Der AKB-Chef im Interview
Dieter Widmer zu unbewilligter Guerilla-Aktion: «Der Bankenmarkt ist nirgends so umkämpft wie im Aargau»

Seit das Ende der NAB beschlossen und kommuniziert ist, intensivierte sich der Wettbewerb auf dem ohnehin umkämpften Bankenplatz Aargau. Richtig offensiv trat die Staatsbank auf. Die AKB machte mit zahlreichen Inseraten und einer unbewilligten Guerilla-Aktion von sich reden – Direktionspräsident Dieter Widmer nimmt Stellung.

Sébastian Lavoyer
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AKB-Direktionspräsident Dieter Widmer findet, seine Bank habe zwar intensiv um die Gunst neuer Kunden gebuhlt, aber niemals die Grenzen des Respekts verletzt.

AKB-Direktionspräsident Dieter Widmer findet, seine Bank habe zwar intensiv um die Gunst neuer Kunden gebuhlt, aber niemals die Grenzen des Respekts verletzt.

Sandra Ardizzone

Dieter Widmer tippt sein E-Mail fertig, erhebt sich und begrüsst den Besuch am Hauptsitz der Aargauischen Kantonalbank (AKB). Der Direktionspräsident ist – trotz Krise – guter Dinge. Es scheint fast, als würde ihm der intensive Wettbewerb im Kanton behagen. Seit dem Ende der Neuen Aargauer Bank (NAB) hat sich der Kampf um Kunden noch einmal intensiviert.

Haben Sie blaue Farbe an den Fingern?

Dieter Widmer: Nein, schauen Sie. (Hebt die Hände und lacht.)

Sie wissen, warum ich frage?

Ja, klar. Wegen unserer Aktion mit den Fussspuren. Die waren übrigens nicht auf den Boden gemalt, sondern geklebt.

Ja, genau darum. Die AKB klebte in insgesamt neun Gemeinden blaue Füsse auf Trottoirs, die den NAB-Kunden den Weg in die nächste AKB-Filiale wiesen. Eine Guerilla-Aktion der Bank, die zu 100 Prozent dem Kanton Aargau gehört.

Ja, genau darum. Die AKB klebte in insgesamt neun Gemeinden blaue Füsse auf Trottoirs, die den NAB-Kunden den Weg in die nächste AKB-Filiale wiesen. Eine Guerilla-Aktion der Bank, die zu 100 Prozent dem Kanton Aargau gehört.

Zvg / Aargauer Zeitung

Es war eine unbewilligte Aktion. Wussten Sie davon?

Selbstverständlich war ich informiert. Es war eine spontane Aktion und wir haben die Fussspuren wieder entfernt, wo das die Gemeinden gewünscht haben.

Und?

Wir wiesen mit den Fussspuren ja den Weg von der NAB- in die AKB-Filiale. Aber nur in den Gemeinden, in denen die NAB-Filiale nicht durch eine Filiale der Credit Suisse ersetzt wird und in denen wir präsent sind. Das waren neun Gemeinden, in vier haben wir die Kleber vorzeitig entfernt. Zirka Mitte Dezember sind sie sowieso überall wieder weg.

Dieter Widmer – AKB-Direktionspräsident Dieter Widmer – AKB-DirektionspräsidentEr wurde im Juni 2018 quasi über Nacht zum CEO der Aargauischen Kantonalbank (AKB), weil sich sein Vorgänger Pascal Koradi wegen des Postauto-Skandals zum Rücktritt gezwungen sah. Er ist Banker durch und durch, seit über 20 Jahren bei der AKB. Daneben ist er passionierter Tennisspieler und Golfer, vor allem aber auch Ehemann und Familienvater von zwei Söhnen.

Dieter Widmer – AKB-Direktionspräsident Dieter Widmer – AKB-DirektionspräsidentEr wurde im Juni 2018 quasi über Nacht zum CEO der Aargauischen Kantonalbank (AKB), weil sich sein Vorgänger Pascal Koradi wegen des Postauto-Skandals zum Rücktritt gezwungen sah. Er ist Banker durch und durch, seit über 20 Jahren bei der AKB. Daneben ist er passionierter Tennisspieler und Golfer, vor allem aber auch Ehemann und Familienvater von zwei Söhnen.

CH Media

Eine unbewilligte Guerilla-Aktion ist speziell für ein Staatsunternehmen.

Ja, das ist sicher nicht unser Tagesgeschäft im Marketing. Aber es zeigt auch, in was für einem Umfeld wir uns bewegen. Der Aargau war bei den Banken schon immer ein umkämpfter Kanton. Die Integration der NAB in die Credit Suisse hat neue Kräfte freigesetzt, die Spielregeln werden neu gemacht. Sehr viele Institute haben in dieser Phase versucht, auf sich aufmerksam zu machen. Wir haben auf die Aktion übrigens sehr viel positives Feedback bekommen.

Ist das der neue AKB-Stil?

Ich denke, der Bankenmarkt ist nirgends so konfrontativ wie im Aargau. Andere Kantonalbanken haben einen Marktanteil von 50, 60 Prozent. Das haben wir nicht, der Wettbewerb war hier immer schon härter. Dass wir zusätzliche Aktivitäten eingeleitet haben, hat mit dem Ende der NAB zu tun. Das ist schon ein Erdbeben.

Wie meinen Sie das?

Die NAB war einerseits eine In­stitution im Kanton. Sie hat viel gemacht für die Kultur, das Leben der Menschen. Wie das weitergeht, wird sich weisen. Zudem verlieren viele Leute ihren Job.

Es gab Beschwerden wegen des offensiven Werbens der AKB beim Regierungsrat. Wurden Sie gerüffelt?

(schmunzelt unter der Maske) Nein, wir haben ein sehr gutes Verhältnis mit der Regierung. Wir gehören dem Kanton, haben eine Staatsgarantie, die wir mit dem höchsten Satz aller Kantonalbanken abgelten (12 Millionen pro Jahr, Anm. d. Red.). Aber daneben sind wir im Wettbewerb mit allen anderen Banken. Da ist es nichts als richtig, dass wir um die Kunden kämpfen.

Es soll zu Abwerbeversuchen gekommen sein, bei denen NAB-Mitarbeitenden garantierte Boni versprochen wurden. Was sagen Sie dazu?

Das haben wir nicht gemacht. Natürlich, wir haben offene Stellen, die wir zu besetzen versuchten. Aber fixe Boni oder überhöhte Saläre geht nicht, das würde nicht in unser Gefüge passen und auch nicht in unsere Kultur. Aber wir wissen, dass so etwas passiert sein soll.

Warum sind die NAB-Mitarbeitenden so begehrt?

Mit dem Verschwinden der NAB wird der regionale Arbeitsmarkt kleiner. Das heisst, es wird schwieriger, regionaltätige Banker zu finden. Man überlegt sich also besser jetzt schon, welche Positionen man besetzen muss.

Laut Ihrer neuen Strategie wollen Sie nachhaltig handeln. Gehört da nicht auch das Verhalten gegenüber der Konkurrenz darunter?

Doch absolut. Sie sagen es richtig, Nachhaltigkeit ist für uns nicht nur eine Frage der CO2-Kompensation, denn die Ökologie ist nur eine Dimension. Dazu kommt die soziale Komponente, der Umgang mit den Mitarbeitenden und der breiten Bevölkerung. Und die Unternehmensführung, da würde ich den Umgang mit der Konkurrenz ansiedeln.

Und wie war der Umgang?

Die Inserateaktion und auch die Aktion mit den Fussspuren haben nicht überall Jubelstürme ausgelöst. Aber wir haben immer den Respekt gewahrt und keine Grenze überschritten. Für mich ist es kein Widerspruch, wenn die AKB mit einem gewissen Selbstbewusstsein auftritt, solange man nicht arrogant wird, sondern mit einer Prise Humor agiert.

Selbstbewusst ist auch die Basellandschaftliche Kantonalbank. Sie expandiert ins Fricktal. Wie finden Sie das?

Es gibt keine Regeln, die besagen, dass Kantonalbanken Kantonsgrenzen nicht überschreiten dürfen. Das ist ein freier Wettbewerb. Wir haben das jetzt mal zur Kenntnis genommen.

Planen Sie den Gegenangriff?

Nein, so funktionieren wir nicht. Wir sehen genügend Potenzial in unserem Marktgebiet und darauf konzentrieren wir uns.

Die AKB hat die Kantonsgrenzen auch schon ignoriert.

Das war damals eine andere Situation. Mitte der 1990er-Jahre verschwand die Solothurner Kantonalbank, deshalb haben meine Vorgänger 1999 klugerweise entscheiden, nach Olten zu expandieren. Wir wurden mit offenen Armen empfangen und sind sehr zufrieden mit der Entwicklung dieser Region.

Werden Kantonalbanken ihr Stammgebiet künftig öfter verlassen?

Das wird sich zeigen. Wir streben das, wie gesagt, nicht an. Wichtig ist, dass der regional strukturierte Kanton Aargau auch regional geführt ist. So werden beispielsweise Entscheide im Fricktal vor Ort gefällt, strategische in Aarau. Die AKB ist somit die einzig kantonal tätige Bank, die sämtliche Entscheide im Aargau trifft. Bei den Grossbanken werden die Entscheide fürs Fricktal beispielsweise von Basel aus vorgenommen.

Sie sind auch ohne Expansion erfolgreich. Im Sommer schienen Sie auf Rekordkurs.

Wir werden trotz Corona ein gutes Jahr haben, wobei das zweite Semester nicht ganz so gut lief wie das erste. Bis jetzt sind wir insgesamt positiv überrascht, was die Auswirkungen der Pandemie auf das Kreditportfolio anbelangt. Zum einen weil unsere Region schon immer stark exportorientiert war, also dem Preisdruck ausgesetzt und deswegen ideenreich, flexibel und fit ist. Zum anderen denke ich, haben auch die Covid-Kredite geholfen. Und jetzt hat der Kanton ein nächstes Paket beschlossen, auch das wird helfen.

Was darf der Kanton von der AKB an Zahlungen erwarten?

Wir werden auch dieses Jahr die Eigenmittel planmässig erhöhen. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir mindestens so viel ausschütten werden wie im Vorjahr (66 Millionen Franken, Anm. d. Red.). Das Budget liegt 2021 unter dem guten Jahr 2020, trotzdem stehe ich zu den Ausschüttungszielen, die wir mit dem Kanton vereinbart haben.

Warum ein tieferes Budget?

Wegen der Unsicherheit durch Corona. Wir sind jetzt in der zweiten Welle. Aber kommt noch eine dritte? Hilft die Impfung? Wir wissen es nicht. Sollte es nicht so gut kommen, wie wir jetzt alle hoffen, dann leidet der Konsum und von dem hängt alles ab. Es wird weniger investiert, wenn weniger konsumiert wird. Es wird also vieles von der Dauer der Pandemie abhängen.

Womit rechnen Sie?

Eine nachhaltige Wirtschaftserholung dürfte erst Ende 2022 kommen. Die Monate nach dem Lockdown waren gut, aber die jetzige Phase drückt das Wachstum wieder. Wir müssen einfach verhindern, dass wir die Wirtschaft wieder runterfahren müssen. Wobei die Krise den Aargau insgesamt weniger stark trifft als andere Kantone.