Unfall
Todesfahrt von Bad Zurzach: Kein Erfolg für die Eltern des Opfers – Obergericht bestätigt Freispruch der Vorinstanz

Im Dezember 2018 verlor in Bad Zurzach ein Rentner die Herrschaft über seinen Lieferwagen. Eine Fussgängerin verstarb noch auf der Unfallstelle. Der Unfallverursacher wurde vom Bezirksgericht freigesprochen, die Angehörigen gingen in Berufung – ohne Erfolg.

Dominic Kobelt
Drucken
Eine 69-Jährige überlebte den schlimmen Unfall, für ihre Tochter kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Eine 69-Jährige überlebte den schlimmen Unfall, für ihre Tochter kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Kantonspolizei Aargau

Im März 2021 musste sich das Bezirksgericht Zurzach mit einem tragischen Unfall befassen: Am 8. Dezember 2018 verlor ein damals 71-jähriger Mann die Kontrolle über seinen Lieferwagen. Er geriet am Paradiesweg in Bad Zurzach aufs Trottoir, kollidierte zuerst mit mehreren Metallpfosten und erfasste dann eine 69-jährige Passantin sowie deren 39-jährige Tochter. Diese verstarb noch auf der Unfallstelle. Die Mutter überlebte mit schweren Verletzungen.

Der Lenker des Lieferwagens fuhr nach dem Aufprall mit praktisch unveränderter Geschwindigkeit weiter geradeaus, lenkte dann plötzlich nach links, fuhr über die Gegenfahrbahn und schliesslich in einen Baum. Die Staatsanwaltschaft forderte damals vor dem Bezirksgericht für den Rentner eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten. Dieses sprach ihn jedoch von Schuld und Strafe frei.

Damit waren die Eltern der Getöteten nicht einverstanden, sie legten Berufung ein, und so hatte am Donnerstag das Obergericht den Fall zu beurteilen.

Tödlicher Unfall in Bad Zurzach: Mutter zieht Fall vor Aargauer Obergericht

Tele M1

Der Beschuldigte sagte auch dieses Mal aus, er könne sich nicht erklären, warum er an jenem Tag ein Blackout hatte. «Ich gehe jedes Jahr an den Weihnachtsmarkt, um dort alte Freunde zu treffen, aber an diesem Tag war niemand da, den ich kannte», erzählte er. Er sei dann noch in einem Restaurant gewesen, wo er einen Kaffee und ein Herrgöttli (2 dl Bier) getrunken habe. Danach sei er ins Auto gestiegen. «Ich hatte beim Bahnhof parkiert, bin Richtung Rietheim gefahren, und dann ist es passiert.»

An den Unfall selber erinnert er sich nicht mehr

Was das Letzte sei, woran er sich erinnere, möchte die Oberrichterin wissen. «Ich habe gewartet, bis kein anderes Fahrzeug kam und ich abbiegen konnte. Dann bin ich erst wieder zu mir gekommen, als ich in den Baum gefahren bin.» Er sei dann ausgestiegen und zur eigentlichen Unfallstelle gelaufen, die etwa 100 Meter entfernt lag. «Da hatte ich noch gar nicht realisiert, dass ich selber in den Unfall involviert war.»

Eingeschlafen sei er nicht, er habe sich auch nicht müde gefühlt, sei fahrtauglich gewesen. «Im Kopf stimmte etwas nicht», versuchte er zu erklären. Er habe vorher noch nie ein Blackout gehabt und auch seither nicht mehr. Den Führerausweis habe er freiwillig abgegeben. «Denn so etwas darf nicht noch einmal passieren.»

Auf die Frage, ob er sich etwas vorwerfe, meinte er: «Es tut mir sehr leid, was passiert ist, aber ich kann nichts dafür.» Er wisse gut, wie es sei, ein Kind zu verlieren. Als sein Sohn 16 Jahre alt war, wurde er auf dem Nachhauseweg auf dem Töffli von einem Auto erfasst und starb auf der Unfallstelle.

Waren Medikamente schuld?

Ausführlich befragte das Gericht den Unfallfahrer zu seinen Medikamenten. Seit rund zehn Jahren muss der Mann Tabletten nehmen, weil er einst einen Herzinfarkt erlitten hat. «Immer zum Zmorge, da nehme ich Kaffee, Brot, Konfi, Käse, und die vier Medikamente.» Dass er sonstige Medikamente eingenommen hatte, bestritt der heute 74-Jährige hartnäckig, obwohl in seinem Blut Wirkstoffe gefunden wurden, die gegen Schlaflosigkeit und gegen Grippe eingesetzt werden.

Die Anwältin der Kläger argumentierte denn auch, dass der Beschuldigte Medikamente eingenommen habe, die dann zusammen mit dem Bier dazu geführt hätten, dass er in einem fahrunfähigen Zustand war. Das Blackout sei eine reine Schutzbehauptung, er sei schlichtweg eingeschlafen.

Sekundenschlaf ist unwahrscheinlich

Ob es sich um einen Sekundenschlaf oder ein Blackout gehandelt hat, war in der Urteilsfindung schliesslich nicht entscheidend. «Es ist ein tragischer Vorfall, aber wir mussten prüfen, ob Sie Ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben», erklärte die Oberrichterin.

Da sei zum einen die Theorie mit dem Sekundenschlaf, aber dagegen würden verschiedene Indizien sprechen. «Es ist nicht erstellt, dass Sie vor dem Unfall von Ihrer Schlafapnoe gewusst haben. Zudem war es eine sehr kurze Fahrt und es war kalt, das macht ein Einschlafen weniger wahrscheinlich», sagte sie. Weiter sei anzunehmen, dass der Beschuldigte bei der Kollision mit dem ersten Metallpfosten aufgewacht wäre.

Andererseits sei da die Thematik mit dem Blackout. «Die Wirkstoffe, die im Blut nachgewiesen wurden, waren in so geringer Dosis, dass eine Beeinträchtigung oder eine Wechselwirkung aus medizinischer Sicht ausgeschlossen werden kann», sagte die Oberrichterin. Das Aargauer Obergericht kommt damit zum gleichen Schluss wie das Bezirksgericht Zurzach: Den Rentner treffe keine Schuld. Das Gericht bestätigte den Freispruch. Dagegen kann am Bundesgericht Berufung eingelegt werden.

Aktuelle Nachrichten