Murgenthal
Murgenthal wird zum Eldorado der Flipperkästen

Beat Baur ist in seiner Flipper-Lounge «Area 52» Meister über 50 Flipperkästen. Die kultigen Zeitzeugen sind heute begehrte Sammlerstücke, sein Flipperclub ist eine Mischung aus längst ausgestorbenem Spielsalon und Museum.

Erik Schwickardi
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Flipper-König Beat Baur inmitten seiner blinkenden Spielautomaten.

Flipper-König Beat Baur inmitten seiner blinkenden Spielautomaten.

Emanuel Freudiger

«Ich habe immer Freispiel», lacht Beat Baur (40), Präsident des Flipper-Clubs Oberaargau. In seinem einzigartigen Flipper-Eldorado kann der Journalist und Musiker flippern, bis ihm die Augen zufallen oder die Daumen wehtun. Endlos, ohne je eine Münze einzuwerfen. Die Lämpchen blinken, Baur zieht an einem Hebel – und schon spuckt das Gerät die nächste Kugel aus. Unter dem Glas spickt die Kugel über ein barbusiges Bikini-Girl an die Schlagtürme, eine Glocke bimmelt wie wild. Die bunten Kästen im Sixties-Style haben Namen wie «Congo», «Pokerino» oder «Space Invaders». Wilde Affen, Pin-up-Beauties mit voluminösen Mähnen oder coole Westernhelden mit rauchenden Colts zieren die Front der Spielautomaten. «Flippern ist vielleicht schon etwas ein Macho-Sport», lacht Baur.

Angesteckt vom Flipper-Virus wurde Beat Baur im Spielsalon «City West» in Bern. «Damals besuchte ich das ‹Humboldtianum›. In der Mittagspause wurde geflippert. Mein Lieblingskasten war der ‹Pin Bot›.» Als in Baden ein Spielsalon aufgelöst wurde, war Baur zur Stelle, erstand günstig seinen ersten Flipperkasten. Mittlerweile zählt die Sammlung des Clubs rund 50 Exemplare, auch Arcade-Games, Shooters, Suffleballs, Touchscreens, Darts- und Töggelikästen gehören dazu. Die flimmernden Spielautomaten stehen in einer ehemaligen Werkzeugmacherei in Murgenthal.

Blütezeit ist vorbei

Blütezeit der Flipperkästen und Spielsalons waren die 60er-, 70er- und 80er-Jahre. Die Halbwüchsigen knatterten mit Vokuhila-Frise und ausgewaschenen Bluejeans mit weissem Bliesen-Streifen auf ihren «Ponys» und «Puch Maxis» zum Spielsalon zum Abhängen, Rauchen und Flippern. Tempi passati. Längst sind die Spielsalons mit Namen wie «Joker», «Spieloase Tilt» oder «Gamers Planet» aus dem Strassenbild verschwunden. Mit dem Aufkommen der Video- und Computerspiele wanderten die Flipperkästen aus dem öffentlichen Raum in die privaten Keller. Auch die «Supercherry»-Automaten, die in jeder Beiz an der Wand hingen, und aus denen hin und wieder ein paar Stützli klimperten, wurden vor einigen Jahren verboten und verbannt. «Das Spielbankengesetz war der Killer der Spielautomaten. Im Gegensatz zur heutigen Playstation-Generation, wo jeder einsam zu Hause Raumschiffe abballert, ging man früher gemeinsam zum Flippern in den Spielsalon», weist beat Baur auch auf einen sozialen Aspekt des Flipperns hin. In Baurs privatem Flipperclub kann man auch gemütlich ein Bier trinken oder in der Lounge über Tricks und Kniffe fachsimpeln und einen Whisky schlürfen.

Flipper-Fans sind im Flipperkasten- und Spielmuseum Area 52 jederzeit herzlich willkommen: «Uns geht es nicht ums Geldverdienen – wir sehen uns eher als Museum, das lebt», erklärt Baur. Alle Geräte können gespielt werden. Wer hier seine Freizeit verbringen will, muss für 10 Franken eine Jahresmemberkarte lösen. Weitere 10 Franken werden pro Spieltag fällig. «Diese Einnahmen reichen nicht mal, um Strom, Miete und Reparaturen zu bezahlen. Reich werden wir gewiss nicht», erklärt der Spielautomaten-Sammler. «Wir suchen immer nach Gönnern, Sponsoren. Auch über alte Flipperkästen, die irgendwo in einem dunklen Kellerabteil verstauben, freuen wir uns», verrät Baur. Zusammen mit vier Kollegen hat er vor drei Jahren den Flipper-Club Oberaargau gegründet. Der Club hat 30 Mitglieder.

Früher Ursprung der Flipperkästen

Die Ursprünge des Flipperkastens führen zum französischen Hof. Louis XVI. lud 1777 zu Festivitäten am Hof ein. «Damals vergnügte man sich mit Fasanenschiessen oder Polo. Fürs schlechte Wetter erfand man das Spiel ‹Château bagatelle›: Auf einem schrägen Brett mit Gefälle versuchten die Spieler, mit Billard-Queues Kugeln in Löchern zu versenken.» Später kamen Nägel als Hindernisse dazu. Mit Zählern, Glöggli, Bumpern und elektronischen Lichtern wurde Generationen später daraus der Flipperkasten. In den 30er-Jahren waren Flipperkästen als Geldspielautomaten mit Gewinnchance konzipiert. Zu Zeiten der Prohibition wurden die Kästen, beispielsweise im Bundesstaat New York, verboten. «Auch der Duce Benito Mussolini untersagte in Italien das sogenannte ‹billardino elettronico›», erzählt Baur.

Beat Baur war lange Jahre Redaktionsleiter der «Neuen Oltner Zeitung» und des Lokalfernseh-Senders IntroTV. Heute schreibt er als freier Journalist vor allem Konzertberichte und ist als DJ und Musiker tätig. Frau Monika sorgt dafür, dass es mit dem Flippern nicht überhand nimmt. Doch Söhnchen Gian (11⁄2) «luegt scho de Bälleli noche» und beobachtet fasziniert die blinkenden Lichter, freut sich Baur: «Ich bin fast sicher: Gian wird einmal ein Flipperer.» Dann setzt er zu einem «Skillshot», einem Einschuss auf ein bestimmtes Ziel, an. Der Schuss geht (ausnahmsweise) daneben, die Kugel verschwindet im Loch. Game over.

Öffnungszeiten: Fr und Sa ab 20.30 Uhr (open end). So 14 bis 20 Uhr. Jeden letzten So im Monat Familienspieltag. Eintritt 10 Franken, das Spielen auf den Geräten ist gratis. Flipper-Club Oberaargau (Beat Baur), Brückenstrasse 3, 4853 Murgenthal. Telefon 076 423 70 07. www.area-52.ch