Interview
UBS-Regionaldirektor Sommerhalder: «Gleitest du da aus, bist du tot»

UBS-Regionaldirektor Thomas Sommerhalder spricht im Interview über ein Jahr der Extreme, das seiner Region Bestwerte bescherte. Und über seine Leidenschaft, das Bergsteigen.

Sébastian Lavoyer
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UBS-Regionaldirektor Thomas Sommerhalder im Interview

UBS-Regionaldirektor Thomas Sommerhalder im Interview

Britta Gut

Draussen liegt der Schnee rund 30 Zentimeter hoch, drinnen warten ein paar Kunden kurz vor 14 Uhr auf Einlass. Noch ist Mittagspause am regionalen Hauptsitz der UBS in Aarau. Gearbeitet wird natürlich trotzdem. Es sind bloss noch die Schalter der Banken, die Öffnungszeiten kennen. E-Banking sei Dank, kennt das Business keine Pause mehr. Alles geht fast immer. Auch deshalb kommen immer weniger Menschen in eine Filiale, auch deshalb verkündete die UBS letzte Woche die Schliessung von 44 Filialen im Land.

Die Region Aargau/Solothurn unter Leitung von Regional­direktor Thomas Sommerhalder kommt mit nur einer Schliessung äusserst glimpflich davon. Die UBS hat sich nach der Schliessung der NAB im Gegensatz zur Konkurrenz sehr zurückgehalten. Auf NAB-Kunden zielende Inserate, Abwerbungsversuche von NAB-Mitarbeitenden – nicht von der UBS. Die Zurückhaltung erscheint heute in anderem Licht.

Wie lange wussten Sie schon vom geplanten Abbau?

Thomas Sommerhalder: Vorneweg, es geht nicht um einen Personalabbau, niemand verliert seine Stelle. Es geht um Filialschliessungen. Und diese waren schon vor Corona ein Thema. Die Frontaktivitäten haben sich über die letzten Jahre mannigfaltig verändert.

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir die Filiale in Reinach, die wir nach nur sieben Jahren wieder schliessen. Allein in dieser Zeit hat sich dort die Zahl der Schaltertransaktionen halbiert. Da geht es nicht nur um Digitalisierung.

Um was denn?

Natürlich, E-Banking hat vieles verändert. Aber es kommt hinzu, dass wir heute auch vieles via Telefon oder Videocall machen können, wozu man sich früher physisch treffen musste.

Warum kam die Region im Verhältnis so gut weg?

Weil wir schon vorher sehr gut aufgestellt waren, wir waren quasi der Zeit voraus. Eine gewisse Präsenz braucht es und wird es immer brauchen. Aber immer weniger. Auch weil die Menschen mobiler sind. Wer wohnt heute noch im selben Dorf, in dem er arbeitet?

Es ist nur eine Filiale, aber die schmerzt, oder?

Ja, mein Oberwynentaler Herz blutet. Das ist natürlich ein emotionaler Moment. Auf der anderen Seite weiss der Kopf, dass es die richtige Entscheidung ist.

Erlebten Sie als einer der dienstältesten Bank-Manager der Region schon ein so verrücktes Jahr wie 2020?

Ich habe schon vieles erlebt. Vor 20 Jahren als SARS wütete, war ich noch in der Textilbranche tätig und reiste in China herum. Bei jeder weiteren Krise hatte ich das Gefühl, es kann ja nicht noch schlimmer gekommen. Aber 2020 war beruflich tatsächlich das intensivste Jahr, das ich erlebt habe.

Und wie war es für die Bank?

Seit ich 2010 die Leitung der Region übernommen habe, ist das unser bestes Jahr.

Wie kommt es, dass die UBS Aargau/Solothurn in der Krise boomt?

Ich stelle fest, dass das Vertrauen in die UBS zurück ist. Wir hatten zum Beispiel noch nie ein so grosses Hypothekenwachstum. Wir sind deutlich über Markt gewachsen. Und es wurde deutlich mehr gespart und angelegt.

Es wurde weniger konsumiert, beispielsweise wurde kein Geld für grosse Reisen ausgegeben.

Ja, die Sparquote ist in der ganzen Schweiz in die Höhe gegangen, das spürten wir deutlich. Wir sind wirklich in allen Bereichen gewachsen, auf der Kredit- wie auf der Anlageseite. Geholfen haben uns natürlich auch die langjährigen Kundenbeziehungen in unserer Region. Gerade bei komplexen Anliegen pflegen wir einen intensiven Kontakt zu unserer Klientel. Das war schon vor Corona der Fall und kommt uns jetzt zugute.

Welche Herausforderungen sehen Sie durch diese Krise auf uns zukommen?

Die Einschränkungen der Mobilität und der physischen Interaktionen werden zu psychischen Kollateralschäden in der Gesellschaft führen. Davon bin ich überzeugt. Das schlägt aufs Gemüt. Den Jungen eher mehr, anderen etwas weniger. Und die Krise wird in gewissen Branchen einschneidende Konsequenzen haben.

Was sehen Sie auf den Aargau zukommen?

Der Aargau ist stark in der Maschinen- und Elektroindustrie verwurzelt, auch die Pharma ist stark. Unternehmen im MEM-Bereich sind sich starke Nachfrageschwankungen gewohnt, die haben Knautschzonen. Und die Pharma beschert gar ein ­gewisses Wachstum. Zudem macht die hohe Zahl an KMU den Kanton stabil. Viele dieser Unternehmer stehen mit ihrem Namen da, für viele ist es nicht die erste Krise. Da geht es auch um den Stolz, sein Unternehmen durch eine Krise zu bringen. Natürlich trifft es auch hier Branchen wie die Gastronomie, Eventorganisatoren und Reiseveranstalter richtig hart.

Und wie beurteilen Sie die Reaktion des Kantons auf diese Krise?

Der Aargau hat in meinen Augen sehr schnell und im Rahmen des Möglichen unkompliziert reagiert. Das trägt wesentlich dazu bei, die Heftigkeit der Krise zu dämpfen, auch wenn wir auf ein wirklich schwieriges Jahr zurückblicken.

Die UBS selbst hat mitten in der Krise einen neuen CEO bekommen. Welchen Eindruck haben Sie von Ralph Hamers?

Ich hatte noch keinen physischen Kontakt mit ihm wegen Corona. Aber, was ich von ihm gesehen habe, kommt frisch daher. Eher unorthodox, das gefällt mir.

Was heisst das konkret: unorthodox?

Nehmen Sie seine Messages an die Mitarbeiter. Das sind oft kurze Videos. Er hat auch schon ein internes Konzernmeeting verlassen, um draussen kurz etwas aufzunehmen und dann wieder reinzugehen. Das ist erfrischend anders.

Sie sind auch kein typischer Banker. Sie golfen nicht, sondern besteigen Berge. Auf welchen Gipfel sind Sie besonders stolz?

Ich würde mich als Berggänger bezeichnen, nicht als Bergsteiger. Bis vor zehn Jahren habe ich intensiv Hochtouren gemacht, seither sind es vor allem Eintagestouren. Ich mache keine 4000er mehr.

Haben Sie mehr als einen 4000er bestiegen?

Eiger, Mönch und Jungfrau, etwa vier, fünf im Wallis, insgesamt wohl so 10 oder 15.

Auf welchen sind Sie besonders stolz?

Körperlich am anspruchsvollsten war sicherlich der Piz Bernina. Auf dem Bianco-Grat hat es mich fast aufgestellt. Da musste ich Schritte zählen, weil ich keinen Saft mehr hatte. Mental am intensivsten war die Jungfrau. Ein paar Tage zuvor sind sechs Armeeangehörige beim Aufstieg zu Tode gestürzt. Das war heftig, da hatte ich schlottrige Knie.

Wie ist diese Liebe zu den Bergen entbrannt?

Aus einer Laune heraus. Und mit meiner Frau. Wir waren auf dem Piz Corvatsch, schauten zum Piz Palü und meinten: «Da gehen wir hoch.» Es war die Lust auf Neues. Also heuerten wir einen Bergführer an, besorgten uns Equipment und gingen mit Steigeisen da hoch. Wenn du dort über den Grat läufst, geht es manchmal 400, 500 Meter runter. Schlipfst du da aus, bist du tot.

Waren Sie auch nach Weihnachten in den Bergen trotz Corona?

Ja, wir waren in unserer zweiten Heimat, an der Lenk. Wir waren hauptsächlich am Wandern. Und ich habe zweimal Langlaufski gemietet. Gut möglich, dass das eine neue Leidenschaft wird. So ging es mir schon mit dem Rudern und dann mit dem Reiten.

Und welche Spuren hat Corona sonst noch bei Ihnen hinterlassen, auf ganz persönlicher Ebene?

Schauen Sie meinen Gurt an, ich habe fünf Kilo abgenommen. Ich habe gesünder gelebt, mehr Birchermüesli gegessen und weniger auswärts. Und im Homeoffice habe ich mich bewusster bewegt. Über Mittag war ich immer draussen. Zu Fuss oder mit dem Velo.