Serie
«Es ist besser, Brücken zu bauen statt Mauern»

Heidi Emmenegger ist Sozialarbeiterin im Offenen Pfarrhaus. Eine weitere Folge in der Serie zu 50 Jahren Frauenstimmrecht und 100 Jahre Frauenzentrale Aargau.

Kristin T. Schnider
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Heidi Emmenegger und ihr Mann teilen sich die Erwerbs- und Familienarbeit gleichberechtigt.

Heidi Emmenegger und ihr Mann teilen sich die Erwerbs- und Familienarbeit gleichberechtigt.

Iris Krebs

Wenn Heidi Emmenegger sagt, dass die patriarchalen Muster in der Gesellschaft aufgelöst werden müssen, denkt sie längst nicht mehr an eine Revolution. Als Sozialarbeiterin im Offenen Pfarrhaus der katholischen Pfarrei Aarau, Schulpflegerin und Mitbegründerin einer Genossenschaft für solidarische Landwirtschaft sieht sie sich vielmehr als Brückenbauerin.

«Das Aufwachsen auf dem Biobauernhof in Zeihen, mit ganz viel Zeit in der Natur hat mich geprägt. Diese Landschaft im Fricktal ist meine Heimat. Anstatt nach der ‹Kanti› gleich zu studieren, machte ich eine Buchhändlerlehre und ging auf Reisen, weil ich mich schon als Kind sehr für andere Menschen interessierte. Ich wollte die Welt sehen, erfahren, wie man anderswo lebt. Im Sommer ging ich auf die Alp, im Winter war ich unterwegs, und stellte mir vor, dass ich mir das Leben so einrichten könnte. Aber nach meiner letzten Afrikareise war mir klar, dass ich in Richtung Sozialarbeit gehen wollte. Ich habe dann 2010 das Studium abgeschlossen. Heute lebe ich wieder in einem kleinen Dorf, in einem alten Haus mit meiner Familie, einem grossen Garten und Ziegen.

Vater war ein positives Vorbild bei Rollenbildern

Ich habe Jahrgang 1978 und empfand es nie als Nachteil, dass ich ein Mädchen oder eine Frau bin. Mein Vater war ein positives Vorbild im Umgang mit Rollenbildern. Er hat mir zum Beispiel genau gleich wie meinen Brüdern das Traktorfahren beigebracht. Das Strukturelle an der Ungleichbehandlung wurde mir erst während des Studiums bewusst. Meine Generation musste erkennen, was wir dank des Kampfs für die Frauenrechte an Freiheiten bekommen haben, und dass wir dranbleiben müssen.

In der Arbeitswelt widerspiegeln sich patriarchale Muster noch stark. Einseitige Ausbildungsstrukturen reproduzieren Geschlechterrollen und ihre Klischees immer noch. Als Sozialarbeiterin hatte ich bisher einmal eine weibliche Vorgesetzte und viermal männliche Vorgesetzte. Das scheint mir nicht zufällig, sondern repräsentativ.

Auch meine aktuelle Arbeitgeberin, die katholische Kirche, ist nach wie vor männerdominiert. Zwar hat sie sich in den letzten Jahrzehnten stark geöffnet und in unserem Pfarreiteam arbeiten viele gut qualifizierte Frauen. Trotzdem bleibt die Priesterweihe Männern vorbehalten.

Ich bin stolz darauf, dass mein Mann und ich unsere Abmachung, die Erwerbs- und Familienarbeit gleichberechtigt, also 50:50 zu teilen, verwirklichen können. Es ist auch spannend, dass sich die junge Generation von den stereotypen Geschlechterrollen befreien will. In der Gesellschaft führt diese Diskussion zu einer Sensibilisierung für die Konstruktion von Macht. Und genau darum geht es.

Mut für die nächsten Generationen

Ich stehe ein für würdevolle Lebensbedingungen im In- und Ausland. Alle Menschen sollten ihre Bedürfnispyramide einigermassen abdecken können. Vielen, denen ich in meinem Job begegne, ist das nicht möglich. Zum Beispiel den Sans papiers – sie haben nicht einmal das Recht auf eine Zukunft.

Ich wünsche uns, dass die nächsten Generationen den Mut, die Energie und den Willen haben, mit Umsicht, Warmherzigkeit und Fantasie auf die grossen sozialen und ökologischen Veränderungen zu reagieren, die auf die Menschheit zukommen werden. Die politische Aktivität der Jüngeren macht sich ja bemerkbar. Früher glaubte ich, es brauche einfach eine Revolution, um die Machtverhältnisse umzukehren – inzwischen denke ich, es braucht vor allem eine starke Mehrheit, die wirklich für Veränderung ist.»
Kristin T. Schnider

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