Interview
«Das ist ein erfreulicher Nebeneffekt dieser Pandemie» – der Kommandant der Zofinger Feuerwehr im Talk

Reto Graber ist Kommandant der Stüztpunktfeuerwehr in Zofingen. Im ZT-Talk sprach er über die Klimakrise und deren Auswirkungen auf die Feuerwehr, über neue Organisationsmodelle und schöne Nebeneffekte der Coronapandemie.

Philippe Pfister, Zofinger Tagblatt
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Kommandant Reto Graber im ZT-Talk.

Youtube, Zofinger Tagblatt

Bei Hochwasser wie in diesem Sommer gehen Reto Graber, dem Kommandanten der Stützpunktfeuerwehr Zofingen, immer wieder die Bilder des Jahrhundert-Unwetters vor vier Jahren durch den Kopf. «Leider haben wir dieses Jahr ähnliche Bilder in Vordemwald oder Reiden gesehen.» Graber war diese Woche Gast im ZT-Talk und sprach unter anderem ...

… über die mobilen Deiche der Stützpunktfeuerwehr, die erstmals richtig zum Einsatz kamen – und die Frage, ob diese tatsächlich etwas nützen.

«Sie nützen – definitiv. Gerade in diesem Jahr waren sie sehr wertvoll. Wir konnten ganze Quartiere schützen.» Viermal wurde der mobile Deich aufgebaut: in Vordemwald, Reiden, Langnau und Zofingen. «Neben dem Schutz vor dem Wasser ist es auch ein psychologischer Schutz.» Der Deich vermittle den vom Hochwasser Bedrohten Sicherheit – «gerade in Vordemwald, wo die Bewohner eines Quartiers schon einmal von einem Hochwasser betroffen waren». Die Feuertaufe – «respektive die Wassertaufe» – habe der mobile Deich bestanden. Der Entscheid, wo er zum Einsatz kommt, fällt Graber aufgrund des Lagebildes: «Wo kann man noch möglichst viel schützen? Wie wird die Wetterentwicklung sein?» Wichtig sei schnelles Handeln: «Lieber einen nicht ganz optimalen Entscheid zur Zeit als den perfekten Plan zu spät.»

… über die Feuerwehr als Wasserwehr.

«Es stimmt, dieses Jahr waren die Feuerwehren im Hochwasserbereich stark gefordert. Aber wir müssen uns nicht lange zurückerinnern: Vor zwei Jahren herrschte eine starke Trockenheit mit Waldbrandbefahr. Damals machten uns Wald- und Flurbrände Sorgen. Das zeigt: Unsere Feuerwehren stehen vor einem immer grösseren Spektrum an Herausforderungen, denen sie begegnen müssen.» – «Feuerwehr ist schon der richtige Name. Aber das Spektrum der Tätigkeiten, die Intensität der Ereignisse und das Schadensausmass nehmen zu.»

… über die Auswirkungen der Klimakrise auf Feuerwehren wie jene im Bezirk Zofingen.

«Bei der Organisation ist das Schlagwort Zusammenarbeit. Wir müssen uns in den Regionen gemeinsam auf solche Ereignisse vorbereiten. Wir müssen gemeinsam trainieren und den Informationsaustausch pflegen – nicht nur unter den Feuerwehren, sondern auch mit dem Zivilschutz, dem regionalen Führungsorgan und den politischen Behörden.»

Entscheidungskompetenzen müssten geregelt sein, bevor man das nächste Ereignis zu bewältigen habe. Auch beim Material könne die Zusammenarbeit noch verstärkt werden. «Der mobile Deich ist ein Beispiel», sagt Graber.

… über die schwierige Balance zwischen Ausrüstung und Personal.

Die Feuerwehren in der Region seien gut ausgerüstet – punktuell seien Ergänzungen möglich. Aber: «Es bringt nichts, ein x-Faches an Pumpen anzuschaffen. Wir brauchen das nötige Personal dazu, das dann im Einsatz auch geführt werden muss.» Wichtig sei, die Ausrüstung à jour zu halten und nicht nur auf Gebäudebrände, sondern auch auf Hochwasser und Waldbrände auszurichten. «Und dass wir die Ausrüstung über die Gemeinde- oder Kantonsgrenze hinaus gemeinsam nutzen.» Das Löschen von Gebäudebränden trainiere die Feuerwehr schon lange – nun erweitere sich das Training Richtung Elementarschäden. «Wir hatten gerade in diesem Mai ein eintägiges Training mit dem mobilen Deich.»

… über die Frage, ob die Feuerwehren massiv mehr Personal brauchen, wenn sich die Hochwasser und Waldbrände häufen.

Die Feuerwehren einfach aufzustocken sei keine gute Strategie – neue Leute müssten dann auch entsprechend ausgebildet werden. «In Zofingen sind wir in der glücklichen Lage, dass wir genug Leute haben. In den letzten beiden Jahren haben sich so viele Leute bei der Feuerwehr gemeldet wie in den letzten Jahren nie mehr. Das zeigt: Das Interesse, mitzumachen, ist vorhanden. Gute und gut verfügbare Leute zu rekrutieren, das bleibt eine Herausforderung und eine permanente Aufgabe.»

Das verstärkte Interesse an der Feuerwehr führt Graber auf die Pandemie zurück: «Der Gedanke, zu helfen, spielt eine Rolle – deshalb wurde wieder vermehrt der Zugang zur Feuerwehr gesucht.» Das sei ein erfreulicher Nebeneffekt der Pandemie. «Wir mussten die letzten beiden Jahre nicht aktiv rekrutieren – und konnten unseren Bestand trotzdem ausbauen.»

… über neue Modelle bei der Bewältigung von Extremereignissen – beispielsweise Hilfskorps, die bei Überschwemmungen ausrücken könnten.

«Neue Organisationsformen bringen auch neue Führungs-, Ausrüstungsund Ausbildungsaufgaben mit sich. Ich bin überzeugt, dass wir heute gut aufgestellt sind.» Die Feuerwehr komme als Blaulicht-Organisation schnell zum Einsatz, der Zivilschutz reagiere langsamer, könne aber länger durchhalten. Graber vergleicht die Organisationen mit olympischen Disziplinen: «Die Feuerwehr ist der Sprinter, der Zivilschutz ist der Marathon-Läufer – er ist zwar nicht so schnell am Start. Wenn er aber einmal läuft, hat er eine bessere Durchhaltefähigkeit.»

Neue Organisationen seien unnötig: «Wir müssen die bestehenden Organisationen und Möglichkeiten noch besser nutzen.» In Zofingen sei das gelungen, weil man Feuerwehr und Bevölkerungsschutz unter ein Dach gestellt habe. «Die Zusammenarbeit in der Ausbildung und in der Führung sei näher zusammengerückt. «Das stellte sich gerade bei den Ereignissen diesen Sommer als sehr positiv heraus – daran müssen wir weiterarbeiten.»

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