Frickers Rücktritt

Freund und Feind überrascht – «Das ist ein harter Schritt für ihn und seine Karriere ist jetzt wohl vorbei»

Aargauer Nationalräte äussern sich zu Jonas Frickers Rücktritt. Von links nach rechts: Thierry Burkart, Cédric Wermuth, Andreas Glarner.

Aargauer Nationalräte äussern sich zu Jonas Frickers Rücktritt. Von links nach rechts: Thierry Burkart, Cédric Wermuth, Andreas Glarner.

Ob Thierry Burkart, Andreas Glarner, Ruth Humbel oder Cédric Wermuth: Mit Frickers Rücktritt hat kaum einer der Aargauer Nationalräte gerechnet. In der Sache gehen alle hart ins Gericht mit dem Grünen.

FDP-Nationalrat Thierry Burkart hat nicht mit Frickers Rücktritt gerechnet. Zwar war die Entschuldigung des Grünen-Politikers auch in Burkarts Augen zu wenig. Auf Twitter schrieb der Freisinnige am Donnerstag: «Mit einer Entschuldigung ist vorgelesene Verharmlosung der Nazi-Verbrechen nicht erledigt.» Burkart hätte erwartet, dass sich Fricker «ernsthaft mit dem Gesagten auseinandersetzt und sich überlegt, wie er zu solchen unhaltbaren Aussagen gekommen ist.» Mit dem Rücktritt nun zeige er Grösse. «Die maximale Konsequenz Rücktritt wäre meines Erachtens aber nicht nötig gewesen», findet Burkart, der wie Fricker aus Baden kommt.

Für Burkart zeigt der Fall Fricker auch: «Wir Politiker müssen uns stets sehr gut überlegen, was wir wann wie sagen. Einmal Gesagtes kann man nicht mehr zurücknehmen.»

Bei der SVP noch schneller weg?

SVP-Nationalrat Andreas Glarner findet den Rücktritt richtig. «Hätte das einer von uns gesagt, wäre er innert 15 Minuten weg gewesen aufgrund des Drucks.» Glarner selber hat Frickers Holocaust-Vergleich im Nationalratssaal nicht mit eigenen Augen gesehen: «Ich war gerade draussen und wurde dann von Parteikollege Büchel darauf aufmerksam gemacht. Als ich das nachgelesen habe im Protokoll, konnte ich es kaum glauben. Wie kann man nur so etwas Unsägliches, Dummes sagen.»

"Ein aussergewöhnlicher Schritt"

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel sass im Nationalratssaal, als Fricker seine fatale Rede hielt. «Ich war erschrocken, als ich den Vergleich mit dem Holocaust gehört habe. Das war eine klare Grenzüberschreitung», sagt Humbel. Zum Rücktritt meint sie: «Ich bin nicht sicher, ob das nicht eine Überreaktion war. Offenbar war der Druck in der eigenen Partei sehr gross.» Sie habe Jonas Fricker als «Herzblut-Politiker» kennen gelernt und ihn geschätzt. «Der Rücktritt ist ein harter Schritt für ihn und seine politische Karriere jetzt wohl vorbei.»

Cédric Wermuth, SP-Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, findet Frickers Rücktritt "konsequent und respektabel": «Das ging nun alles sehr schnell und ist ein aussergewöhnlicher Schritt.» Er nehme den Rücktritt zur Kenntnis. Er ändere aber nichts am Umstand, dass nicht gehe, was Fricker gesagt habe. Wermuth kennt seinen Aargauer Politkollegen gut: «Jonas Fricker ist sicher kein Antisemit, aber solche Aussagen dürfen nicht passieren und sind nicht zu entschuldigen.» Er begrüsse es, «wenn die Grünen das Thema nun parteiintern angehen und klären».

Blinder Fleck bei Linken

Das findet auch CVP-Kantonalpräsidentin Marianne Binder wichtig, die als Badenerin Jonas Fricker gut kennt und ihm «trotz dem unerträglichen Votum keine entsprechende Gesinnung» unterstellen will. «Wenn Jonas Fricker jetzt die Konsequenzen zieht, bringt er damit auch alle in seiner Partei unter Druck, die seine Aussage jetzt heftig verurteilen, bei anderen aber bisher immer schwiegen», sagt Binder und konkretisiert: Leute, die unter dem Deckmantel von «Israelkritik» die klassischen Vorurteile gegen Juden ausleben würden. Der rechte Antisemitismus sei nicht überwunden, aber wenigstens identifiziert, so Binder. «Der linke muss auch aufgearbeitet werden, denn da ist ein blinder Fleck. Bekämpfen muss man ihn, wo er auftaucht.»

Autor

Rolf Cavalli

Rolf Cavalli

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