Als «bemerkenswert» wird der Rückgang der Fälle am Zwangsmassnahmengericht im Geschäftsbericht der Aargauer Gerichte bezeichnet. Die Haftrichter behandelten im vergangenen Jahr 558 Fälle – knapp 400 weniger als noch 2013. Der Rückgang beträgt 41 Prozent. 

Ein Grossteil beinhalte die Bewilligung von Untersuchungshaft (kurz: U-Haft), wie der leitende Aargauer Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht gegenüber dem «Regionaljournal Aargau Solothurn» erklärt. Auch solche Fälle gebe es weniger. Man muss wissen: Nimmt die Polizei einen Verdächtigen fest, bleiben der Staatsanwaltschaft 48 Stunden, um beim Zwangsmassnahmengericht einen Antrag auf Anordnung von Untersuchungshaft zu stellen. 

Umbricht begründet den Rückgang von bei der Untersuchungshaft mit rückläufigen Einbruchs- und Kriminaltouristenzahlen. Letztere seien häufig Fälle, bei denen die Richter Untersuchungshaft beantragen würden. Bei Kriminaltouristen wird gemäss Umbricht in der Regel immer U-Haft angeordnet. Da sie weder einen festen Wohnort noch Anknüpfungspunkte in der Schweiz besässen, bestehe immer der Haftgrund der Fluchtgefahr.

Immer weniger Kriminaltouristen also im Aargau? Einen Rückgang kann Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, aus polizeilicher Sicht nicht bestätigen. Umbricht stütze sich in seinen Aussagen auf die Anträge auf Untersuchungshaft. Dies sind allerdings nur die Fälle, in denen die Polizei den Verhafteten eindeutig Straftaten nachweisen kann. Die Dunkelziffer der mutmasslichen Kriminaltouristen dürfte demnach weit grösser sein. «Die Polizei nimmt immer wieder Verdächtige fest, die ohne strafrechtliche Folgen wieder auf freien Fuss gesetzt werden müssen, weil die Polizei ihnen keine Straftaten nachweisen kann.» Statistisch erfasst seien diese nicht.

Als Kriminaltouristen werden laut Graser in erster Linie Personen bezeichnet, die gezielt in die Schweiz einreisen, um Vermögensdelikte wie Einbruch, Trick-, Taschen- oder Ladendiebstahl zu begehen. Die Polizei spricht dabei von «serieller grenzüberschreitender Kriminalität». Häufig stammen diese Personen aus Osteuropa, so etwa Rumänien, Georgien oder Polen.

Schwerpunkt gegen Einbruchskriminalität fruchtet

Dass im Aargau weniger Einbrüche verübt werden, deckt sich hingegen auch mit der Kriminalstatistik. Schlugen Einbrecher im Jahr 2013 noch 2739 Mal zu, waren es 2018 noch 1542. «Ein Grund ist zweifellos die Tatsache, dass die Polizei seit mehreren Jahren einen wesentlichen Fokus ihrer Arbeit auf die Bekämpfung der Einbruchskriminalität richtet», erklärt Graser. 

Den Druck verstärkt habe die Polizei bereits seit 2012/2013. Damals erreichten die Einbruchszahlen einen Höhepunkt. Als Grund nennt Graser die Folgen des Arabischen Frühlings, als vermehrt Asylbewerber in die Schweiz kamen.

Für die rückläufigen Einbruchszahlen vermutet Oberstaatsanwalt Umbricht auch einen weiteren Grund: «Reiner Einbruch ist möglicherweise nicht mehr so lukrativ wie früher», wird er vom Regionaljournal zitiert. Anderer Meinung ist Polizeisprecher Graser: «So lange das Wohlstandsgefälle zwischen Norden und Süden oder Westen und Osten so gross ist, wird auch der Anreiz immer gross sein und werden Einbrüche für Kriminaltouristen lukrativ bleiben.»