Häusliche Gewalt

Wenn der Papi das Mami schlägt – warum auch das Kind darunter leidet

Kinder leiden mit, wenn Mami und Papi streiten. Das sind sich viele Eltern nicht bewusst. (Symbolbild)

Kinder leiden mit, wenn Mami und Papi streiten. Das sind sich viele Eltern nicht bewusst. (Symbolbild)

Im Aargau werden jedes Jahr rund 1000 Kinder Zeuge davon, dass ihre Eltern heftig streiten oder handgreiflich werden. Viele Eltern glauben, ihre Kinder würden davon nichts mitbekommen. Eine falsche Annahme. Häusliche Gewalt betrifft die Kinder immer – auch dann, wenn sie nicht geschlagen werden.

Manchmal ist am anderen Ende der Telefonleitung ein Kind. Es hat die Nummer 117 gewählt, weil seine Eltern streiten, es gesehen hat, wie sein Papi sein Mami geschlagen hat. Das Kind hat nur einen Wunsch: Es soll aufhören!

Was passiert nach einem solchen Anruf? Wer kümmert sich im Aargau um Familien, in denen Gewalt zum Alltag gehört? An einer Infoveranstaltung an der Berufsfachschule BBB in Baden haben Fachpersonen verschiedener Organisationen erzählt, was sie erleben und wie sie arbeiten. Zum Beispiel Hans-Peter Müller von der Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei Aargau. Die achtjährige Lea Martin (alle Namen geändert) hat die Polizei alarmiert. Noch während die Mitarbeiterin der Notrufzentrale mit Lea spricht und versucht, sie zu beruhigen, schickt sie eine Polizeipatrouille los. «Solche Einsätze sind auch für uns Polizisten sehr emotional», sagt Müller. Der Auftrag der Polizei ist es, die Gewalt zu stoppen, die Opfer zu schützen und den Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Die Polizei geht von Zimmer zu Zimmer und sucht die Kinder

In der Wohnung verschaffen sich die Polizisten einen Überblick. Sie fragen immer nach Kindern und wollen wissen, wo sie sind. «Wenn wir sie nicht sehen, schauen wir nach. Wir gehen von Zimmer zu Zimmer», sagt Müller. So finden sie den vierjährigen Robin, Leas Bruder. Er sitzt am Boden, in sich gekehrt und spielt. Der Vater, die Mutter und die Kinder werden getrennt und separat befragt. Seit 2007 können Polizeikräfte im Aargau eine gewaltausübende Person für die Dauer von 20 Tagen aus ihrer Wohnung weisen und ihr verbieten, in diese zurückzukehren. Bei Familie Martin wurde das gemacht. Der Vater wurde weggewiesen.

Nach einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt schickt die Polizei ihren Bericht an verschiedene Stellen im Kanton. Zum Beispiel an die Opferhilfe Aargau/Solothurn. Korina Stoltenberg ist die stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle. Sie lädt die Mutter zu einem Gespräch ein. «Einerseits geht es darum, die Opfer in der schwierigen Situation aufzufangen und zu stärken. Andererseits informieren wir sie über ihre Möglichkeiten.» Auch Stoltenberg wird das Gespräch auf die Kinder lenken, fragen, wie es Lea und Robin geht. «Hoffentlich ist es für sie nicht so schlimm», wird Frau Martin sagen.

«Gang is Zimmer, de Papi chunnt hei.»

Stoltenberg weiss: «So denken viele Eltern. Aber es ist Wunschdenken.» Eltern hätten das Gefühl, ihre Kinder würden die Gewalt und die Streitigkeiten nicht mitbekommen. Frage sie aber die Kinder, höre sie Sätze wie: «Mis Mami seit immer: ‘Gang is Zimmer, de Papi chunnt hei’.» Stoltenberg erzählt von einem Kind, das im Kindergarten plötzlich ganz schnell und viel gegessen habe. Als die Kindergärtnerin wissen wollte, warum es das tue, habe das Kind gesagt: «Ich muess schnell gross und starch werde, dass ich s’Mami cha beschütze.»

Kinderschützer spricht von einer «Epidemie»

«Gewalt unter den Eltern betrifft immer auch die Kinder», sagt auch Markus Wopmann, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonsspital Baden und Leiter der Kinderschutzgruppe. Im Aargau gebe es jede Woche 20 Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt, die Familien betreffen. Jedes Jahr würden also rund 1000 Kinder miterleben, dass ihre Eltern heftig streiten oder einander schlagen. Und das sei nur die Spitze des Eisbergs. «Noch viel häufiger sind Tätlichkeiten, von denen die Polizei nichts erfährt.»

Wopmann spricht im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt von einer «Epidemie». Auffallend sei auch, dass es sich sehr oft um Wiederholungstäter handle. «In einer Familie gab es in fünf Monaten neun Polizeieinsätze.» Wopmann beobachtet ebenfalls, dass sich viele Eltern nicht bewusst sind, dass ihre Kinder realisieren, was passiert. «Die Eltern sagen, das Kind habe gespielt und nichts mitbekommen. Die Kinder sagen, sie hätten Angst gehabt und weinen müssen», sagt Wopmann.

Nach dem Polizeieinsatz klingelt auch beim Vater das Telefon. Matthias Lüscher, Gewaltberater bei der Anlaufstelle Häusliche Gewalt, will einen Termin für ein Gespräch vereinbaren. Auch Lüscher hat den Polizeibericht erhalten. Seine Aufgabe ist es, Täter so weit zu bringen, dass sie ihre Taten nicht bagatellisieren, sondern Verantwortung übernehmen. Herr Martin ist nicht begeistert von der Idee, lässt sich aber zu einem einmaligen Gespräch überreden. Lüscher gibt ihm Raum. Herr Martin habe sich zunächst eine Viertelstunde lang über seine Frau ausgelassen. Sie sei überfordert und nicht einmal in der Lage, das Mittagessen rechtzeitig auf den Tisch zu bringen. Das sei sein einziger Anspruch, wo er doch jeden Tag zehn oder zwölf Stunden arbeite. Der Gewaltberater lässt ihn ausreden, schweigt und hört zu.

Dann spricht er ihn auf seinen Alkoholpegel an. 1,8 Promille hatte Herr Martin intus, als die Polizei bei der Familie aufkreuzte. Das sei kein Problem, ein einmaliger Ausrutscher, versicherte Herr Martin. Und ja, er habe seiner Frau eine Ohrfeige gegeben. Aber die habe sie verdient. Auch Lüscher kommt auf Lea zu sprechen. Ob er wisse, dass seine Tochter die Polizei gerufen habe und was er denke, wie es ihr gehe, fragt Lüscher den Vater. Dieser wird nachdenklich und ruhig. Gewaltberater und Täter schweigen sich an. «Was fühlen Sie?», fragt Lüscher nach ein paar Minuten. Herr Martin weint. Ihm dämmert wohl, dass er vielleicht doch etwas mit der Sache zu tun haben könnte. Er lässt sich auf den Gewaltberater ein, kommt zu weiteren Gesprächen und willigt später auch in eine Suchtberatung ein, die ihm Lüscher vermittelt. Je weniger Alkohol Herr Martin trinkt, desto leichter fällt es ihm, über Gefühle zu sprechen.

Gemeinsam eine Lösung zum Wohl der Kinder finden

Irgendwann kann er seiner Frau sagen, dass er sich zu Hause einsam und von ihr zurückgestossen fühle. Sie hört ihm zu und sagt, es mache ihr Angst wenn er laut und betrunken sei. «Diese Aussage hat ihm den Boden unter den Füssen weggezogen», sagt Lüscher. Herr Martin beginnt, sich selber abzuwerten, sieht sich als Monster und der Gewaltberater muss plötzlich den Täter stärken. Gleichzeitig ist Herr Martin an einem Punkt angelangt, an dem er realisiert, was er angerichtet hat. Er schafft es, sich bei seiner Familie zu entschuldigen, sagt ihnen, dass sie nicht verantwortlich seien für das, was er ihnen angetan habe. Lea sagt er, dass es richtig war, die Polizei zu alarmieren.

Nach seiner Entschuldigung habe Herr Martin das Gefühl gehabt, es sei nun alles wieder normal, sagt Lüscher. Der Gewaltberater musste ihm klar machen, dass das nicht so ist. Mit der Schuld müsse er den Rest seines Lebens klar kommen und auch seine Kinder würden Zeit brauchen, bis sie ihm wieder vertrauen könnten.

Sandra Wey, Stellenleiterin der Jugend- und Familienberatung Laufenburg, kennt die Familie Martin ebenfalls. Sie arbeitet mit der ganzen Familie und hat dabei stets das Kindswohl im Blick. «Viele Eltern vergessen bei Konflikten auf der Paarebene die Kinder», sagt sie. Trotzdem mache sie Eltern keine Vorwürfe. «Ich möchte sie ins Boot holen und mit ihnen eine Lösung zum Wohl der Kinder finden.» Gleichzeitig zeigt sie ihnen auf, was die Alternativen sind. Beispielsweise eine Fremdplatzierung der Kinder.

Herr und Frau Martin kommen gemeinsam zum Gespräch. Irgendwann will Wey von den beiden wissen, was sie denken, was sich Lea und Robin wünschen. Herr Martin sagt: «Dass wir nicht mehr streiten.» Und Frau Martin sagt: «Ja, das denke ich auch.» Es ist eine Basis, auf der sich aufbauen lässt.

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