Zofingen
Traditionsgeschäft macht nach 237 Jahren dicht – jetzt kommt es zur Liquidation

Das Uhren- und Schmuckgeschäft Affolter in Zofingen schliesst für immer. Für viele Kunden kommt das überraschend. 6000 Artikel müssen bis Mitte Dezember weg.

Philippe Pfister
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Hat seinen Laden bereits geschlossen – und öffnet ihn nochmals an zehn Tagen für die Liquidation: Geschäftsinhaber Christoph Affolter mit seiner Frau Margrit und Stieftochter Marina.

Hat seinen Laden bereits geschlossen – und öffnet ihn nochmals an zehn Tagen für die Liquidation: Geschäftsinhaber Christoph Affolter mit seiner Frau Margrit und Stieftochter Marina.

Manche Passanten bleiben verwundert stehen und schütteln ungläubig den Kopf. Andere gucken angestrengt in die Schaufenster – vielleicht schon auf der Suche nach einem Schnäppchen. «Aus!!! Fertig!!! Schluss!!!» steht in grossen Lettern auf den Plakaten, die an allen Fenstern des Uhren- und Schmuckgeschäfts Affolter in Zofingen hängen.

Man mag es kaum glauben, aber es ist wahr: Der Laden an der Vorderen Hauptgasse ist noch an genau zehn Tagen geöffnet – für die Liquidation (siehe Box). Danach ist für immer Schluss.

An den letzten drei Tagen gibt es 70 Prozent Rabatt

Noch zehn Tage ist das Uhren- und Schmuckgeschäft Affolter in Zofingen geöffnet: Am 24. und 25. November gibt es auf alle Artikel 30 Prozent Rabatt, am 1., 2., 8., 9. und 10. Dezember 50 Prozent und vom 15. bis 17. Dezember 70 Prozent. «Das gesamte Warenlager umfasst etwa noch 6000 Artikel», sagt Christoph Affolter. In tagelanger Kleinarbeit hat Margrit Affolter in den letzten Wochen tausende von Preisschildern vorbereitet. Auf einen Ansturm ist sie gefasst, zusätzliches Verkaufspersonal und ein Türsteher sind aufgeboten. Was passiert mit Ware, die möglicherweise nach dem letzten Liquidationstag zurückbleibt? «Eventuell machen wir einen Restverkauf im Internet, eventuell kommt auch ein Händler zum Zug, der den ganzen Restbestand kauft», sagt dazu Christoph Affolter.

Was ist geschehen?

Mittwochmorgen, 10 Uhr. Christoph Affolter sitzt entspannt vor einer Tasse Kaffee. Er scheint zufrieden mit sich und der Welt. «Sehen Sie», sagt er, «das ist wie im Sport: Man muss auf dem Höhepunkt aufhören. Dann, wenn es am schönsten ist und das Feuer noch brennt.» Der Entscheid, aufzuhören, fiel schon im März. An die grosse Glocke hängen wollten das Christoph Affolter und seine Frau Margrit nicht. Im Gegenteil: Man hielt es geheim. Es wäre möglicherweise ein langsames Aufhören auf Raten gewesen; die Affolters hätten sich ständig erklären müssen. Lieber also einen richtigen Paukenschlag, der weitherum gehört wird, um die Liquidation kurz vor Weihnachten bekannt zu machen. Das ist dem Paar gelungen. Am 28. Oktober um 16 Uhr schloss Christoph Affolter nach dem letzten ordentlichen Verkauf die Ladentür und liess die Store runter. Seit diesem Tag ist der Laden zu.

Die Reaktion vieler Kundinnen und Kunden freute die Affolters: «Das könnt ihr nicht machen!», hiess es oft. Tatsächlich hat das Traditionsunternehmen manche Kunden ein Leben lang begleitet. Gegründet wurde es 1780 in Willisau im Luzerner Hinterland. In den Besitz der Familie Affolter kam es über Christophs Grossmutter Anna Kramer, die in zweiter Ehe Walter Affolter – Christophs Grossvater – heiratete. Das Uhren- und Schmuckgeschäft in Zofingen eröffnete Christophs Vater 1988, das sein Sohn 1991 übernahm.

Es waren gute, aber manchmal auch turbulente Zeiten, die Christoph Affolter in den letzten drei Jahrzehnten in Zofingen erlebte. Neun oder zehn Mal wurde eingebrochen, an alle Details kann sich der gelernte Optiker und Goldschmied nicht mehr genau erinnern. Zwei Einbrüche schildert er aber besonders lebendig. Einmal wurde er nachts von lauten Schlägen geweckt – er wohnte zu dieser Zeit noch direkt über dem Geschäft. Als er aus dem Fenster blickte, sah er, wie ein Einbrecher mit einem Vorschlaghammer auf ein Schaufenster mit Cartier-Schmuck eindrosch. Erst als Affolter mit einem Schuh nach ihm schmiss, suchte der Gangster das Weite – mit ordentlicher Beute. Ein anderes Mal – im Jahr 2003 – suchten Rammbock-Räuber den Laden heim: Mit einem Fiat donnerten zwei maskierte Italiener rückwärts in die Ladentür, brachen diese auf und klauten Uhren und Schmuck im Wert von 300 000 Franken, wie das «Zofinger Tagblatt» damals berichtete. Solche Zwischenfälle sind nun definitiv Geschichte. Christoph Affolter will sich erst mal Interessen zuwenden, die in den letzten Jahrzehnten zu kurz kamen. «Ferien, Familie, Kunst» sagt er, zückt das iPhone und zeigt Fotos von selbst gemalten Bildern, die in seiner Wohnung hängen. «Dafür habe ich nun mehr Zeit», freut er sich. Andere Pläne hat auch seine Stieftochter Marina Wiser, die im Geschäft für Administration und Buchhaltung zuständig ist. Eine Geschäftsübernahme sei für sie nicht infrage gekommen, sagt sie. «Nächstes Jahr beginne ich eine Ausbildung als Tiertherapeutin.»

Auch Margrit Affolter freut sich auf die Zeit nach dem 17. Dezember. «Ich lasse es mal ein bisschen ruhiger angehen», sagt sie und lächelt.