Gerichtsprozess

Trotz gewichtiger Anklageschrift: Anabolika-Händler verlangt Freispruch

Die Händler verkauften Anabolika im grossen Stil: Das Bild zeigt nur einen Teil der sichergestellten Substanzen. Bild: Kapo AG

Die Händler verkauften Anabolika im grossen Stil: Das Bild zeigt nur einen Teil der sichergestellten Substanzen. Bild: Kapo AG

Die Anklageschrift liest sich wie das Drehbuch eines Krimis. Der Beschuldigte widerspricht dieser Darstellung.

Ist Anton (alle Namen geändert) so skrupellos, wie ihn die Staatsanwaltschaft beschreibt, oder muss er als Sündenbock herhalten, wie sein Verteidiger sagt? Eine Antwort auf diese Frage gibt es noch nicht. Dafür zwei Versionen der Geschichte. Eine erzählt die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift. Die andere erzählte Antons Verteidiger vor dem Bezirksgericht Bremgarten.

Anton wird unter anderem Nötigung und Erpressung vorgeworfen. Der 54-Jährige ist vorbestraft, weil er im grossen Stil mit Anabolika handelte. Deswegen wurde er im November 2012 verhaftet und sass danach zwei Jahre in Untersuchungshaft beziehungsweise im vorzeitigen Strafvollzug. Mehrere seiner Abnehmer – insbesondere sein Hauptabnehmer Felix – hatten ihn mit ihren Aussagen schwer belastet und ihn als grossen Händler dargestellt. In der Version der Staatsanwaltschaft hatte Anton, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, nur ein Ziel: Jene Leute zur Rechenschaft ziehen, die ihm das alles eingebrockt hatten. Allen voran Felix.

Die Drohung verfehlte ihr Ziel nicht

Anton wollte, dass Felix seine Aussagen zurückzieht. Um seiner Forderung den nötigen Nachdruck zu verleihen, soll sich Anton an einen Kollegen gewandt haben, dem eine Bar im Zürcher Langstrassenquartier gehört. Dieser wiederum soll Mehmet und Romeo – zwei zwielichtige Gestalten aus dem Zürcher Milieu – angeheuert haben, damit sie bei Felix aufkreuzen und ihm die Forderungen überbringen.

Mit dem nötigen Nachdruck, sprich: massiver Gewaltandrohung. Der Plan ging auf. Felix zog seine Aussagen wenige Tage vor der Gerichtsverhandlung zurück und belastete Anton nicht mehr. Auch im Juni 2019, als er im Verfahren gegen Mehmet als Zeuge befragt wurde, beschuldigte Felix nur Romeo. Dieser habe ihn eingeschüchtert, bedroht und viel Geld verlangt. Ob Romeo im Auftrag von jemandem handelte, könne er nicht beantworten, so Felix.

Mit Hexenschuss im Gefängnis statt im Gerichtssaal

Anton sitzt seit kurzem im Kanton Zürich in Untersuchungshaft. Ihm wird einmal mehr der Handel mit Anabolika vorgeworfen. An seinem Prozess in Bremgarten fehlte er. Er hatte einen Hexenschuss, wie die Gefängnisleitung dem Gericht mitteilte.

Der Gerichtspräsident wollte die Verhandlung trotzdem durchführen. Er liess Anton die Wahl: Entweder sollte er sich im Krankenwagen nach Bremgarten transportieren lassen oder sich von der Verhandlung dispensieren lassen, wenn er sowieso vorhabe, die Aussage zu verweigern. Anton entschied sich für Letzteres und liess seinen Verteidiger für sich sprechen.

Dieser stellte zunächst klar, dass Anton alle Vorwürfe bestreite. Dann kritisierte er die Anklageschrift. Diese fusse auf Erkenntnissen aus abgehörten Telefongesprächen, die nicht verwertbar seien. Die Staatsanwaltschaft hatte einen anderen Anabolika-Händler und einen Anabolika-Produzenten überwacht. Anton geriet nur zufällig ins Visier der Behörden, weil er sich das Handy des Anabolika-Händlers geliehen hatte.

Der Händler und der Produzent haben sich gegen die Überwachung gewehrt. Das Bundesgericht hat ihnen recht gegeben. Die höchsten Richter stellen die Rechtmässigkeit der Überwachung infrage. Sie haben die Urteile aufgehoben und zur Neubeurteilung ans Obergericht zurückgewiesen (die AZ berichtete). Dort sind sie hängig. Für Antons Verteidiger ist klar, dass die Anklageschrift damit kein Fundament mehr hat.

Zwar stützt sich die Staatsanwaltschaft unter anderem auch auf Aussagen von Romeo, Mehmet und Felix’ Freund, der als Vermittler agiert haben soll. Bei diesen drei Herren handle es sich nicht um Chorknaben, so der Verteidiger. Gerade Romeo sei im Milieu als Gewalttäter bekannt und habe immer damit geprahlt, dass er der «King der Strasse» sei. Zudem habe er Felix schon einmal erpresst.

Für den Verteidiger ist deshalb klar: Romeo, Mehmet und Felix’ Freund verfolgten ihre eigenen Ziele. Anton sollte für sie als Sündenbock herhalten. Die Staatsanwaltschaft habe den Fehler gemacht und ihnen geglaubt. Sie habe Felix’ Freund die Rolle des ehrlichen Vermittlers abgenommen und das Verfahren eingestellt. Romeo, der inzwischen tot ist, habe sie per Strafbefehl verurteilt. Der Verteidiger stellte in den Raum, dass die Staatsanwaltschaft damit sogar die Strafprozessordnung verletzt habe.

Trittbrettfahrer als Profiteure der Geschichte

Der in der Anklageschrift geschilderte Sachverhalt entspreche nicht dem, was sich zugetragen habe, führte der Verteidiger weiter aus. So habe Felix selber über den Barbetreiber den Kontakt zu Anton gesucht. Er habe erfahren wollen, wie er ihm im Prozess helfen könne. Dabei sei es nie um Geld gegangen, sondern nur um den Rückzug seiner «falschen, belastenden Aussagen».

Der Barbetreiber habe Mehmet und Romeo auch nicht angeheuert, um Felix einzuschüchtern. Das sei Romeos Idee gewesen, der wiederum Mehmet angefragt hatte, weil er einen Fahrer brauchte. Mehmet und Romeo seien «typische Trittbrettfahrer», sagte der Verteidiger. Es habe sich damals herumgesprochen, dass Anton nicht erfreut war, dass ihn Felix beschuldigt hatte. Weil Romeo Felix schon einmal erpresst hatte, wusste er, dass es bei ihm etwas zu holen gab.

Für die Staatsanwaltschaft hingegen beweist ein abgehörtes Telefongespräch zwischen Anton und dem Anabolika-Produzenten, dass Anton etwas mit der Erpressung zu tun hat. Am Telefon sagte Anton, man müsse sich Sorgen machen, Felix habe alles erzählt, was er gewusst habe. Aber es sei alles am Laufen. Felix sei «auf den Knien» gewesen und habe «um Gnade gewinselt».

Der Verteidiger bezeichnete diese Äusserungen als «Angeberei». Anton habe am Telefon nur solche Aussagen gemacht, um dem Anabolika-Produzenten zu imponieren. Auch wenn eine solche Prahlerei geschmacklos sei, dürfe Anton deshalb nicht bestraft werden, so der Verteidiger. Er kritisiert, die Staatsanwaltschaft habe sich von Anfang an auf Anton eingeschossen, anstatt sich auf die anderen Herren zu konzentrieren.

Er verlangte neben des vollumfänglichen Freispruchs eine Entschädigung für die Untersuchungshaft von 200 Franken pro Tag. Ausserdem soll Anton der Erwerbsausfall für die Zeit während der U-Haft entschädigt werden. Die Staatsanwaltschaft hingegen beantragte eine vierjährige Freiheitsstrafe und eine unbedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen. Das Bezirksgericht fällt nächste Woche ein Urteil.

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