Frau Reimann, wann haben Sie realisiert, dass Sie hochsensibel sind?

Evelyn Reimann: Ich bin so auf die Welt gekommen. Schon als Kind war ich sehr sensibel. Ich hatte Nahtod-Erlebnisse und sehr intensive Tagträume. Aber als kleines Mädchen durfte man viel Fantasie haben und weder ich noch meine Umgebung sahen das als Problem.

Sind Hochsensible nicht einfach Menschen mit einem fragilen Nervenkleid?

Das wäre dann die milde Form. Aber wie beim Burnout oder einer Depression gibt es auch bei Hochsensiblen verschiedene Schweregrade. Mein Fall betrifft eine ausgeprägte Form von Hochsensibilität.

Können Sie konkreter werden?

Man könnte auch sagen, dass ich eine Übersensibilität habe, was auch zu rascher Erschöpfung führt, da ich viel mehr Eindrücke zu verarbeiten habe, als dies normalerweise der Fall ist. Dazu bin ich auch innerlich stark von Ideen und Empfindungen umgeben. Ich bin wie ein Staubsauger, der alles aufsaugt. Das Positive ist, dass ich dadurch über eine reiche Innenwelt wie auch über eine scharfe Beobachtungsgabe verfüge.

Ab wann wurde dies zum Problem?

Es gab keinen auslösenden Moment. Ich habe wie andere junge Leute versucht, meinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Ich habe das Gymnasium besucht, zehn Sprachen gelernt und spiele mehrere Musikinstrumente. Dazu kamen das Studium und diverse Jobs – auch im Ausland. Und in allem, was ich gemacht habe, war ich ziemlich gut. Aber dann kam immer der Moment, wo es zu stressig wurde und mich meine Hochsensibilität zum Aufhören zwang.

In solchen Fällen geht man zum Psychiater.

Genau das war zunächst mein Weg – aber nicht die Lösung. Ich habe viele Seelendetektive aufgesucht und manchen Hosenboden auf Stühlen von Therapeuten durchgescheuert. Aber die Psychiatrie und die Medizin haben noch keine Rezepte für die Welt der Hochsensiblen. Es gibt keine medizinische Diagnose für meinen Zustand.

Wollen Sie damit sagen, man konnte Ihnen nicht helfen?

Auf jeden Fall nicht so, wie ich es mir gewünscht habe. Es ist noch nicht lange her, da suchte ich einen bekannten Psychiater auf. Ich wollte nur noch eines – endlich eine gesellschaftsfähige Diagnose verpasst bekommen, die mein ganzes Lebensleid endlich in einem einzigen Wort erklären würde. Anstelle von vergeblichen Versuchen, mein Leben zu erklären, würde ein gut klingender griechischer oder lateinischer medizinischer Begriff bei den Mitmenschen statt Unverständnis ein wohlwollendes Nicken und Verständnis auslösen.

Kennen Sie andere Leute, die am gleichen Phänomen wie Sie leiden?

Sie sind zahlreicher als bekannt. Aber niemand geht damit an die Öffentlichkeit. Im Gegensatz zum Burnout, der Depression oder dem Suizid haben wir keine prominenten Vertreter, die offen darüber reden. Wer sagt zum Beispiel schon öffentlich, dass er wie ich kein Handy hat, weil die Strahlungen starke Kopfschmerzen auslösen. Hochsensiblen wird dann rasch der Stempel eines Hypochonders aufgedrückt, die in der leistungsorientierten und materialistischen Gesellschaft nicht bestehen können und keinen Platz finden.

Ihr Vater ist im Gegensatz eher leistungsorientiert. Gab es da Konflikte?

Nein, im Gegenteil. Ich leide an den Vorurteilen der Leute über meinen Vater. Als Tochter erlebe ich ihn im persönlichen Umgang gar nicht leistungsorientiert. Für meine nähere Umgebung war es aber nicht leicht, meine Hochsensibilität zu verstehen. Deswegen muss ich, wo ich auch bin, meinen eigenen Weg gehen.

Darüber haben Sie jetzt ein Buch geschrieben.

Der vorhin erwähnte Psychiater war ein Auslöser dazu. Statt mir die ersehnte Diagnose zu stellen, riet er mir, ein Buch zu scheiben. Da er innert kurzer Zeit der Zweite war, der mir diesen Tipp gab, entstand eine Art autobiografischer Roman, der als Ausgangslage meine Hochsensibilität zum Thema hat. Es ist aber kein Seelenverarbeitungsroman. Inhaltlich geht es unter anderem um Menschen in schweren Krisen, die dadurch in tiefere Bereiche vordringen. Hochsensible haben ein extrafeines Gespür für erweiterte Erfahrungsbereiche.

Literaturkritiker und Psychiater, die das Buch bereits gelesen haben, bezeichnen Sie als neue Autoren-Entdeckung. Ihre Meinung dazu?

Das überlasse ich den Lesern meines Romans. Erfolg kann aber Motivation sein, weiterzuschreiben, was ich aber sowieso mache. Mit dem Buch habe ich mit Wortwitz und einer stark bildlichen Sprache versucht, einen Einblick in die unbekannte Welt der Hochsensiblen zu gewähren. Es geht um die Entwicklung einer jungen Frau, die gegen Hindernisse mutig und konsequent ihren eigenen Weg beschreitet. Mein Roman geht aber über die Problematik der Hochsensiblen weit hinaus und berührt auch mythische und spirituelle Bereiche der Menschheit, denen heute zu wenig Beachtung geschenkt wird. Daher würde es mich natürlich freuen, wenn das Buch viele Menschen erreichen und berühren würde.

Trotz Wortwitz – Sie beschreiben Ihr Leben als eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod.

Das ist es auch. Ein Kapitel handelt vom Garten der Selbstmörder. Ich weiss, wie es ist, wenn man an einem Abgrund steht und an Selbstmord denkt. Ich kenne tiefste Verzweiflung. Aber ich zeige auch auf, dass in diesen Zeiten tiefster Hoffnungslosigkeit innere Entwicklungen passieren können, die einen enorm weiterbringen in jeder Hinsicht. Ich habe in meinen 35 Jahren Erfahrungen und Erlebnisse durchgemacht, für die andere mehr als ein Leben brauchen würden. Gleichzeitig sehe ich noch sehr jung aus. Ich sage dann jeweils, das ist nur so, weil ich schon so viele Tode gestorben und neu geboren wurde (lacht).

Wünschen Sie sich manchmal, Sie wären als «Dickhäutige» auf die Welt gekommen?
Natürlich habe ich den Wunsch, ein normales Leben zu führen. Gleichzeitig weiss ich, dass ich keinen anderen Weg als den eigenen habe. Ob mich dieser in eine Welt führt, in der ich meinen Platz finde, wird die Zukunft zeigen. Ich bin aber überzeugt, dass die Welt im Wandel begriffen ist und Menschen vermehrt nach anderen Qualitäten suchen als das, was die materialistische Gesellschaft zu bieten hat. Die Zeit für Hochsensible, die in diesem zukünftigen Bereich ihre Stärken haben, wird erst noch kommen.

Evelyn Reimann, Die Schicksalsweberei, Verlag Johannes Petri. Vernissage Dienstag, 6. Mai, 19 Uhr, Buchhandlung Das Narrenschiff in Basel, Eintritt frei.