend voll. Eiligst wurden weitere Stühle herangeschafft, trotzdem mussten hinten viele Besucher stehen. Vorne auf der Bühne hatte an jenem Freitagabend im April 1964 das Theaterstück «Draussen vor der Tür» begonnen – ein bekanntes Drama des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert über einen Soldaten, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Alltag nicht mehr zurechtfindet.

Auf der Bühne stand an jenem Abend ein unbekannter junger Mann: Mathias Gnädinger, der sich in den darauffolgenden Jahrzehnten als Volksschauspieler in die Herzen der Schweizer spielte. Am vergangenen Karfreitag starb er unerwartet. Der Auftritt als Oberst damals im Lenzburger Theaterstück war eine von Gnädingers ersten Rollen während der Ausbildung zum Schauspieler in Zürich.

Zwei Freunde

Das alles liegt über 50 Jahre zurück. Erinnerungen verblassen, doch für einen Mann sind diese mit dem Tod von Mathias Gnädinger wieder präsent: Peter Bertschinger. Der gebürtige Lenzburger führte 1964 bei «Draussen vor der Tür» Regie und stand mit Gnädinger in der «Krone» auf der Bühne. «Mathias hatte schon damals unglaublich viele Facetten», sagt Bertschinger.

Der heute 74-jährige Peter Bertschinger weiss, wovon er spricht. Die Theaterproduktion in Lenzburg war nicht die einzige Begegnung mit Mathias Gnädinger. «Wir waren Freunde», sagt Bertschinger und erzählt bei einem Café auf der Terrasse seines Hauses in Beinwil am See, wie er Anfang der 1960er-Jahre die Aufnahmeprüfung zum Zürcher «Bühnenstudio» – die spätere Schauspielschule und heutige Hochschule der Künste – schaffte und sich dort mit dem einfachen Bauernsohn Mathias Gnädinger aus dem Schaffhauserischen anfreundete.

Die Bande zwischen den beiden wuchs, als immer mehr Klassenkameraden durch die Zwischenprüfungen rasselten und am Schluss nebst fünf Mädchen – darunter die spätere «Tagesschau»-Ansagerin Regina Kempf – nur noch Peter Bertschinger und Mathias Gnädinger übrig blieben.

Programmheft von Kromer

Während der Schauspielschule hielten sich die beiden Freunde mit Nebenjobs über Wasser. Gnädinger ging seinem ursprünglichen Beruf als Schriftsetzer nach und arbeitete im Stundenlohn bei der «Neuen Zürcher Zeitung». Bertschinger verkaufte auf dem Trottoir vor der Migros Stadelhofen Südfrüchte. Um Geld zu verdienen, spannten die beiden auch zusammen: «Wir rüsteten ein Leiterwägeli mit Farbkübeln, Putzmittel und Teppichklopfer aus und gingen damit auf Tour», erinnert sich Peter Bertschinger und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Bei ihren Lehrern strichen die Studenten die Küche und klopften dreckige Teppiche aus.

Schauspieler Mathias Gnädinger starb am Karfreitag im Universitätsspital Zürich
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Mathias Gnädinger wurde 74 Jahre alt
Mathias Gnädinger ist tot (3)
Mathias Gnädinger bei den Dreharbeiten zur zweiten Staffel der SRF-Krimiserie «Der Bestatter»
Mike Müller (links) und Mathias Gnädinger während den Dreharbeiten zur zweiten Staffel der SRF-Krimiserie «Der Bestatter». (2013 in Zumikon)
Fahren dem Lebensende entgegen: Jörg Schneider und Mathias Gnädinger in «Usfahrt Oerlike».
Schneider (l.) und Gnädinger in "Usfahrt Oerlike" (Pressebild)
Mathias Gnädinger (l.) und Jörg Schneider in Solothurn (Archiv)
Mathias Gnädinger (l.) mit Jörg Schneider an den Solothurner Filmtagen.
Hansjörg Schneider (links), der Erschaffer von Kommissär Hunkeler, und Matthias Gnädinger (Archiv)
Matthias Gnädinger spielt im Jahr 2002 die Hauptrolle im Landschaftstheater "An Heiligen Wassern" nach dem gleichnamigen Roman von J. C. Heer.

Schauspieler Mathias Gnädinger starb am Karfreitag im Universitätsspital Zürich

In den Genuss dieser Dienste kamen unter anderem die damals bekannten Schauspieler Peter Ehrlich, Alice Lach und Gustav Knuth. Auch viele Wochenenden verbrachten die Freunde gemeinsam. Peter Bertschinger übernachtete bei den Eltern von Mathias Gnädinger in Ramsen SH, im Gegenzug weilte Gnädinger ab und zu in Lenzburg. Gleich mehrere Wochen wohnte Mathias Gnädinger bei Peter Bertschinger, als die beiden 1964 fast täglich mit Gleichgesinnten für das Stück «Draussen vor der Tür» probten. «Mathias hatte die Rolle des Obersts spontan übernommen, was mich sehr freute.» Bei der Druckerei Kromer habe er das Programmheft gestaltet.

Der Erfolg des Theaterstücks war enorm, gegen 2000 Zuschauer besuchten die Aufführungen. Der Berichterstatter vom Aargauer Tagblatt strich in seiner Kritik die Leistung der Schauspielschüler hervor: «Während diese ihre Rollen zum Teil ausgezeichnet und voll Überzeugungskraft spielten, waren bei den Laiendarstellern noch allerhand Unsicherheit zu spüren.»

Das letzte Telefonat

Nach den Auftritten in Lenzburg verloren sich Mathias Gnädinger und Peter Bertschinger aus den Augen. Gnädinger wurde vom Theater am Neumarkt in Zürich verpflichtet, darauf folgten Engagements in Kassel, Essen, Mannheim, Bremen und Berlin, bevor er in die Schweiz zurückkehrte. Bertschinger zog es nach Koblenz und Rheinland-Pfalz.

Auch er stand später in der Schweiz vor der Kamera und auf Theaterbühnen – unter anderem im Zürcher Schauspielhaus und im freien Theater «Claque» in Baden. Die beiden Theaterfreunde schrieben sich zu Weihnachten und zum Geburtstag. In unregelmässigen Abständen telefonierten sie – zwar nur alle paar Jahre, aber bis ins Alter. Nur einmal, es war in den 1980er-Jahren, trafen sich die beiden nach einem Auftritt Gnädingers im Schauspielhaus. «Wir hatten es gut bis über die Polizeistunde hinaus», erzählt Peter Bertschinger.

Obwohl sich die beiden seither nicht mehr sahen, blieben sie verbunden. «Da war und blieb etwas Besonderes zwischen uns», sagt Bertschinger. Einmal habe ihn Mathias Gnädinger spontan angerufen, weil zum 100. Todestag von Frédéric Chopin Musik des Komponisten im Radio lief. «Du hörst doch gerne Chopin, schalt sofort das Radio sein», sagte Gnädinger am Telefon.

Zum letzten Mal telefonierten die beiden im vergangenen Herbst. Mathias Gnädinger versprach Peter Bertschinger am Schluss des Gesprächs, dass er jetzt unbedingt mal in Beinwil am See vorbeikommen müsse. Dazu kam es nicht mehr. Vom Unfall und dem späteren Tod Mathias Gnädingers erfuhr Peter Bertschinger aus den Medien. «Eine traurige Nachricht für uns alle», sagt er. «Mir tut es weh, dass wir uns nicht mehr gesehen haben.»