Zeiningen

«Ich habe die Kinder nicht gesehen» – Gericht spricht Pick-Up-Fahrer (52) nach Schlittel-Drama frei

Der Autofahrer, der im März 2017 in Zeiningen drei schlittelnde Kinder mit seinem Wagen erfasste, wurde vor dem Bezirksgericht Rheinfelden freigesprochen. Der Autofahrer konnte seine Unschuld am Drama plausibel erklären.

Franz (Name geändert) wollte nur seinem Kollegen helfen. Dieser hatte den 52-jährigen Landwirt aus Zeiningen am 21. Januar 2017 angerufen und gebeten, ihm eine Ladung Brennholz zu bringen.

Franz lud seinen Chevrolet Pick- Up mit Holz voll und machte sich auf den Weg zum Hof seines Kollegen, der etwas oberhalb des Dorfes liegt. Mit knapp 30 km/h fuhr er den Bachtalenweg hoch, der mit einem Fahrverbot belegt ist – ausgenommen sind Land- und Forstwirtschaft.

Er sei langsam und vorsichtig gefahren, der Weg sei schmal und zum Teil mit Schneeresten bedeckt gewesen, sagte Franz gestern Mittwoch vor dem Bezirksgericht Rheinfelden. «Plötzlich habe ich einen Schlag gegen das Auto gespürt», sagte der Landwirt, «ich habe angehalten, bin ausgestiegen und habe drei Kinder am Boden liegen sehen.»

Landwirt nicht schuld an Schlittelkinder-Unfall

Landwirt nicht schuld an Schlittelkinder-Unfall

Drei Kinder wurden beim Zusammenprall schwer verletzt. Berichte der Polizei zeigen nun: Der 52-Jährige hätte die Kinder nicht sehen können.

Kinder krachten in Pick-Up

Diese schlittelten mit sogenannten Snowgliders – die Kantonspolizei bezeichnete die Gefährte als «Füdlibobs» – einen kleinen, steilen Pfad hinunter, der in den Bachtalenweg mündet und krachten in den Geländewagen.

Auf dem vordersten Bob sass ein damals 14-jähriger Knabe, der beim Aufprall schwer verletzt wurde, zwei Mädchen, die hinter ihm sassen, trugen leichte Verletzungen davon. Inzwischen geht es dem Knaben wieder gut, für kurze Zeit schwebte er nach dem Unfall aber in Lebensgefahr, weil seine Lungenfunktion beeinträchtigt war.

Schlittelunfall in Zeiningen: Drei Kinder bei Kollision mit Auto verletzt (21. Januar 2017)

Schlittelunfall in Zeiningen: Drei Kinder bei Kollision mit Auto verletzt (21. Januar 2017)

  

«Ich habe die Kinder nicht gesehen, an der Stelle hat es Büsche, die einem die Sicht verdecken», sagte Franz. Der ledige Bauer, der mehr als 30 Jahre in der lokalen Feuerwehr war und dort unter anderem die Fahrerausbildung unter sich hatte, kennt das Dorf sehr gut.

«Ich weiss, dass es den kleinen Pfad gibt, aber mir sind dort noch nie schlittelnde Kinder, Velofahrer, Spaziergänger, oder überhaupt Leute begegnet», sagte Franz weiter. Er hätte nie damit gerechnet, dass dort schlittelnde Kinder herunterkommen würden.

«Hätte damit rechnen müssen»

Das sah die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg anders. Sie warf dem Bauern fahrlässige schwere Körperverletzung vor und beantragte eine bedingte Geldstrafe von 9900 Franken sowie eine Busse von 2400 Franken.

Als ortskundiger Landwirt – Franz ist in Zeiningen aufgewachsen und hat zeit-lebens im Dorf gewohnt – hätte er aufgrund der Verhältnisse am Unfalltag «mit Personen (insbesondere mit Kindern), die schlitteln, rechnen müssen», heisst es in der Anklageschrift.

Anhand von Schneespuren auf dem Bachtalenweg sei erkennbar gewesen, dass der von links einmündende Pfad als Schlittelweg benutzt werde.

Zudem habe sich der Unfall an einem Samstagnachmittag direkt angrenzend an ein Wohnquartier ereignet – für die zuständige Staatsanwältin, die bei der Gerichtsverhandlung nicht anwesend war, sind das weitere Hinweise, dass mit Schlittlern zu rechnen sei. Franz habe beim Holztransport unvorsichtig gehandelt, sei zu wenig aufmerksam gewesen und habe so seine Pflichten als Autolenker verletzt.

Nach schwerem Schlittelunfall in Zeinigen: Fahrer muss vor Gericht

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Im Oktober 2017 erhob die Aargauer Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen Autofahrer, der die schlittelnden Kinder erfasste.

Geht es nach der Staatsanwaltschaft, hätte Franz bremsen oder gar anhalten sollen, «um sich zu vergewissern, dass keine Personen (insbesondere Schlittler) vom Waldweg in den Bachtalenweg einmünden».

Vortrittsregel würde umgekehrt

Franz schüttelte den Kopf und sagte zu Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab, er habe nichts falsch gemacht. Bei einem Schuldspruch würde er für etwas verurteilt, «für das ich gar nichts kann».

Auch sein Verteidiger kritisierte die Anklage der Staatsanwaltschaft und wies darauf hin, dass diese praktisch zur Umkehrung der Vortrittsregel führen würde. Franz sei vortrittsberechtigt und nicht verpflichtet gewesen, anzuhalten und nach Schlittlern Ausschau zu halten. Dies um so weniger, als die Gemeinde später bestätigt habe, dass der Pfad, wo es zum Unfall kam, nicht als Schlittelweg bekannt sei.

Einzelrichterin Lützelschwab folgte dieser Argumentation und sprach Franz vom Vorwurf der fahrlässigen schweren Körperverletzung frei. Die schlittelnden Kinder seien, wie eine Rekonstruktion der Kantonspolizei zeige, für ihn nicht sichtbar gewesen.

Ausserdem habe es auf der Anfahrt keine Hinweise gegeben, dass mit Schlittlern zu rechnen sei. Nur dann wäre für Franz spezielle Vorsicht geboten gewesen. Auch die Schneespuren auf dem Bachtalenweg liessen nicht zwingend darauf schliessen, dass der einmündende Pfad als Schlittelweg benutzt werde.

Die Kinder seien eingehängt zu dritt auf den Bobs unterwegs gewesen, mit hoher Geschwindigkeit den Hang heruntergerutscht und praktisch aus dem Nichts aufgetaucht. Lützelschwab kam zum Schluss, es sei ein unglücklicher Zufall gewesen, wie dies auch die Mutter des verletzten Knaben bei der polizeilichen Befragung gesagt hatte.

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