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Kollegen streiten um einen Millionengewinn, den es nie gab

Eine Meldung auf dem Computer führte zum Streit (Symbolbild)

Eine Meldung auf dem Computer führte zum Streit (Symbolbild)

Ein angeblicher Gewinn von einer Million Euro führte zum Streit zwischen zwei Kollegen – beide Parteien bezichtigten sich im Gerichtsprozess der Drohung. Die Kosten für den Prozess muss nun der Staat tragen.

Sie seien einmal gute Kollegen gewesen, sagte Maria* vor Gericht. Ein Computer - genauer gesagt ein Popup-Fenster - änderte dann alles: Eine Million Euro habe sie gewonnen, stand da. Alles, was nötig wäre, um diesen Gewinn zu bekommen, sei eine E-Mail-Adresse. Über diese verfügte sie nicht. Maria, die mit ihrem Kind ahnungslos am Computer gespielt hatte, rief gleich ihren Kollegen Carlos* an, damit er ihr weiterhelfe. Carlos hatte aber keine Zeit.

Etwa fünf oder sechs Tage surrte der Computer vor sich hin, niemand habe ihn angerührt, das Fenster mit dem Millionengewinn sei immer da gewesen. Dann war die Tochter von Carlos zu Besuch. «Sie hat eine E-Mail-Adresse eingetragen, ich weiss nicht, ob es ihre eigene oder die von ihrem Vater war», gab Maria zu Protokoll. Sie könne es nicht beweisen, sei sich aber sicher, dass das Kind die Million abgestaubt habe. «Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass da eine Million Euro geflossen sind?», fragte der Richter nach. «Ja, ich kann es nicht beweisen, aber ich bin mir sicher», so Maria.

Beklagter kaufte sich ein Haus

Später war dann auch Carlos an besagtem Computer. Sie vermute, dass er schauen wollte, ob es noch mehr zu holen gebe, sagte Maria.

Plötzlich stellte sie auch fest, dass Carlos sich mehr leisten konnte als früher: Er kaufte sich ein Haus. Und in die Ferien ging er nicht mehr mit dem Auto, sondern mit dem Flugzeug. Es lässt Maria nicht mehr los. «Ich versuchte, das Ganze zu vergessen, es kam aber immer wieder in mir hoch», sagte sie vor Gericht. Dass jemand anders ihren Gewinn eingeheimst haben soll, wog bei Maria wohl besonders schwer, weil ihre eigene finanzielle Situation nicht gerade rosig ist. Die Kassiererin arbeitet 50 Prozent. «Ich hatte schon Betreibungen, jetzt aber nicht mehr», sagte sie, schnaufte hörbar durch die Nase und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

Angeklagter soll gedroht haben

Drei Jahre später hat es Maria dann nicht mehr ausgehalten. Sie hatte gerade ihr Auto in die Werkstatt gebracht und kam auf ihrem Weg am Haus von Carlos vorbei. Als sie ihn sah, überkam es sie plötzlich. Sie sprach Carlos auf ihren Gewinn an, es kam zum Streit. Da sich die beiden auf Portugiesisch stritten, ist nur eine sinngemässe Übersetzung möglich: «Ich mache dich kaputt», soll Carlos im Streit gesagt haben. «Ich hatte Angst vor ihm und ging zur Polizei.» Ob sie Todesangst gehabt habe, fragte der Richter. «Ja.» Es folgten mehrere Besuche bei der Opferhilfe.

Anders tönt der Vorfall aus Carlos Sicht: Maria habe mit ihm gestritten, er habe ihr gesagt, sie solle sein Grundstück verlassen. «Sie sagte, sie komme zurück, aber nicht allein - das ist unter Portugiesen eine schwere Drohung», sagte Carlos. Er habe danach Schmerzen in der Brust gehabt und sich im Spital untersuchen lassen. Weiter sagte Carlos, er habe sein Haus aus dem Geld der Pensionskasse und aus dem Ersparten von sich und seiner Frau bezahlt - eine Million habe er nie erhalten. Die Verteidigung forderte einen Freispruch und 800 Franken Entschädigung, weil Maria Carlos Vertrauenswürdigkeit geschadet habe. Maria wollte zudem eine weitere Anklage betreffend des Millionengewinns einreichen, was die Staatsanwaltschaft abgelehnt habe.

Keine Tat nachweisbar

Das Gericht sprach Carlos frei. Es sei nicht möglich, nachzuweisen, dass Carlos Maria tatsächlich bedroht habe. Es sei für ihn aber das erste Mal, dass jemand ernsthaft glaube, im Internet spontan eine Million gewonnen zu haben - das sei der Glaubwürdigkeit abträglich gewesen. Die Verfahrenskosten könnten aber auch nicht auf die Klägerin abgewälzt werden, wie dies von der Verteidigung gefordert wurde, und die gesundheitlichen Folgen, die Carlos erlitten habe, seien für eine Verurteilung nicht ausreichend. Bezahlen muss also nur der Staat - er trägt die Verfahrenskosten.
*Namen von der Redaktion geändert

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