Zweiter Bildungsweg
Von der Coiffeuse zur Pflegefachfrau

Therese Hoffmann liebt den Kontakt mit Menschen. Die Coiffeuse sattelt beruflich um: Sie absolviert als Quereinsteigerin in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden eine Ausbildung zur Pflegefachfrau HF.

Elisabeth Feller
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Therese Hoffmann liebt ihre Arbeit in der Klinik Königsfelden

Therese Hoffmann liebt ihre Arbeit in der Klinik Königsfelden

Elisabeth Feller

Dieser Tag ist eine Wonne. Die Wiesen rund um die Häuser und Pavillons der Psychiatrischen Klinik Königsfelden wirken geradezu als Einladung zum Betreten. Genau das tut Therese Hoffmann.

Die junge Frau strahlt – und das nicht nur, weil der Tag ausnehmend schön ist. Was sie vor Augen hat, ist optischer Ausdruck für das, was ihr Leben seit 2010 bestimmt – die Ausbildung zur Pflegefachfrau HF.

Das liest sich einfach, lässt einen schnurgeraden Weg vermuten. Irrtum. Therese Hoffmann, in Lupfig aufgewachsen, lernte Coiffeuse. Zwölf Jahre lang übte sie diesen Beruf aus.

Sie betreute Lernende, sie erfreute sich am Kontakt mit ihrer Kundschaft. «Aber dieses Frisurengestalten, diese Schönheit – das rückte für mich zunehmend in den Hintergrund. Ich sah mehr in meinem Leben.»

Therese Hoffmann hatte sich schon immer für soziale Berufe interessiert. «Auch als Coiffeuse nimmt man ja in gewisser Weise einen sozialen Beruf wahr», sagt sie, «aber einen wirklichen Sozialberuf erlernen, zumal in späteren Jahren – und das ohne Matur ...»

Therese Hoffmann macht eine kleine Pause, bevor sie nachdenklich fortfährt: «Wie hätte ich das bewerkstelligen können?» Der Zufall kam ihr zu Hilfe. Sie las im Juli 2010 ein Inserat der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG): Für ein Pilotprojekt wurden Menschen zwischen 30 und 45 Jahren gesucht, die sich auf dem zweiten Bildungsweg als Quereinsteiger zur diplomierten Pflegefachperson HF ausbilden lassen wollten. «Ich habe sofort gewusst: Das ist es», sagt Therese Hoffmann.

Der damals 29-Jährigen war klar, dass sie mit der dreijährigen Ausbildung in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden einen «Sprung ins Ungewisse» wagte. Angst vor der Begegnung mit psychisch kranken Menschen?

Nein. Therese Hoffmann schüttelt verwundert den Kopf. «Berührungsängste habe ich noch nie gekannt.» Ihre Lebens- und Berufserfahrung hat sie und ihre vier Kolleginnen Katrin (44), Tiziana (37), Theres (47) und Michaela (39) schon sehr vieles erleben lassen. «Gerade diese Erfahrungen werden in der Psychiatrie ungemein geschätzt», betont Jürg Härdi, Direktor Pflegedienst.

Er freut sich über «seine» Quereinsteigerinnen, die im September 2013 ihre Ausbildung abschliessen werden. Fünf Quereinsteiger wollen die PDAG ab 2013 jährlich ausbilden.

Die fünf besuchen mit ihren jüngeren Kolleginnen den regulären Unterricht an der Höheren Fachschule Gesundheit und Soziales (HFGS) in Aarau – einziger Unterschied ist der Lohn von 3400 Franken. «Damit können sich ältere Quereinsteiger eine Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg ohne grosse finanzielle Einbussen leisten», sagt Jürg Härdi und doppelt nach: «Mit diesem, im Aargau singulären Angebot, kommen die PDAG auch ihrer Ausbildungsverpflichtung für nichtuniversitäre Gesundheitsberufe des Kantons nach.»

Wer die Ausbildung zur Pflegefachfrau HF auf diesem Weg gemacht macht, muss sich anschliessend für ein Jahr verpflichten. Fragt man Therese Hoffmann, was sie sich wünscht, sagt sie ohne zu zögern: «Eine Anstellung in den Psychiatrischen Diensten Aargau AG.» Die Frage, ob sie ihre Entscheidung je bereut hat, muss man nicht stellen. Man liest die Antwort in ihrem strahlenden Gesicht.

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