Wer hats erfunden?
Willisauer Ringli: Warum das Luzerner Original Aargauer Wurzeln hat

Die Geschichte der Willisauer Ringli ist lang. Sie erzählt von Liebe, Verrat und einem bis heute guten Marketingprodukt. Am Anfang des Gebäcks aus dem Luzerner Hinterland steht aber ein Aargauer.

Christine Wullschleger
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Bereits in den frühen Morgenstunden mischt Michael Renggli die Teigmasse. Sie muss ständig mit Wasser befeuchtet werden, damit sie nicht austrocknet.
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Bereits in den frühen Morgenstunden mischt Michael Renggli die Teigmasse. Sie muss ständig mit Wasser befeuchtet werden, damit sie nicht austrocknet.
In der Bäckerei Confiserie Amrein in Willisau werden die berühmten Willisauer Ringli nach geheimem Rezept hergestellt.
Die Bleche müssen eingespannt werden.
Michael Renggli füllt die Teigmasse in einen Trichter ein.
Der Teig wird durch ringförmige Düsen gepresst und die Ringli landen auf dem Backblech.
Michael Renggli füllt den Teig in die Ringlimaschine aus dem Jahr 1933.
Der Teig wird durch ringförmige Düsen gepresst und die Ringli landen auf dem Backblech.
Rund 15 000 Willisauer Ringli stellt Michael Renggli pro Woche her.
Ein Blech nach dem anderen kommt aus der Maschine.
Rund 15 000 Willisauer Ringli stellt Michael Renggli pro Woche her.
Vor dem Backen besprüht Michael Renggli die Ringli mit Wasser, damit sie schön glänzen. Danach schiebt er sie in den Ofen, wo sie rund 30 Minuten gebacken werden.
Nach dem Backen überprüft Michael Renggli die Ringli, lässt sie abkühlen und verpackt sie schliesslich.
Willisauer Ringli

Bereits in den frühen Morgenstunden mischt Michael Renggli die Teigmasse. Sie muss ständig mit Wasser befeuchtet werden, damit sie nicht austrocknet.

Sandra Ardizzone

Ein Gemisch aus Zitrone, Orange und Honig liegt in der Luft. Der Duft lässt erahnen, was in der Backstube von Michael Renggli in diesen frühen Morgenstunden hergestellt wird. Ein Gebäck, das die Willisauer vielleicht schon nicht mehr sehen können, das viele Touristen ins charmante Städtchen lockt und das schon Auslöser manchen Rechtsstreits war: das Willisauer Ringli.

Es gehört nach Willisau wie die Rüeblitorte in den Aargau. Doch nur die Willisauer selbst dürfen auch Ringli backen. Seit rund 40 Jahren existiert ein Verbot für die auswärtige Herstellung der Spezialität.

Zugrunde liegt den Ringli eine einfache Rezeptur. Laut Originalrezept gehören 7 Pfund Zucker, 7 kleinere Tassen Wasser, Rinde von zwei Zitronen und einer Orange und 5,5 bis 6 Pfund Mehl in den Teig. «Diese Zutaten sind heute noch in den Ringli drin. Die Gewürze jedoch machen den einzigartigen Geschmack aus und sind das grosse Geheimnis», sagt Michael Renggli, heutiger Inhaber des Cafés Amrein Chocolatier.

Renggli weiss, wovon er spricht, schliesslich sind in seinem Betrieb in den 1850er-Jahren zum ersten Mal die Ringli hergestellt worden – deshalb heisst seine Backstube mit Café auch Ursprungshaus.

Ein Aargauer wurde zum Willisauer

Der Erfinder der Willisauer Ringli war aber nicht etwa ein waschechter Willisauer – er war Aargauer. Heinrich Maurer wurde am 19. Dezember 1819 als Sohn eines Bauern in Schmiedrued geboren. Maurer aber trat nicht in dessen Fussstapfen, er wurde Bäcker. In Kulm machte er seine Berufslehre, danach ging er auf Wanderschaft.

Er arbeitete in Murgenthal, Huttwil, Moosleerau und Menziken. 1840 kam er zum ersten Mal nach Willisau. Zwei Jahre blieb er, dann zog es ihn in die Westschweiz. Sechs Jahre später kam er wieder in das Städtchen im Luzerner Hinterland – der Liebe wegen.

Bald schon richtete er im Haus Nummer 26 auf der Sonnenseite der Hauptgasse in Willisau eine Bäckerei ein. Maurer wurde im Luzerner Städtchen auch «Berner Beck» genannt, weil er aus Schmiedrued und damit ehemalig bernischem Gebiet stammte. Er heiratete, seine Frau schenkte ihm zwei Töchter. Doch viel zu schnell wurde Heinrich Maurer zum Witwer. Maurer ging danach eine zweite Ehe mit Martha Peyer ein. Dass sie ihm den Weg zum Willisauer Ringli ebnen sollte, wusste er zu dieser Zeit noch nicht.

Heinrich Maurer-Peyer aus Schmiedrued hat die Zusammensetzung des Ringlis vollendet und ihm seinen Namen gegeben: Willisauer Ringli.

Heinrich Maurer-Peyer aus Schmiedrued hat die Zusammensetzung des Ringlis vollendet und ihm seinen Namen gegeben: Willisauer Ringli.

ZVG

Martha Peyer stellte damals eine Art Ringli als Hausgebäck her. Sie hatte das Rezept aus dem Schloss Heidegg im Luzerner Seetal, auf dem sie lange mit ihrer Schwester als Hausdame gelebt hatte. Wie in einem Buch über die Heimatkunde des Wiggertals zu lesen ist, hat Heinrich Maurer wahrscheinlich schon in den 1850er-Jahren mit der Herstellung der Ringli begonnen.

Er hat das Rezept so zusammengesetzt, dass die Ringli als Spezialität verkauft werden konnten. Und er gab dem Gebäck seinen heutigen Namen: Willisauer Ringli. «Heinrich Maurer war damit der Vater der Willisauer Ringli, sein Rezept war das Ursprungsrezept», heisst es in der Schrift weiter. Nach seinem Tod im September 1882 hinterliess er das Rezept seinem einzigen Sohn Robert und dessen Gattin. Diese verkaufte später das Rezept an den Urgrossvater von Michael Renggli und so kam es in dessen Familie.

15'000 Stück jeden Mittwoch

Noch heute produziert Michael Renggli seine Ringli nach dem Ursprungsrezept – schön braun und mit weissen Tupfen, so, wie es sein muss. Mit einer vollmechanischen Maschine aus dem Jahr 1933, die jeden Mittwoch unaufhörlich Ringli ausspuckt. Rund 15'000 Stück aus 140 Kilogramm Teigmasse. Michael Renggli steht dann jeweils sehr früh in der Backstube, die Zubereitung des Teigs ist Chefsache. Nur sein langjähriger Mitarbeiter kennt das Rezept noch, sonst ist niemand in das grosse Geheimnis eingeweiht.

20 az-Journalistinnen und Journalisten haben Willisauer Ringli getestet. Das sind die Sieger:

Platz 1: Das Intensive «Sieht luftig aus, ist aber hart wie Sichtbeton», schreibt ein Jurymitglied. Tatsächlich wird das Ringli, das am meisten weisse Punkte aufweist, als viel zu hart, aber sehr gut und intensiv im Geschmack eingestuft. Die einen mögen die Süsse, die anderen eher weniger. Café Amrein Chocolatier, Willisau, Fr. 7.60/300 Gramm
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Willisauer Ringli der Firma Schwegler.
Platz 2: Das Klassische Das Willisauer Ringli der Firma Hug ist definitiv am besten beissbar, es brösmelet fast ein wenig. Das kommt bei der Jury gut an. Es hat fast keine weissen Punkte. Die Jury stuft es als ein wenig zu süss, aber würzig und erfrischend ein. Trotzdem fehlt dem klassischen Ringli das gewisse Etwas. Coop, Fr. 3.95/290 Gramm
Willisauer Ringli der Firma Hug.
Platz 3: Das Zitronige Das Ringli wird als mittelhart und «genau richtig» eingestuft. Zudem ist es weniger süss als das Amrein-Ringli, deswegen auch ein wenig fad im Geschmack. Der zitronige Geschmack entwickelt sich erst am Schluss, dieser überzeugt die Jury nicht. Bäckerei Schwegler, Willisau, Fr. 5.50/250 Gramm
Willisauer Ringli der Firma Amrein.

Platz 1: Das Intensive «Sieht luftig aus, ist aber hart wie Sichtbeton», schreibt ein Jurymitglied. Tatsächlich wird das Ringli, das am meisten weisse Punkte aufweist, als viel zu hart, aber sehr gut und intensiv im Geschmack eingestuft. Die einen mögen die Süsse, die anderen eher weniger. Café Amrein Chocolatier, Willisau, Fr. 7.60/300 Gramm

Sandra Ardizzone

Patentiert wurde das Willisauer Ringli nie. «Als man merkte, dass das Ringli bekannt und nachgebacken wurde, war es bereits zu spät», sagt Michael Renggli. Aber es spiele auch keine Rolle, das Ringli sei auch so ein gutes und schmackhaftes Marketingprodukt – und das soll es auch künftig bleiben. «Etwas Süsses ist grundsätzlich immer fantastisch als Botschaft eines Ortes.» Dieser Meinung ist auch Corinne Müller, Geschäftsführerin von Willisau Tourismus: «Viele haben dank dem Willisauer Ringli den Namen Willisau schon einmal gehört.»

Heute produzieren in Willisau von ursprünglich über einem Dutzend Bäckereien nur noch deren drei die berühmten Willisauer Ringli. Neben Michael Renggli ist es die Schwegler Bäckerei und die Firma Hug AG, die industriell produziert. Dass das Ringli ursprünglich von einem Aargauer, einem Schmiedrueder, lanciert wurde, ist in Willisau kaum präsent.

«Und hier auch nicht von Bedeutung», meint Michael Renggli. Und trotzdem: Ohne den Aargauer, der «Berner Beck» genannt wurde, wäre im Luzernischen das Willisauer Ringli vielleicht nie entdeckt worden.