Justiz
Tat aus Eifersucht? Obergericht musste Mord von Killwangen neu beurteilen

Im Mai 2019 wurde ein Mann in Killwangen erstochen. Das Bezirksgericht Baden sprach einen 44-jährigen Schweizer schuldig, dieser legte Berufung ein und stand am Mittwoch vor Obergericht.

Dominic Kobelt
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Im Mai 2021 wurde der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Baden verurteilt.

Im Mai 2021 wurde der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Baden verurteilt.

Archivbild: Tele M1

5. Mai 2019: Ein 57-Jähriger feiert in Schlieren an einem montenegrinischen Fest bis spät in die Nacht. Als der Mann kurz vor drei Uhr nach Hause fährt, folgt ihm ein grauer Audi. Vor dessen Haus in Killwangen kommt es wohl zu einem Streit, siebenmal sticht der Täter zu. Das Opfer kann sich trotz den Verletzungen noch ins Haus retten, wo er zuerst von seiner Frau und später von der Ambulanz gepflegt wird. Wenig später verstirbt er im Spital.

Die Ermittlungen zum Mordfall von Killwangen ergaben, dass im Audi wohl Milo sass (Namen geändert). Das Opfer ist der Onkel seiner Ehefrau. Das Bezirksgericht Baden verurteilte ihn im Mai 2021 wegen Mordes zu 17 Jahren Freiheitsstrafe. Milo akzeptierte dieses Urteil nicht und forderte am Mittwoch vor Obergericht einen Freispruch.

Der 44-jährige Schweizer mit montenegrinischen Wurzeln hatte beigenweise Unterlagen dabei, machte sich fleissig Notizen. und führte in längeren Monologen aus, warum er nicht schuldig sein könne. Oft wurde in seiner «Beweisführung» allerdings nicht ganz klar, worauf er hinaus wollte. Klarer formulierte es seine Verteidigerin. Der Prozess vor dem Bezirksgericht Baden beruhe lediglich auf Indizien, die man sich so zusammengesucht habe, dass sie zu einer Verurteilung passen würden, kritisierte sie.

Verteidigerin wirft einseitige Ermittlungen vor

«Es gibt kein Tatmotiv, das auf meinen Mandanten hindeuten würde», sagte die Verteidigerin. Das Opfer habe nur gesagt, er sei überfallen worden. «Hätte er den Täter gekannt, hätte er das sicher gesagt.» Zudem hätten die Blutspuren im Auto des Verdächtigen nicht dem Opfer zugeordnet werden können.

Weiter führte die Verteidigerin ins Feld, dass kurz vor dem Mord beim Online-Adressbuch local.ch eine Abfrage nach der Adresse des Opfers getätigt worden sei. «Einerseits wusste mein Mandant, wo das Opfer wohnt, und zudem passt das nicht dazu, dass in dieser Zeit sein Mobiltelefon inaktiv war», sagte sie.

Die Staatsanwaltschaft stützte sich dagegen hauptsächlich auf die Beweisführung, wie sie bereits vor dem Bezirksgericht erfolgte. Auf mehreren Videoaufnahmen von Tankstellen und Bussen ist zu sehen, wie ein grauer Kombi, laut Staatsanwaltschaft der Audi des Angeklagten, dem späteren Opfer folgt. Die Verteidigung entgegnete, dass sich das Fahrzeug nicht zweifelsfrei identifizieren lasse.

Wer verschickte die aufreizenden Fotos der Ehefrau?

Kurz nach der Tat verkaufte Milo sein Auto. Für die Polizei ist dies ein Indiz, dass er es nach dem Mord loswerden wollte. Milo sagte vor Gericht, er hätte das Auto vorführen müssen, der Garagist habe ihm gesagt, die nötigen Reparaturen lohnten sich nicht mehr.

Ausserdem wurde das Opfer in den Monaten vor der Tat von zwei Fake-Facebook-Profilen aus kontaktiert. Ihm wurden erotische Fotos von Milos Frau geschickt. Die Polizei konnte nachweisen, dass diese Nachrichten von Milos Handy geschickt wurden. «Hatten sie den Verdacht, dass die beiden früher einmal ein sexuelles Verhältnis hatten?», fragte der Richter.

«Nein, das ist unvorstellbar, er ist ja ihr Onkel», sagte Milo und unterstrich mit einem Lachen, wie absurd er diese Vorstellung findet. Wie es möglich war, dass diese Fotos von seinem Handy aus verschickt wurden, konnte er indes nicht erklären.

Milo änderte seine Geschichte je nach Beweislage

Eines der wichtigsten Indizien war aber Milos Aussageverhalten. Mehrfach hatte er seine Geschichte im Verlauf der Untersuchung geändert. Zuerst hatte er behauptet, in der Tatnacht zu Hause gewesen zu sein. Als sich herausstellte, dass dies nicht stimmen konnte, erklärte er, in einem Gartenhaus etwas entfernt gewesen zu sein, wo er sich mit Prostituierten vergnügt hätte.

Mit Hilfe eines Antennensuchlaufs konnte bewiesen werden, dass auch das nicht stimmen kann. Dann hatte Milo angegeben, seine SIM-Karte einer Frau gegeben zu haben, die ihm die Prostituierten vermittelte. Diese sei dann mit seinem Auto und seiner SIM-Karte in der Tatnacht herumgefahren. Und diese ominöse Frau soll auch sämtliche Whatsapp-Nachrichten gelöscht haben, nachdem Milo zur Befragung aufgeboten wurde.

Die Oberrichter mochten Milo all dies nicht glauben und bestätigten das Urteil des Bezirksgerichts. «Wir haben keinerlei unüberwindbare Zweifel an», erklärte der Richter in der Urteilsbegründung. Es seien starke Indizien, die ein stimmiges Bild ergeben würden. Die Tat sei besonders skrupellos. «Sie haben siebenmal zugestochen und ihr Opfer zum Sterben zurückgelassen.» Schuldmindernde Gründe seien keine erkennbar. «Wir hätten sogar eine höhere Strafe ausgefällt.»

Urteil: SST.2021.263

Der Beitrag von Tele M1:

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