Severin Lüscher ist Arzt in einer Gemeinschaftspraxis, und er politisiert für die Grünen im Kantonsparlament. Er teilt die Einschätzung zur Belastung der Hausärzte (mehr Leute mit Mehrfacherkrankungen, zu viel Administration). Auch Lüscher hat die Studie mit Interesse gelesen, welche die az publiziert hat: Demnach wollen 56 Prozent aller Ärzte im Aargau bis 2020 aufhören.

Lüscher fügt noch ein Argument hinzu: «Heute, da immer mehr Leute der Kirche den Rücken kehren, und deshalb mit seelischen, sozialen oder Familienproblemen nicht mehr zum Pfarrer gehen können, kommen manche damit zu mir. Dafür bin ich allerdings nicht ausgebildet.»

In solchen Situationen würde er sich wünschen, es wäre auch ein Sozialarbeiter verfügbar. Diese Kosten übernimmt die Kasse aber nicht. Lüscher zum Ärztemangel: «Das Loch bei den Hausärzten wird kommen. Sogar wenn es gelingen sollte, dass alle, die nächstens in Pension gehen, eine Nachfolgelösung finden, werden wir künftig zu wenig haben, weil ihre Aufgaben ständig zunehmen.» Lüscher ist aber überzeugt, dass das Hausarztsystem zu den effizientesten gehört.

Lüscher: Eingriff im Tarifstreit gut

Erhofft er sich Hilfe von der Politik? Lüschers Antwort ist nicht typisch für einen grünen Politiker: «Aus meiner Beobachtung sind die Ergebnisse von Massnahmen wie Numerus clausus für Ärzte oder die Steuerung der Zuwanderung von Ärztinnen und Ärzten enttäuschend. Es brachte mehr Bürokratie, aber keine Verbesserung.» Sein Wunsch an die Politik: «Wir haben genug zu tun, bitte lasst uns einfach ungestört arbeiten.»

Kein Wunder, sieht Lüscher bezüglich Hausärzte auf kantonaler Ebene keinen Bedarf für Hauruck-Übungen, sondern will lieber verlässliche Stabilität zum Beispiel bei den Praxisassistenzen. Gut findet er aber nach dem ergebnislosen, jahrelangen Hin und Her, dass Sozialminister Alain Berset im Tarifstreit der Ärzte eingegriffen hat. Es müsse endlich etwas gehen, die Hausärzte besser entschädigt werden. Damit seien aber viele Spezialärzte nicht einverstanden, gehe es doch auf ihre Kosten: «Man kann das Fell des Bären nicht waschen, ohne dass es nass wird.» Er erhofft sich, dass durch das bundesrätliche Eingreifen Bewegung in die Diskussion kommt, und die Tarifpartner wieder miteinander reden.

Humbel: Differenzen wie gross?

Die Hausarztmedizin hat ein Problem. Das steht für Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel (CVP/AG) fest. Die Hausärzte-Initiative bzw. deren Rückzug zugunsten eines bundesrätlichen Gegenvorschlages habe da immerhin positiven Schub gebracht, stellt sie fest. Humbel: «Letztlich fehlt es bei den Hausärzten aber im Vergleich zu den Spezialisten an Prestige und an Geld.»

Hausärzte bräuchten eine bessere Entschädigung, so Humbel. Zudem sei sauber zu klären, auf welcher Basis man das Einkommen berechne, und wie gross die finanzielle Differenz zwischen Haus- und Fachärzten wirklich ist und sein darf. Das sei noch gar nicht so klar, sagt Humbel. Deshalb hat sie gestern eine einfache Anfrage eingereicht, mit der sie nächsten Montag vom Bundesrat Antworten auf die genauen Einkommensdifferenzen verlangt. Zum Eingreifen vom Bundesrat Berset im Tarifstreit stellt sie nüchtern fest: «Sein Vorschlag für eine teilweise Umverteilung der Mittel wird in der Vernehmlassung völlig verrissen.»

Für Humbel ist eines klar: «Die Hausarztmedizin ist qualitativ hochstehend, kostengünstig und effizient. Hausärzte kennen ihre Patienten und oft gar deren ganze Familiengeschichte, sie sehen den Menschen als Ganzes, nicht wie ein Facharzt einfach ein bestimmtes Organ oder eine bestimmte Funktion.» Sie findet es gut, wenn sich Gemeinden anstrengen, eine gute Infrastruktur bereit zu stellen, «um für Hausärzte bzw. für Gemeinschaftspraxen, denen die Zukunft gehört, ihrerseits attraktiv zu sein».

Sigg: Sind es wirklich zu wenig?

Dass im Aargau bereits heute eine Unterversorgung mit Hausärzten bestehen soll, erstaunt die Apothekerin Martina Sigg nicht. Für die FDP-Grossrätin und Gesundheitspolitikerin ist der Mangel trotz steigender Ärztezahl erklärungsbedürftig. Sigg fragt: «Wie organisieren sie sich? Ein Teil des Problems ist gewiss, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte Teilzeit arbeiten. Sie könnten sich in einer Gemeinschaftspraxis viel besser organisieren.» Sie findet: «Solchen Praxen gehört die Zukunft. In Grosspraxen können Ärzte integrierte Medizin anbieten. Hier können sie auch einzelne Kompetenzen an andere übertragen, etwa an Praxisassistenten bzw. -assistentinnen oder Apotheker».

Entschärfen könnte man das Problem ausserdem durch echte Managed Care-Modelle. Das sind freiwillige Versicherungsmodelle, bei denen freie Arztwahl und Marktmechanismen zugunsten von geplanten, vertraglich geregelten Abläufen eingeschränkt werden, um die Kosten zu senken und die Versorgungsqualität zu erhöhen. In einem Punkt stimmt Sigg der Kritik aus eigener Erfahrung zu: «Der Druck, alles zu dokumentieren, nimmt im ganzen Gesundheitsbereich zu. Wie man diese Spirale stoppen kann, sehe ich auch noch nicht.» Mittelfristig etwas Entlastung bringe sicher das elektronische Patientendossier, auch wenn es anfangs eine Zusatzbelastung bedeutet.