Carlo Habich, grauer Anzug, karierter Kaschmirschal, fährt aufs «Neuland» hinaus. Sein Auto mit der Aufschrift «Schweizer Salinen – Salines Suisses» ist so weiss wie das Salz, das tief unter den mit Tau bedeckten Feldern liegt. Nur Tau – kein Raureif, kein Glatteis, kein Schnee.

Das freut die meisten Autofahrer – aber Carlo Habich, Leiter Business Unit Primärsalze, macht es eher nervös. Er hofft nicht täglich auf die Herbstsonne, die auch heute wieder so schön warm in den November strahlt. Habich hofft auf Kälte. Natürlich nimmt er sich gerne Zeit, in Ruhe zu erklären, wie das Salz aus der Erde auf die Strasse kommt. Viel lieber aber hätte er jetzt gerade keine Zeit; würde er organisieren, dass möglichst schnell möglichst viel Salz aus der Erde auf die Strasse kommt.

Aus 200 Metern Tiefe

Neuland: So heisst das Gebiet hier, zwischen dem Ende von Rheinfelden und dem Beginn von Möhlin, oder natürlich umgekehrt, je nach Fahrtrichtung. Links und rechts entlang der schmalen, geteerten Strasse zieht sich eine Kette aus Schachtdeckeln. Es sind die Bohrlöcher, die kein Spaziergänger als solche erkennen würde.

Im Salztempel: Einblick in die Saline Riburg.

Im Salztempel: Einblick in die Saline Riburg.

200 Meter unter dem Boden liegt das Salz. Zwei Stahlrohre werden mit einem Bohrer heruntergetrieben, ein inneres und ein äusseres. Durch das äussere Rohr wird Trinkwasser hinuntergepumpt, durch das Innere steigt die gelöste Salzsole hoch. Sie wird an der Oberfläche in grossen Tanks gesammelt. «30 bis 40 Prozent des Salzes dürfen wir herausnehmen, der Rest muss bleiben, wegen der Stabilität», erklärt Carlo Habich. Neben dem Bohrloch wächst Gemüse. Das Neuland gehört den Salinen, die haben das Land einem Landwirt verpachtet. «Wir brauchen es ja nur in der Tiefe», sagt Habich. Bei anderen Bohrfeldern ist es umgekehrt: Das Land gehört den Bauern, die Salinen bohren im Baurecht. 20 bis 30 Jahre kann ein Feld wie jenes im Neuland genutzt werden, dann muss ein neues her.

Der Salzmarkt ist hierzulande ein staatliches Monopol: Die Aktien der Salinen gehören den 26 Kantonen, ein paar wenige dem Fürstentum Liechtenstein und der bayrischen Südsalz GmbH. Bis 2025 ist die Salzversorgung mit den aktuellen Bohrfeldern gesichert. Anfang Jahr entschied der Verwaltungsrat: Man will auch darüber hinaus das Land aus einer Hand mit Schweizer Salz beliefern.

Aus Fehlern gelernt

Ein weisser Pickup fährt vorbei. «Das ist die Kontrolle», erklärt Carlo Habich. Rund 25 Bohrlöcher sind gleichzeitig aktiv, einmal pro Tag wird jedes kontrolliert. Gesteuert und überwacht werden die Förderstellen in einem Kontrollraum, «aber nachschauen ist trotzdem wichtig». Weiter hinten ragt ein haushohes Gerät aus dem Feld. Thomas Weiler, Brille auf der Nasenspitze, rote Arbeiterlatzhose, arbeitet gerade an einem Loch, das pausiert. «Sehen Sie das Problem?», fragt der externe Techniker und deutet auf ein ausgebautes, verbogenes Rohr. Die Erde ist in 200 Metern Tiefe in Bewegung – und manchmal stärker als die Rohre. Dann heisst es: Gas ablassen, Rohre ausbauen, defektes ersetzen, einbauen, reaktivieren. Weilers Aufgabe ist aber nicht die Reparatur, sondern die Vermessung: Wenn ein Loch mal Pause macht, wird das auch genutzt, eine Sonde hinunterzuschicken und zu messen, wie viel Salz noch da ist.

Abgelagert wurde es vor 250 Millionen Jahren, vom Meer, das die Alpen formte. Eine riesige Salzfläche, die sich von der Nordsee bis nach Luzern erstreckt. Und eine, die zeigt: Das Salz, das wir heute nutzen, um unsere Strassen vom Schnee zu befreien, unser Rührei zu würzen, unsere Körper zu baden, unser Wasser zu enthärten und unsere Kühe zu füttern, ist immer Meersalz. Urmeersalz, quasi. Erst die Weiterverarbeitung entscheidet über den Verwendungszweck. In der Schweiz wird es an drei Orten gefördert: Bex VD, Schweizerhalle BL, Riburg AG.

Habich verlässt das Neuland und fährt auf das Betriebsareal. Er klettert auf das Dach der Verdampfungsanlage, blickt auf die grossen Soletanks, kräftig blau sprudelt die Flüssigkeit. Von dort fliesst die Sole in die beiden Verdampfer, die unter uns pfeifen und das ganze Gebäude schwingen lassen. Nebenan: die grösste Holzkuppel Europas, der Saldome 2. Daneben sein kleiner Bruder, der Saldome 1. Sie waren eine Reaktion auf starke Winter, in denen das Salz ausging und aus Europa zugekauft werden musste. Einmal ging das gut. Beim zweiten Mal nicht mehr: In ganz Europa wurde das Streusalz knapp, Habich musste in Chile und Ägypten einkaufen. «Wir bestellten im Dezember, geliefert wurde im März. Ein Desaster.»

Heute könnte das nicht mehr passieren. 255 000 Tonnen können gelagert werden. Mit neuem Konzept wird, wenn nötig, rund um die Uhr produziert. Die Saldome sind gut gefüllt, ganz gefüllt sein dürfen sie nicht: «Wir müssen ja weiterproduzieren können, auch wenn der Winter nicht kommt.» Habich öffnet die Tür zum Sacklager. Man kann keinen ganzen Schritt hinein machen, Paletten versperren den Weg, hoch wie eine Felswand. Auf dem Areal ist es ruhig: keine Lastwagen, kein Güterzug. Kein Schnee. Noch nicht.