Ferienfamilie
Becky kehrt heim - was ein Mädchen bei Hallwiler Gastfamilie erlebt

Aargauer Verein organisiert Ferien für ostdeutsche Kinder in Gastfamilien. Zum Beispiel für Becky aus Leipzig. Einen Monat lebt das Mädchen bei der Familie Wolf-Dux in Hallwil.

Nadja Rohner
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Becky (links) spielt mit den Kindern ihrer Gastfamilie Ira (rechts) und Ylva (vorne).

Becky (links) spielt mit den Kindern ihrer Gastfamilie Ira (rechts) und Ylva (vorne).

HO

Irgendwo in der Nähe von Leipzig lebt Becky. Elf Monate im Jahr ist das ihr Zuhause, mit Eltern und vier Geschwistern. Den zwölften Monat aber, den verbringt das Mädchen aus sogenannt «schwierigen Verhältnissen» in Hallwil bei Familie Wolf-Dux – ihrer Ferienfamilie.

Möglich macht dies der Lengnauer «Verein Schweizer Gasteltern». Er organisiert seit über 20 Jahren Ferienaufenthalte für Kinder aus Ostdeutschland in der Schweiz. Immer während der Sommerferien kommen bis zu 30 Kinder wie Becky, alle etwa zwischen 5 und 16 Jahre alt. «Die Nachfrage auf deutscher Seite wäre viel höher», erzählt Edmund Bitterli, Vereinssprecher. «Leider finden sich nicht genügend Gastfamilien, um alle Kinder aufnehmen zu können.»

Kulturelle Unterschiede spürbar

Der Verein wurde kurz nach dem Mauerfall gegründet. Seither hat sich die Bedeutung der Phrase «aus schwierigen Verhältnissen» gewandelt. «Früher waren diese Kinder wirklich arm, sie hatten zu Hause kaum genug zu essen», sagt Bitterli. Heute bringen sie teils mehr teure elektronische Gadgets mit, als manches Schweizer Kind besitzt. Arm sind sie trotzdem: «Diese Kinder haben keine schöne Kindheit. Sie stammen oft aus klassischen Hartz-IV-Familien, wie man sie aus TV-Sendungen kennt.» Bitterli berichtet von einer Achtjährigen, die erst in der Schweiz zum ersten Mal in einem Wald spazieren war. Auch seien sich die Kinder rauere Umgangsformen gewöhnt: «Da heisst es oft nicht ‹bitte› und ‹danke›, sondern ‹Mach mal!›»

Auch bei Familie Wolf-Dux waren die kulturellen Unterschiede spürbar. Becky war sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal in den grossen Reisecar stieg, der sie in die Schweiz brachte. Seither kehrt sie jeden Sommer nach Hallwil zurück. «Das erste Jahr war anstrengend», erzählt Beckys Sommermami Heidi Dux Wolf. Vieles, was für die Familie selbstverständlich war, musste Becky erst lernen – dass man gemeinsam am Tisch isst, zum Beispiel. «Im zweiten Jahr ging es besser, und ab dem dritten Jahr war es ganz normal», erzählt Dux Wolf. Sie und ihr Mann haben zwei Töchter, die ein bisschen jünger sind als Becky. Verstehen sich die beiden gut mit ihrem Feriengast? «So, wie sich Geschwister halt verstehen», meint Dux Wolf vielsagend, und lacht.

Heimweh und Geschwisterrivalität

«Einmal haben sie gesagt, es sei schön, dass Becky bald wiederkomme – dann könnten sie wieder Fangis spielen, zu zweit gehe das so schlecht.» Eigentlich habe sie Pflegemutter werden wollen, sagt Dux Wolf. Mit einem Ferienkind wollte sie herausfinden, ob das klappen könnte. Das erste Jahr habe sie schon als arbeitsintensiv und ermüdend empfunden. Regeln aushandeln, Heimwehtränen trocknen – das habe Kraft gebraucht. «Mittlerweile ist unser Heim Beckys zweites Zuhause geworden.»

Der «Verein Schweizer Gasteltern» setzt auf langfristige Engagements. «Ziel wäre es, dass die Kinder mehrere Sommer zu denselben Gasteltern gehen können», sagt Bitterli. Manchmal ergäben sich so tiefe Verbindungen: Ein junger Mann sei beispielsweise nach vielen Ferienbesuchen ganz zu seiner Schweizer Gastfamilie gezogen, weil er in der Nähe einen Job gefunden hatte.

Natürlich gebe es auch schwierige Situationen. «Neben Heimweh ist auch Geschwisterrivalität immer wieder mal Thema», so Bitterli. Der Verein steht den Gasteltern beratend zur Seite. Für den Notfall gebe es Springerfamilien, die ein Kind aufnehmen könnten. Nur selten müsse ein Kind vorzeitig zurückreisen.

Für diesen Sommer sucht der Verein noch Gastfamilien aus der ganzen Schweiz. Weil die Ferien im Bundesland Sachsen so spät beginnen, sind es dieses Mal nur drei Wochen, während denen die Kinder in der Schweiz sind. «Melden dürfen sich sowohl ältere als auch jüngere Gasteltern, mit oder ohne Kinder», sagt Bitterli. Auch alleinstehende Frauen könnten ein Kind aufnehmen – für Männer gilt dies nicht.

«Der Verein hat ein Händchen dafür, für jede Familie das passende Kind auszuwählen», sagt Heidi Dux Wolf. Und sie erzählt von ihrem schönsten Erlebnis mit Becky: «Wir waren auf der Rigi, bei einem Schwingfest. Da blickte jemand meinen Mann mitleidig an, und sagte, es gebe dann hoffentlich noch einen Buben zu den drei Töchtern.»

Mehr Infos zum Verein: www.gasteltern.ch

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