Medienpreis AG/SO

Dieser Artikel ist preisgekrönt: «Wohlen ist überall» – Wie das System allmählich aus den Fugen geriet

Das «Haus zum Federal» steht mitten in Wohlen. Es ist sichtbares Sinnbild für die vielfältige Veränderung, die das Dorf zurzeit erlebt und bewegt.

Das «Haus zum Federal» steht mitten in Wohlen. Es ist sichtbares Sinnbild für die vielfältige Veränderung, die das Dorf zurzeit erlebt und bewegt.

In der Sparte Print gewinnt az-Autor Jörg Meier den Medienpreis Aargau-Solothurn. In diesem Text versucht ein Wohler, Nichtwohlern Wohlen zu erklären. Ein gelungenes Stück. Und wie Laudatorin Catherine Duttweiler sagte: «Wohlen ist überall».

Beginnen wir mit einer Beiz, die keine mehr ist. Das abgebildete «Haus zum Federal» steht an der Bünzstrasse, im Zentrum von Wohlen. Als es die Strohindustrie noch gab, trafen sich hier die Büezer. Das damalige «Fédéral» (mit doppeltem accent aigu) galt als Hochburg der Sozis und war im ganzen Freiamt bekannt für die attraktiven Serviertöchter.

Vor rund 40 Jahren schloss die letzte Wohler Geflechtfabrik. Sie befand sich mitten im Dorf, zwei Fussminuten vom «Fédéral». Heute ist da, wo früher die Maschinensäle standen, nur noch eine grosse Brache mit Parkplätzen. Seit Jahren wird darüber gestritten, ob und wie das Areal, das der Gemeinde gehört, überbaut werden sollte. Passiert ist wenig, ausser dass das Parkieren jetzt gebührenpflichtig ist.

Das Ende der Strohindustrie war auch das Ende des Restaurants Fédéral. Aus der Beiz wurde ein Coiffeursalon. Er wurde abgelöst durch einen Salon mit französischem Namen und rot beleuchteten Fenstern. Das konnte nicht gut gehen, so nahe bei der katholischen Kirche. Heute ist wieder ein anständiges und gut frequentiertes Coiffeurgeschäft im «Haus zum Federal» eingemietet.

Zurzeit macht das Haus einen trostlosen und ziemlich verlorenen Eindruck. Das direkt angebaute Gebäude hat man abgerissen. Das «Haus zum Federal» aber hat Glück. Es darf stehen bleiben.

Das Haus erzählt stumm den Moment der Veränderung. Das Haus mit seinen vielen Geschichten ist noch da. Aber die alten Geschichten haben keine Bedeutung mehr. Das Terrain ist vorbereitet für das Neue, das bald kommen wird. Aber man weiss noch nicht, wie das Neue wird.

Das «Haus zum Fédéral» wartet geduldig, es wirkt amputiert, verloren, ratlos. Es wird dadurch zum Sinnbild für den Zustand von Wohlen im Mai 2016.

Mit rund 16 000 Einwohnern ist Wohlen längst kein Dorf mehr. Die Wohler aber wollen keine Stadt sein, sondern ein Dorf bleiben. An einer Volksabstimmung im Jahre 2009 haben sie das deutlich zum Ausdruck gebracht. Das hat zur Folge, dass Wohlen zwar die Grösse, Aufgaben und Probleme einer Stadt hat, aber bis vor kurzem in den überlieferten Strukturen eines Dorfes funktionierte.

Regieren mit der Unterstützung des Volkes

Mittendrin der Gemeindeammann. Er war von 1998 bis zu seiner Suspendierung im Amt und der einzige Berufspolitiker im Dorf. Entsprechend gross war sein Wissen. Und Wissen ist Macht.

Nach seiner dritten Wiederwahl 2009 wurde im berühmten «Chäber» ausgiebig gefeiert. Denn keine einzige politische Partei oder Gruppierung hatte den amtierenden Gemeindeammann zur Wiederwahl empfohlen, kein einziger Gemeinderat stand hinter ihm. Trotzdem wurde der Ammann wiedergewählt. Das war der Moment, als man in Wohlen erkennen musste, dass der parteilose Ammann Politiker und Politik nicht brauchte, um sein Dorf regieren zu können.

18 Jahre wirkt der Gemeindeammann an der Spitze des Dorfes, politisch ist er stets umstritten und angreifbar, selber streitbar und stur; aber im Volk verankert. Damit das klar ist: Die Wohler wollten genau diesen Gemeindeammann. Deshalb haben sie ihn gewählt. Nicht nur einmal, sondern gleich fünfmal in Folge.

Der Ammann stand permanent in der Kritik der Politik, war Zielscheibe der SVP, holte sich aber seine Anerkennung im Volk. Das Volk schaute zu und manchmal weg, korrigierte an der Urne, was ihm nicht passte. Das war die Wohler Normalität. Damit liess sich lange Zeit leben.

Im Volk fand der bestens vernetzte Gemeindeammann auch Inspiration. Dort sassen die wichtigsten Ratgeber und Förderer; etwa der schlaue ehemalige Metzgermeister, der ehemalige Präsident des FC, die verdienten Wohler Alt-Banker. Der Gemeindeammann vergass nie, wer für ihn war und wer gegen ihn.

Was für Wohlen wichtig ist, wurde nicht politisch definiert, sondern direkt mit dem Volk besprochen. Zum Beispiel im «Chäber», bei den Donatoren des FC Wohlen, in der Kammergesellschaft, bei den Freunden des Strohmuseums. Der Gemeindeammann war überall aufmerksam dabei. Grosse Würfe waren innerhalb des Wohler Klientelsystems nicht möglich. Man fuhr nicht gut und nicht schlecht; einfach mittelmässig und nach allen Seiten.

Politische Kompetenz des Parlamentes nimmt ab

Entsprechend war auch die politische Kultur häufig eher dürftig. Sachpolitik wurde ständig durch allerlei Scharmützel auf persönlicher Ebene behindert. An vorderster Front kämpfte Jean-Pierre Gallati mit seiner SVP und völlig unzimperlich in der Wahl der Worte und Argumente gegen den Ammann. Wie man inzwischen weiss, hatte er letztlich Erfolg.

Politisches Engagement war im aufgeheizten Klima nicht attraktiv. Deshalb wurde es auch zunehmend schwierig, Persönlichkeiten für die politische Arbeit im und für das Dorf zu finden. Von den wenigen, die sich zur Verfügung stellten, gingen viele schon nach kurzer Zeit wieder. Das wiederum wirkte sich weiter auf die Qualität der politischen Arbeit aus.

Eine verhängnisvolle Entwicklung nahm ihren Lauf: Die Aufgaben der Gemeinde wurden zunehmend schwieriger, die politische Kompetenz für Lösungen nahm aber eher ab.
Die vom Ammann relativ autoritär geführte Verwaltung fiel zudem durch eine hohe Fluktuation auf. Der Einzige, der immer da war, das war der Ammann. Dies hatte zur Folge, dass dessen Wissensvorsprung gegenüber Politikern und Verwaltung Jahr für Jahr weiter zunahm – und damit auch seine Macht.

Der Gemeindeammann war Teil des Systems, von dem er glaubte, es im Griff zu haben. Ein Irrglaube. Kein komplexes System lässt sich kontrollieren. Vielleicht auch realisierte er zu wenig, dass auch er gesteuert wurde. Auch das wurde ihm zum Verhängnis.

Die Champions-League im «Freiämterhof»

Champions-League-Abend. Halbfinal Bayern München - Atlético Madrid. Im «Freiämterhof» ausgangs Wohlen sitzen die Stammgäste aus dem Quartier, die Jasser, die Kegler vom Kegelklub Freiamt und verfolgen das grosse Spiel auf dem grossen Bildschirm. Die munteren Turner der Männerriege kommen etwas später. Ein Mann sitzt an einem Tisch und blättert in einem Magazin. Wahrscheinlich ein Hotelgast.

Der «Freiämterhof» hat schon bessere Tage erlebt. Aber er ist mit seinen 18 Zimmern noch immer das grösste Hotel in Wohlen. Das Doppelzimmer ist für 120 Franken zu haben; oft werden die Zimmer gleich wochenweise vermietet; an Monteure, an Menschen, die vorübergehend und dringend eine Bleibe brauchen. Manchmal schickt auch das Sozialamt Leute vorbei oder sie kommen in Begleitung der Polizei.

Ein ehemaliger Einwohnerratspräsident verlässt mit Frau und Hund das Lokal. Sein Sohn politisiert wie einst der Vater für die Freisinnigen im Einwohnerrat. Man hat dem Sohn geraten, künftig bei heiklen Geschäften nicht mehr unverblümt seine Meinung zu sagen. Schliesslich gebe es auch noch andere Garagen im Dorf – also Vorsicht – ja niemanden vertäuben. Denn auch SVPler sind potenzielle BMW-Käufer.

Am Nebentisch diskutieren sie heftig über das Referendum gegen den Kunstrasen-Kredit. Mit 1,16 Millionen Franken soll die Gemeinde den FC unterstützen. Der Einwohnerrat hat den Kredit knapp gutgeheissen. Aber die SVP und weitere Gegner haben in Windeseile 1153 Unterschriften dagegen gesammelt. Das Volk wird entscheiden. Wie so häufig in Wohlen.
Dabei war die Unterschriftensammlung keine einfache Sache. Die Gegner des Kunstrasens wurden unter Druck gesetzt, zum Teil gar beschimpft.

Einschub: Die Wohler und ihr Verhältnis zum FC

Die Wohler mögen ihren FC. Sie sind eigentlich stolz auf ihren Klub, der schon die 14. Saison in der zweithöchsten Schweizer Liga spielt. Die Gemeinde besitzt ein zweckmässiges Stadion, das vor zwölf Jahren durch allerlei geschickte Tauschhandel finanziert werden konnte. Hauptsponsor des FC Wohlen sind die Industriellen Betriebe. Und die wiederum gehören zu 100 Prozent der Gemeinde Wohlen. Dass eine finanzschwache Kommune indirekt als Hauptsponsor ihres Fussballclubs auftritt, ist gewiss nicht alltäglich. Es ist aber erklärbar durch die Nähe der politischen Entscheidungsträger zum FC Wohlen. Rund 80 000 Franken beträgt dieser regelmässig kritisierte Sponsorenbeitrag pro Jahr. Bei einem Minimalbudget von rund 2,3 Millionen Franken für eine Saison reicht das natürlich nirgendwo hin.

Also braucht es Hunderte Wohler, die jedes Jahr viel Geld in ihren FC stecken. Seltsamerweise schlägt das Herz der meisten Wohler zwar insgeheim schon für ihren FC, vor allem, wenn es gegen Aarau oder richtige Grossklubs geht. Aber im Stadion Niedermatten sind sie nur in geringer Zahl anzutreffen. Zudem sind die Wohler mit Abstand das stillste Publikum im Land. 15 gut geölte Fans aus Schaffhausen reichen aus, um sämtliche Wohler zu übertönen. Die Wohler Liebe zum FC ist halt eher eine unaufdringliche, dafür aber eine treue, die man nicht lautstark verbreitet oder kundtut. Trotz aller Liebe bleibt der tüchtige Präsident Lucien Tschachtli allein im Verwaltungsrat. Es will einfach niemand Verwaltungsrat beim FC Wohlen sein.

Dummerweise steht das stimmige Stadion Niedermatten auf tiefem, lehmhaltigem Boden. Das hat zur Folge, dass das Hauptspielfeld im Schnitt nur gerade vier Stunden pro Woche benützt werden kann. Ein Kunstrasen könnte Abhilfe schaffen. Aber der kostet. Und der FC hat kein Geld. Deshalb soll ja die Gemeinde helfen.

Doch nun dies: Ein Investor aus Saudi-Arabien sei interessiert, beim FC Wohlen gross einzusteigen, heisst es. Der FC Wohlen gibt dazu keine Auskunft; es werde «weder dementiert noch kommentiert», heisst es auf Anfrage.

Die vier Stammtischler im «Freiämterhof» sind gegen den Kunstrasenkredit. Der Scheich könne ja auch den Kunstrasen spendieren, schlägt einer vor. Ja, sagt ein anderer, und der Scheich könnte doch gleich auch noch Eisbahn, Badi und Schulhaus finanzieren. Sie lachen, aber: Nein, zitieren lassen wollen sie sich nicht.

In München verschiesst Torres den Penalty. Bayern München scheidet trotzdem aus und die Stimmung im «Freiämterhof» ist ordentlich gut. Bevor die Stammgäste nach Hause gehen, offeriert ihnen Wirt Mehmet Calikusu wahlweise einen Ramazotti oder einen Limoncello.

Das System ist überfordert

In den letzten Jahren häuften sich die Anzeichen, dass das Wohler System kollabieren könnte. Zwar funktionierte die Gemeinde nach innen recht gut und der FC Wohlen konnte sich tapfer in der Challenge League behaupten.

Aber es gelingt nicht mehr, die grossen anstehenden Aufgaben souverän zu lösen. Seit bald 20 Jahren schiebt man die Sanierung von Schwimmbad und Eisbahn vor sich hin. Ein neues Schulhaus muss dringend gebaut werden. Doch davon ist man noch weit weg; man kann sich noch nicht einmal auf einen Standort einigen. Die Finanzen sind knapp, der Steuerfuss hoch, der Steuerertrag klein – und Besserung ist nicht in Sicht. Das System ist an seine Grenzen gelangt. Eingebettet in die überholten dörflichen Verwaltungsstrukturen mit dem omnipräsenten Gemeindeammann an der Spitze, kann es die komplexen Aufgaben, die Wohlen zu lösen hat, nicht mehr bewältigen.

Dazu kommt, dass die Opposition gegen den Gemeindeammann wächst. Die einflussreichen Freunde von früher sind älter geworden, viele haben ihre Ämter abgegeben und längst an Einfluss verloren, sind nur noch Passivmitglieder im System. Damit schwindet der Rückhalt des Gemeindeammanns. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zum Eklat kam.
Überraschend waren einzig die Umstände, die zur Suspendierung des Ammanns geführt haben. Aber darüber wurde schon mehr als genug geschrieben.

Viel interessanter ist die Frage, wie es nun in Wohlen weitergeht. Es scheint, als wisse das noch niemand genau. Die Situation erinnert an das eingangs beschriebene Bild vom «Fédéral»: Die Veränderung passiert zwar, doch noch ist nicht klar, was kommen wird. Und wie. Und wann.

Die sechs verbliebenen Gemeinderäte arbeiten intensiv. Der Kanton hat die Verwaltung geröntgt und verlangt Änderungen. Der Gemeinderat möchte ein neues Organisationsmodell: Die Gemeinde wird künftig von einem Geschäftsführer operativ geführt. Der Gemeinderat konzentriert sich auf strategische Aufgaben. Das ist nur für Wohlen neu. Andere Gemeinden funktionieren längst so.

Auch die SVP braucht eine neue Aufgabe. Vielleicht ist es doch nicht nur Zufall, dass sich ihr Denker und Lenker Jean-Pierre Gallati just nach erfolgreicher Erledigung seiner Mission aus dem Einwohnerrat verabschiedet hat. Aber auch neue Player sind aufgetaucht. Eine halb anonyme Gruppe von Wohler Architekten will das Dorf neu gestalten, die Lokalzeitung dient dabei als Sprachrohr. Und der Handwerker- und Gewerbeverein hat Ideen für das seit 25 Jahren brachliegende Merkur-Areal.

Abschied vom «Chäber»

Geblieben sind die ungelösten Aufgaben. Und neue kommen dazu. Innerhalb einer Woche mussten die Wohler erfahren, dass der Kanton die Gewerblich-Industrielle Berufsschule schliesst, dass das Referendum gegen den Kunstrasen kommt, dass Wohlen im Städteranking der «Bilanz» weiter verloren hat: Absturz von Platz 128 auf 137.

Seit einigen Wochen gibt es auch den «Chäber», die schweizweit bekannte Dorfbeiz, nicht mehr. Hier hat der Gemeindeammann jeweils seine Erfolge gefeiert und den Puls des Volkes gefühlt. Irma Koch, die 86-jährige Wirtin und Aargauerin des Jahres 2014, ist müde geworden und in eine Alterswohnung gezügelt.

An der Türe zum «Chäber» klebt ein handgeschriebener Zettel: «Vorübergehend geschlossen». Doch das ist nur noch eine trotzige Übertreibung. Der «Chäber» ist bereits Geschichte. Immerhin soll der Stammtisch gerettet und in die Altersresidenz überführt werden.

Derweil geht das Leben in Wohlen unbeirrt weiter. Über 200 Wohnungen sind im Bau oder bewilligt. Das Zusammenleben mit den Asylbewerbern erweist sich als recht unproblematisch. Die Ausländerquote hat sich bei knapp 38 Prozent eingependelt. Der Wohler Sänger Seven stürmt in Deutschland die Hitparade.

Am 22. Mai tagt der Einwohnerrat. Er befindet wieder über ein neues Parkierungsreglement und über die Frage, ob am Ufer der Bünz steinerne Sitzstufen eingebaut werden sollen. Dass der Gemeindeammann in sein Amt zurückkehrt, ist höchst unwahrscheinlich. Aber Leicester wurde ja auch englischer Meister.

Und ob der Scheich nun kommt und Wohlen rettet, ist auch nicht klar, muss aber eher bezweifelt werden.

Zum Schluss und aus aktuellem Anlass nochmals zurück an den Anfang und zum «Haus zum Federal»: Seit gestern steht da eine Bautafel, die verkündet, dass hier eine Wohnüberbauung mit dem träfen Namen «River» entsteht. Das «Haus zum Federal» wird integriert.

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