Unfälle
Von wegen mehr Sicherheit: Der blinkende Fussgängerstreifen in Küttigen fällt durch

Eine neue Norm für Fussgängerstreifen soll einen hohen Wiedererkennungswert bringen, damit jedermann überall in der Schweiz weiss, wie man sich verhalten muss. Bereits getroffene Massnahmen haben offenbar die Sicherheit erhöht.

Mathias Küng
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Kantonsingenieur Rolf H. Meier (rechts) und Kai Schnetzler (Leiter der Sektion Verkehrssicherheit) überqueren einen sanierungsbedürftigen Fussgängerstreifen an der Entfelderstrasse in Aarau.

Kantonsingenieur Rolf H. Meier (rechts) und Kai Schnetzler (Leiter der Sektion Verkehrssicherheit) überqueren einen sanierungsbedürftigen Fussgängerstreifen an der Entfelderstrasse in Aarau.

Chris Iseli

Vor einigen Jahren häuften sich im Kanton Aargau tragische, schwere Unfälle mit Fussgängern auf dem Fussgängerstreifen. Das löste eine grosse Debatte über Fussgängersicherheit aus, und insbesondere darüber, ob die Fussgängerstreifen am richtigen Ort und ausreichend sicht- und erkennbar sind.

Einige Gemeinden in mehreren Kantonen begannen in der Absicht, die Sicherheit zu erhöhen, zu experimentieren. Berühmt wurde ein Fussgängerstreifen in Küttigen, der die Verkehrsteilnehmer mit blinkenden Aktivreflektoren aufmerksam macht.

Damals machte der Kanton Aargau als Sofortmassnahme eine Sicherheitsbestandesaufnahme bei den Fussgängerstreifen. Die Experten kamen zum Schluss, dass auf den Kantonsstrassen 50 Streifen mit einfachen Mitteln (zum Beispiel neue Leuchtfarbe) sofort saniert werden können und müssen. Das geschah umgehend. Bei weiteren über 200 Streifen wurde entschieden, diese genauer anzuschauen und auf Verbesserungen mit baulichen Massnahmen zu prüfen.

Fünf Beispiele für Fussgängerstreifen, die schon in Ordnung gestellt sind oder noch müssen:

Mühlemattstrasse, Aarau Bereits umgesetzte Massnahmen: Markierte Mittelinsel erstellt, welche nun die Sicht auch bei Rückstau von der Lichtsignalanlage her gewährleistet. Und insbesondere ist die Querung neu in zwei Etappen (Warten in der Strassenmitte) möglich. Beleuchtung nach neusten Standards erstellt sowie Signale und Markierung erneuert.
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Siebenmannweg, Aarau Heute: Sichtprobleme bei Rückstau aus Kreisel; Fussgänger laufen vom Siebenmannweg hinter Steinmauer direkt auf Fussgängerstreifen. Optimierung: Verschieben des Streifens, damit Fussgänger kurz entlang des Gehwegs laufen und den Verkehr besser beachten; Mittelinsel erstellen, damit Fussgänger gute Sicht bei Stau haben; Ausrüstung mit Signal Fussgängerstreifen.
Einmündung Gönhardweg, Aarau Heute: Sichtweite wegen denkmalgeschützten Gebäude knapp; Beleuchtung sollte verstärkt werden. Optimierung: Verschieben des Streifens sowie Zurückversetzen der Bepflanzung damit Sichtweite genügt; Beleuchtung wird nach neustem Stand ausgeführt.
Turbinenkreisel, Aarau Schwierigkeiten: Sichtprobleme bei Stau in Kreisel; Beleuchtung sollte verstärkt werden. Optimierung: Mittelinsel erstellen, damit Fussgänger in zwei Etappen queren und immer gute Sicht haben; Beleuchtung wird optimiert.
Einmündung Adolf-Jenni-Strasse, Aarau Heute: Fussgängerstreifen führt über drei Fahrstreifen ohne Mittelinsel; Beleuchtung verstärken. Optimierung: Mittelinsel erstellen und Linksabbieger aufheben; Signal Fussgängerstreifen anbringen; Beleuchtung wird optimiert.

Mühlemattstrasse, Aarau Bereits umgesetzte Massnahmen: Markierte Mittelinsel erstellt, welche nun die Sicht auch bei Rückstau von der Lichtsignalanlage her gewährleistet. Und insbesondere ist die Querung neu in zwei Etappen (Warten in der Strassenmitte) möglich. Beleuchtung nach neusten Standards erstellt sowie Signale und Markierung erneuert.

Chris Iseli

Laut Kantonsingenieur Rolf H. Meier sind inzwischen rund 70 Streifen saniert. Rascher komme man aber nicht voran, weil Planung und Bewilligungsverfahren für bauliche Massnahmen (Strassenverbreiterung für Mittelinsel, Landerwerb etc.) zeitintensiv und kostspielig sind. Für die Priorisierung werden die Verkehrssicherheit, die Menge von Strassenverkehr und Fussgängern, eine allfällige Zunahme und die Bausicherheit beurteilt.

Wenn eine Sanierung nicht so dringend ist, schaut man beim Kanton, diese mit einer bald anstehenden Sanierung des betreffenden Strassenabschnitts zu kombinieren. Dann gibt es nur einmal eine Baustelle und die Kosten sind tiefer. Sonst kann die Sanierung eines Fussgängerstreifens mit Strassenverbreiterung und Landerwerb mehrere 100 000 Franken kosten. Für diese Kosten auf Kantonsstrassen kommt grösstenteils die Strassenkasse auf.

Ruf nach Fussgänger-Schutzinseln

Doch zurück zu den Experimenten für mehr Sicherheit auf dem Fussgängerstreifen. Der drohende Wildwuchs zeigte: Diskussion und Klärung tun not. Beides hat inzwischen stattgefunden. Der Schweizerische Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute hat einige Vorschläge verworfen und eine neue Norm festgelegt.

Der VSS bezeichnet die neue Norm als «praxistauglichen Kompromiss», der ein hohes Mass an Sicherheit biete – vor allem durch höhere Anforderungen an die Sichtverhältnisse. Verstärkt wurde die Forderung nach Fussgängerschutzinseln. Zudem sind in Tempo-80-Bereichen keine Fussgängerstreifen mehr zulässig (im Aargau gab es in solchen Zonen bisher schon keine). Die neue Norm gilt bereits.

Blinklichter sind abgeblitzt

Was genau bezwecken die Fachleute damit? Kai Schnetzler, Leiter der Sektion Verkehrssicherheit im Baudepartement: «Ein Fussgängerstreifen ist möglichst normgemäss auszuführen, damit man schweizweit einen Wiedererkennungswert hat, wo jedermann weiss, wie man sich verhalten muss.»

Das Wichtigste beim Fussgängerstreifen sei «das Erkennen des Fussgängers und nicht irgendwelche Blinklichter, welche häufig den Blick auf die Fussgänger noch verhindern». Er meint damit einen Fussgängerstreifen in Küttigen mit Blinklichtern.

Drei Fussgängerstreifen, die bei der Normenüberprüfung durchfielen:

Verworfen: Überbreit Die Länge der Balken am Fussgängerstreifen wird in der Norm geregelt: in der Regel sind sie 4 Meter breit, ausnahmsweise 3 Meter. Dieser überbreite Fussgängerstreifen findet vorerst keine Berücksichtigung in der Norm. Allfällige spätere Norm-Revision nicht ausgeschlossen.
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Verworfen: Aktivblinklichter Eine Rechtsgrundlage für Blinklichter, jegliche Art von Sonderleuchten und Aktivreflektoren fehlt. Die Beleuchtung (hier in Küttigen) macht in der Regel nur den Fussgängerstreifen sichtbar, nicht den Fussgänger (Aufmerksamkeit am falschen Ort). Die Ausrüstung aller Fussgängerstreifen ist kaum möglich. Ein falsches Sicherheitsgefühl bei den Fussgängern kann entstehen (Aufmerksamkeit sinkt).
Verworfen: Passivreflektoren Für Passivreflektoren besteht eine Gesetzesgrundlage. Ein leichter Rückgang der Geschwindigkeiten konnte mit einer Studie nachgewiesen werden. Eine Verbesserung der Anhaltequote konnte nicht festgestellt werden. Reflektoren machen nur den Fussgängerstreifen sichtbar, nicht den Fussgänger. Der Nutzen von Reflektoren ist nicht nachgewiesen/wird bezweifelt.

Verworfen: Überbreit Die Länge der Balken am Fussgängerstreifen wird in der Norm geregelt: in der Regel sind sie 4 Meter breit, ausnahmsweise 3 Meter. Dieser überbreite Fussgängerstreifen findet vorerst keine Berücksichtigung in der Norm. Allfällige spätere Norm-Revision nicht ausgeschlossen.

Chris Iseli

Da entstehen laut Schnetzler sogar Unsicherheiten für Fussgänger und Autofahrer, was zu gefährlichen Situationen führen könne. Gilt das Vortrittsrecht nur noch, wenn es blinkt? Schnetzler: «Nein, am Fussgängerstreifen gilt ganz klar das Vortrittsrecht. Wir wollen dort aber keine Zweiklassengesellschaft.»

Nachdem der Nutzen stark angezweifelt werden müsse, seien solche Massnahmen «mit massiven und nicht zu rechtfertigenden Mehrkosten verbunden.» In der neuen VSS-Norm wird der blinkende Streifen verworfen.

Wie geht es weiter? Vor einigen Jahren vereinbarte der Kanton mit Küttigen, den Nutzen des blinkenden Streifens zu beobachten. Jetzt, nachdem er bei den Fachleuten durchgefallen ist, wird der Kanton laut Meier in dieser Sache wieder auf Küttigen zugehen.

Häufung «teilweise zufällig»

Doch was haben die Massnahmen gebracht? Es gibt heute weniger Unfälle auf Fussgängerstreifen. Meier und Schnetzler schicken voraus, dass die seinerzeitige Häufung teilweise zufällig war. Zudem führten meist Verhaltensfehler zum Unfall. Doch die Massnahmen hätten genützt.

Schnetzler: «Geholfen hat auch die intensive Medienberichterstattung. Sie erhöhte die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer am Fussgängerstreifen. Ganz wichtig ist zudem, dass Fussgänger trotz Vortrittsrecht den Fussgängerstreifen nicht einfach unbesehen betreten. Dank höherer Aufmerksamkeit passiert heute weniger, obwohl der Verkehr weiter zunimmt. Wir setzen alles daran, was wir können, damit dies so bleibt.»

Die VSS-Norm: So gewichtig wie die SIA-Norm

Der Schweizerische Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) ist eine unabhängige und eigenständige Non-Profit-Organisation. Der VSS ist ein Zusammenschluss von über 2 000 Fachleuten, Firmen und Institutionen des privaten und des öffentlichen Sektors, die sich mit Planung, Projektierung, Bau, Betrieb, Unterhalt, Baustoffen, Nutzung und Rückbau von Verkehrsanlagen befassen. Im Auftrag des Bundes erarbeiten und betreuen die über 700 ehrenamtlich tätigen Fachleute des VSS das Schweizer Normenwerk im Strassen- und Verkehrswesen. Diese Normen haben in diesem Bereich dieselbe Bedeutung wie die bekannte SIA-Norm im Hochbau.

Aber ist die VSS-Norm auch rechtsverbindlich? Dies ist laut Kantonsingenieur Rolf H. Meier in Abklärung. Die bisherige Norm war eine Weisung des Verkehrsdepartementes Uvek und kam einem Gesetz gleich. Ein Gesetzgebungsprozess ist sehr zeitaufwendig. Die neue Norm wollte man aber möglichst rasch erarbeiten. So delegierte der Bund diese Aufgabe an den VSS. Auch – noch – ohne Gesetzeskraft sei sie ab sofort «State of the art», so Meier. Das bedeutet, dass die Norm bei Verkehrssicherheitsprüfungen beigezogen wird. Wenn irgendwo etwas passiert und man feststellt, dass beim Bau des Fussgängerstreifens diese Norm grobfahrlässig verletzt wurde, kann der Betreffende dafür haftbar gemacht werden. (MKU)